Atomdebatte in Deutschland 60.000 Atomkraftgegner protestieren in Stuttgart

"Ned bloß schwätza, abschalda!" Während in Japan die Sorge vor der atomaren Katastrophe wächst, gehen in Baden-Württemberg Zehntausende auf die Straße - und protestieren gegen die Atompolitik der Bundesregierung. Kanzlerin Merkel beruft angesichts der Lage in Japan einen Krisengipfel ein.

Das Erdbeben und die drohende atomare Katastrophe in Japan befeuert die Atomdebatte in Deutschland: Von Stuttgart zum Kernkraftwerk Neckarwestheim haben Zehntausende Atomkraftgegner eine Menschenkette gebildet. Sie forderten den sofortigen Atomausstieg.

"Abschaldä statt schwätza"

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Agenturberichten zufolge beteiligten sich bis zu 60.000 Menschen an der Kette - weit mehr, als die Veranstalter erwartet hatten. Als Grund für das gestiegene Interesse nannten die Veranstalter die Situation in Japan. Während der Kundgebung hielt ein Sprecher die Menschen über die aktuellen Ereignisse bezüglich des dortigen Atomkraftwerks auf dem Laufenden.

Unter dem Motto "Atomausstieg in die Hand nehmen" schlossen die Demonstranten am Nachmittag die Kette, viele trugen Anstecker und Aufkleber mit der Anti-Atom-Sonne. "Ned bloß schwätze, abschalda", stand auf einem Plakat. An der Menschenkette beteiligten sich darüber hinaus Anhänger von SPD, Grüne und Linke.

Unter den Demonstranten waren auch die Grünen-Bundesvorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir sowie die Spitzenkandidaten zur baden-württembergischen Landtagswahl von SPD und Grüne, Nils Schmid und Winfried Kretschmann. Die beiden reichten sich vor den Demonstranten demonstrantiv die Hände: "Das ist ein Tag der Betroffenheit und der Sorge", sagte der SPD-Politiker Schmid.

Merkel lädt zu Atom-Treffen

Bundeskanzlerin Angela Merkel berief angesichts der dramatischen Lage in Japan ein Krisentreffen im Berliner Kanzleramt mit ihren zuständigen Ministern ein. Sie stehe im Kontakt zur japanischen Regierung, sagte sie. Katastrophen-Spezialisten seien bereits auf dem Weg. "Wir denken an die Menschen und die Opfer in Japan", betonte die Kanzlerin.

Das Treffen von Merkel, Außenminister Guido Westerwelle (FDP), Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) diene der Lagebesprechung, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Zur Atomkraft in Deutschland äußerte sich Merkel aber nicht.

SPD, Grüne und Umweltschützer sehen das Unglück jedoch als Beleg für die hohen Risiken der Reaktortechnik und verlangten eine Rückkehr zum Atomausstieg. Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) hingegen verbittet sich angesichts der Notlage in Japan eine politische Diskussionen über die Sicherheit und Laufzeit von Kernkraftwerken in Deutschland. "Ich halte das für völlig deplaziert", sagte der Minister. Ähnlich äußerte sich sein Parteikollege Michael Fuchs. "Es ist nicht berechtigt, aus den Ereignissen in Japan Rückschlüsse auf die Nutzung der Kernenergie in Deutschland zu ziehen", sagte der stellvertretende Unions-Fraktionschef der Welt am Sonntag.

SPD und Grüne sehen das anders und fordern, die Verlängerung der Laufzeiten deutscher Atomkraftwerke rückgängig zu machen. Auch die deutschen Anlagen seien für einen derartigen Notfall nicht ausgelegt, erklärte Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin. Das sei der Grund für den Atomausstieg gewesen. Umso unverständlicher sei es, dass Röttgen so tue, "als sei Deutschland von den Vorgängen in Japan unberührt", betonte Trittin.

Die Parteivorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir, die sich beide an der Menschenkette in Stuttgart beteiligten, erklärten: "Hier bahnt sich offensichtlich eine Katastrophe von unfassbaren Ausmaßen an." Der drohende GAU zeige, dass die hochgefährliche Risikotechnologie Atomkraft nicht beherrschbar sei.

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel und SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier äußerten sich sehr zurückhaltend. Das Leid der Japaner dürfe nicht für innenpolitischen Streit instrumentalisiert werden, mahnte Gabriel. "Die Katastrophe in Japan erschüttert uns alle." Zum Atomausstieg erklärte er nur: "Die ablehnende Haltung der SPD zur Atomenergie ist klar und bekannt. Heute ist nicht der Tag, sie noch mal ausdrücklich zu wiederholen."

Der frühere SPD-Chef und rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck sagte in der Leipziger Volkszeitung: "Gerade unter dem Eindruck eines solchen Risikos wünschen sich wohl alle vernünftigen Menschen ganz dringend, das es beim Ausstieg aus der nicht beherrschbaren Kernkraft bleibt." Der SPD-Umweltexperte Matthias Miersch erklärte ebenfalls, das Thema müsse erneut auf die Tagesordnung. Die Bundesregierung solle die Verlängerung der Laufzeiten sofort zurücknehmen.