Anschlagsserie gegen nigerianische Christen Die Sekte Boko Haram unterwandert den Staat

Der Feind ist gespenstisch. Mehrere hundert Menschen starben allein im vergangenen Jahr bei Attentaten der islamistischen Sekte - doch wer hinter Boko Haram steckt, ist weitgehend unbekannt. Nigerias Präsident hegt einen schlimmen Verdacht: Die Terror-Gruppe soll Polizei, Gerichte und Regierung unterwandert haben.

Von Arne Perras, Kampala

Der Biafra-Krieg liegt fast ein halbes Jahrhundert zurück, doch im kollektiven Gedächtnis der Nigerianer ist der Konflikt noch immer ein Trauma. Umso bedrohlicher klingt es, wenn Präsident Goodluck Jonathan nun über die jüngste Gewalt in seinem Vielvölkerstaat sagt, sie sei noch "schlimmer als der Bürgerkrieg".

Damals, in den Jahren 1967 bis 1970 starben etwa eine Million Menschen. Von diesem Ausmaß der Gewalt ist Nigeria zwar noch weit entfernt. Aber damals "haben wir gewusst, woher der Feind kam", zitierten nigerianische Medien den Präsidenten. "Heute ist die Herausforderung komplizierter."

Der Feind ist unheimlicher als in den Zeiten des Sezessionskrieges, als sich die erdölreiche Ostregion Biafra von der Zentralregierung abspalten wollte. Damals gab es verfeindete Lager, die noch überschaubar waren. Wo die Fronten heute verlaufen, können die Nigerianer selbst nicht mehr sagen. Denn sie wissen wenig über die Menschen, die den Terror verbreiten.

Der gespenstische Feind heißt Boko Haram. Die militante islamistische Sekte hat mit einer Serie von Anschlägen auf staatliche Einrichtungen, Polizeistationen, Moscheen und christliche Kirchen Nigeria an den Rand des Abgrunds getrieben. Mehrere hundert Menschen starben allein im vergangenen Jahr.

Boko Haram unterwandert den Staat

Erstmals sprach Jonathan davon, dass sich die Sympathisanten der Terror-Gruppe auch in den Reihen der Regierung, des Parlaments und der Gerichte versteckten. Hinzu kommen nach seinen Worten Boko-Haram-Unterstützer im Polizeiapparat, im Geheimdienst und Militär. Kurzum: Der ganze Staat sei von der militanten Sekte unterwandert.

Diese Analyse setzt sich deutlich ab von Jonathans früheren Einschätzungen. Zuvor hatte der Präsident die Gefahr heruntergespielt, seine Regierung versprach, dass die Organisation schon bald der Vergangenheit angehöre. Nun beschreibt er die Bedrohung umso drastischer, was wohl auch damit zu tun hat, dass er im Kampf gegen Staatsfeind Nummer Eins die Nation zusammenschweißen muss. Und das gelingt wohl nur, wenn alle Boko Haram als existenzielle Gefahr für die Zukunft begreifen.

Tatsächlich hat Boko Haram erhebliche Spaltkraft im bevölkerungsreichsten Land Afrikas entwickelt, das nahezu zur Hälfte von Christen und zur Hälfte von Muslimen bewohnt wird. Zwar zielt die Sekte auch gelegentlich auf Moscheen, wenn es darum geht, andersdenkende Muslime einzuschüchtern. Aber erst eine Serie von Attacken auf Kirchen in der Weihnachtszeit hat die Spannungen derart angefacht, dass christliche Verbände ankündigten, sich künftig "mit allen nötigen Mitteln zu verteidigen".

Noch nicht einmal der Vater weiß, ob sein Kind in der Sekte ist

Analysten fürchten, dass sich Attacken und Vergeltungsschläge aufschaukeln könnten und so einen Flächenbrand zwischen den Religionen entfachen, der Nigeria schließlich zerreißt. So weit ist es noch nicht, doch die zerstörerischen Kräfte von Boko Haram, die den Staat und allen westlichen Einfluss ablehnen, sind schwer zu greifen, was dem Präsidenten auch muslimische Führer im Norden bestätigt haben.

Wenn ein junger Mensch Mitglied dieser Sekte ist, dann weiß das oft nicht einmal der eigene Vater - so geheim ist dieser Bund der Radikalen. Die Attentäter sitzen vielleicht am Abend noch unerkannt mit am Tisch der Familie, bevor sie am nächsten Morgen eine Bombe zünden.

Patriotische Appelle

Um der Terror-Gefahr zu trotzen, werden nun patriotische Appelle laut, wie sie etwa das Oberhaupt der anglikanischen Gemeinde, Nicolas Okoh, an das Land richtete. Jeder Nigerianer müsse Opfer bringen, um die Nation zu retten. Und die Politiker dürften Nigeria nicht weiter destabilisieren, warnte der Erzbischof. Außerdem geißelte er die Korruption, die das Land zerstöre und das Misstrauen untereinander so weit treibe, dass der Staat nahezu unregierbar werde. Korruption gilt als einer der wesentlichen Faktoren, der frustrierte und benachteiligte Jugendliche im Norden Nigerias den Extremisten zutreibt.

Ob Präsident Jonathan das Land zusammen halten kann, ist ungewiss. Das neue Jahr hat die Regierung mit einem äußerst unpopulären Schritt eingeleitet, der ökonomisch sinnvoll sein mag, aber Jonathan politisch weiter schwächen dürfte.

Zum 1. Januar hat der Staat alle Treibstoffsubventionen gestrichen. Jetzt zahlen die Nigerianer mehr als doppelt so viel für ihren Sprit, weshalb sie zornig sind und die Gewerkschaften am Montag zum Generalstreik aufriefen. Der hat das Land lahmgelegt, in Lagos erschoss die Polizei einen Demonstranten. Das macht es Jonathan noch schwerer, seine angeschlagene Autorität wieder zu festigen.