AfD Alexander Gaulands seltsame Verwandlung

Brandenburg Holds State Elections POTSDAM, GERMANY - SEPTEMBER 14: Alexander Gauland, AfD (Alternative fuer Deutschland - Alternative for Germany) Kandidate for Brandenburg, (Alternative fuer Deutschland - Alternative for Germany, center) waites for the preliminary results from elections in the state of Brandenburg could give the AfD seats in the Brandenburg state parliament on September 14, 2014 in Potsdam, Germany. The Euroskeptic, right-of-center AfD has emerged as a viable new player on the German political landscape.(Photo by Axel Schmidt/Getty Images)

(Foto: Getty Images)

Einst galt er als intellektueller Konservativer - nun lässt der stellvertretende AfD-Chef sich als Scharfmacher von johlenden Massen tragen. Was ist passiert?

Von Jens Schneider, Potsdam

Das italienische Lokal mit Blick auf den Tiefen See in Potsdam, gegenüber dem Babelsberger Park, ist noch seine Welt. Hier empfängt der Mann, der im Alter den Populisten in sich entdeckte, gern zum Gespräch. Der Kellner bringt "Herrn Doktor Gauland" den bewährten Rosé. Hier ist Alexander Gauland der, der er früher war. In Potsdam hat sich der einstige Chef der hessischen Staatskanzlei und langjährige Herausgeber der Märkischen Allgemeinen Zeitung den Ruf eines intellektuellen Grandseigneurs erworben.

Das ist vorbei, der Ruf ist hin. Gauland hat ihn zerstört, als der AfD-Politiker, der er geworden ist. Mit Sätzen, die man ihm nicht zugetraut hätte. Gerade hat der 74-Jährige im Brandenburger Landtag freiwillige Helfer, die Flüchtlinge unterstützen, als nützliche Idioten bezeichnet. Es herrschte Aufruhr, und der stellvertretende Vorsitzende der AfD, ihr interessantester Kopf, wohl auch der gefährlichste, gab sich arglos. Es wirkte wieder mal, als ob Gauland aus einer eigenartigen Not heraus zum Agitator geworden ist und gar nicht merkt, was er tut. Wer ihn länger kennt, ist ratlos. Darum geht es im Gespräch: Was ist bloß passiert?

Er lächelt dazu sanftmütig und erklärt, dass nicht er sich verändert habe, sondern das Land. Deutschland sei aus den Fugen, die Identität bedroht. Als wären wir in einem Krieg, in dem nur noch Sieg oder Niederlage zählt. "Es geht um Geländegewinne, es geht um einen Abwehrkampf", sagt er: gegen jene, die in seinen Augen Deutschland aufgeben. Er meint die Bundesregierung, die Kanzlerin, ihre CDU, der er vier Jahrzehnte lang angehörte. Als er 2013 austrat, sprach er von Schmerz.

Viele dachten Gauland sei der Garant, dass die AfD nicht ganz nach rechts driftet

Es ist nicht die erste Begegnung am See, wir kennen uns seit Jahren. Seit 2005 stellten wir jedes halbe Jahr in Potsdam zusammen mit der Potsdamer Galeristin Ute Samtleben und dem Brandenburger SPD-Fraktionschef Klaus Ness politische Bücher vor. Nicht nur die Zuhörer hatten Spaß. Mit Gauland konnte man auf eine feine Art ganz und gar nicht einer Meinung sein - und auch übereinstimmen über kluge und schlechte Bücher.

Später kamen Gespräche über die AfD, bei deren Gründung viele dachten, er wäre ein Garant, dass die Partei nicht nach ganz rechts driftet. Er war ein diskursfähiger Vorzeige-Konservativer in einem Land, in dem die meisten, die als konservativ gelten wollen, kaum ausdrücken können, was sie meinen. Gauland konnte es, mit Stil. Er schrieb Bücher wie "Die Anleitung zum Konservativsein". Liberale Zeitungen druckten gern seine Kolumnen. Sein ganzer Gestus drückte Nachdenklichkeit aus.

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Dass ihn die Leute nicht mehr kennen wollen, schmerzt Gauland

Nun ist er einer der AfD-Scharfmacher. Immer häufiger muss man ihm die Frage stellen: "Wie können Sie so etwas sagen?" Und er antwortet, dass man ihn doch kenne, als sei damit alles nicht so schlimm.

Oh, doch, lautet die Antwort, es ist schlimm. Längst wenden sich manch frühere Gesprächspartner ab. Der Buch-Salon ist eingestellt, die liberalen Zeitungen wollen seine Kolumnen nicht mehr. Der Sozialdemokrat Ness ist einer von denen, die ihm aus dem Weg gehen. Er mochte ihn als Typen, freute sich auf den Streit über die Bücher. Heute nennt er ihn einen geistigen Brandstifter: "Wir haben hier Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte. Gauland erzeugt diese Stimmung mit seinen Aussagen. Er putscht das auf."

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Dass ihn Leute nicht mehr kennen wollen, schmerzt Gauland. Aber größer ist für ihn der Genuss, mit der AfD anzukommen, wo er doch schon als politisch abgemeldet galt. Als die AfD vor einem Jahr mit einem Rekordergebnis in den Brandenburger Landtag einzog, sprach er vom "glücklichsten Tag meines Lebens". Was für eine Aussage: nach einem Wahlsieg mit einer Partei, in der er - wie Gauland weiß - von entweder rechts unbedarften oder extrem rechten Menschen umgeben ist. Wo ist der konservative Blick aufs Leben, wenn einer ein Wahlergebnis zum Glück erklärt?