Aserbaidschan und Armenien Ein Konflikt, der auftaut und sich gleich erhitzt

Seit fast hundert Jahren belastet der Konflikt um Berg-Karabach die Beziehungen zwischen Armenien und Aserbaidschan.

Er galt als eingefroren, der Streit zwischen Aserbaidschan und Armenien um Berg-Karabach. Doch seit Monatsbeginn gibt es täglich Gefechte und Berichte über Tote. Russland spielt eine besondere Rolle.

Von Julian Hans, Moskau

Überlagert von den Sorgen um die Ukraine droht im Südwesten des postsowjetischen Raumes ein seit Jahrzehnten schwelender Konflikt erneut auszubrechen. Seit Monatsbeginn werden täglich neue Gefechte zwischen Soldaten Aserbaidschans und Armeniens an der Waffenstillstandslinie bei Berg-Karabach gemeldet. Dabei wurden nach sich widersprechenden Angaben beider Seiten mindestens 18 Soldaten getötet; die Zahl der Getöteten hat möglicherweise aber schon 100 erreicht. Der große Unterschied rührt daher, dass beide Parteien die Zahl der eigenen Opfer kleinrechnen und die des Gegners hoch ansetzen.

Die Regierungen in Eriwan (Jerewan) und Baku beschuldigen sich gegenseitig, den lange scheinbar eingefrorenen Konflikt wieder entfacht zu haben. Vor einer Woche warfen Baku und Eriwan der jeweils anderen Seite vor, sie habe Sabotagekommandos geschickt, um Posten an der Waffenstillstandslinie anzugreifen. Aserbaidschan ließ Kampfflugzeuge die Front abfliegen. Beobachter sprachen von den härtesten Zusammenstößen seit der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens 1994.

Gespräche unter Vermittlung von Russlands Präsident Putin

An diesem Wochenende trafen sich der aserbaidschanische Präsident Iljam Alijew und sein armenischer Kollege Sersch Sargsjan auf Einladung des russischen Präsidenten Wladimir Putin in der Nähe der Schwarzmeerstadt Sotschi. Nachdem Putin am Samstag zunächst mit beiden getrennt gesprochen hatte, gab es am Sonntag ein Treffen zu dritt. Zwar betonten alle Beteiligten, dass der Konflikt nur friedlich gelöst werden könne, Alijew und Sargsjan wiederholten jedoch vor allem die alten Vorwürfe an den Gegner.

Alijew erinnerte daran, dass die Vereinten Nationen in vier Resolutionen gefordert haben, dass Armenien besetztes Staatsgebiet Aserbaidschans räumen muss. "Leider sind diese Resolutionen über 20 Jahre Makulatur geblieben", sagte Alijew laut der russischen Nachrichtenagentur Interfax. Sargsjan machte dagegen Baku dafür verantwortlich: "Die aserbaidschanische Seite beruft sich immer auf die vier UN-Resolutionen. Aber welchen Punkt aus diesen Resolutionen hat Aserbaidschan denn selbst erfüllt?"

Laut Baku kam ein Soldat ums Leben

Putin nannte den Konflikt um Karabach ein "Erbe aus sowjetischer Zeit". Obwohl es internationale Mechanismen gebe, um regionale Konflikte beizulegen, sollten die besonderen Möglichkeiten genutzt werden, die aus den historischen Verbindungen zwischen Russland, Armenien und Aserbaidschan herrühren.

Noch während sich die Präsidenten in Sotschi trafen, gab es neue Zusammenstöße. Laut dem Verteidigungsministerium in Jeriwan wurden mehrere Orte auf armenisch kontrolliertem Gebiet von aserbaidschanischer Artillerie beschossen. Daraufhin habe man das Feuer erwidert. Baku berichtete von einem getöteten Soldaten. Auf beiden Seiten der Waffenstillstandslinie stehen sich Zehntausende Soldaten gegenüber.