Süddeutsche Zeitung

AfD:Alexander Gaulands seltsame Verwandlung

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Einst galt er als intellektueller Konservativer - nun lässt der stellvertretende AfD-Chef sich als Scharfmacher von johlenden Massen tragen. Was ist passiert?

Von Jens Schneider, Potsdam

Das italienische Lokal mit Blick auf den Tiefen See in Potsdam, gegenüber dem Babelsberger Park, ist noch seine Welt. Hier empfängt der Mann, der im Alter den Populisten in sich entdeckte, gern zum Gespräch. Der Kellner bringt "Herrn Doktor Gauland" den bewährten Rosé. Hier ist Alexander Gauland der, der er früher war. In Potsdam hat sich der einstige Chef der hessischen Staatskanzlei und langjährige Herausgeber der Märkischen Allgemeinen Zeitung den Ruf eines intellektuellen Grandseigneurs erworben.

Das ist vorbei, der Ruf ist hin. Gauland hat ihn zerstört, als der AfD-Politiker, der er geworden ist. Mit Sätzen, die man ihm nicht zugetraut hätte. Gerade hat der 74-Jährige im Brandenburger Landtag freiwillige Helfer, die Flüchtlinge unterstützen, als nützliche Idioten bezeichnet. Es herrschte Aufruhr, und der stellvertretende Vorsitzende der AfD, ihr interessantester Kopf, wohl auch der gefährlichste, gab sich arglos. Es wirkte wieder mal, als ob Gauland aus einer eigenartigen Not heraus zum Agitator geworden ist und gar nicht merkt, was er tut. Wer ihn länger kennt, ist ratlos. Darum geht es im Gespräch: Was ist bloß passiert?

Er lächelt dazu sanftmütig und erklärt, dass nicht er sich verändert habe, sondern das Land. Deutschland sei aus den Fugen, die Identität bedroht. Als wären wir in einem Krieg, in dem nur noch Sieg oder Niederlage zählt. "Es geht um Geländegewinne, es geht um einen Abwehrkampf", sagt er: gegen jene, die in seinen Augen Deutschland aufgeben. Er meint die Bundesregierung, die Kanzlerin, ihre CDU, der er vier Jahrzehnte lang angehörte. Als er 2013 austrat, sprach er von Schmerz.

Viele dachten Gauland sei der Garant, dass die AfD nicht ganz nach rechts driftet

Es ist nicht die erste Begegnung am See, wir kennen uns seit Jahren. Seit 2005 stellten wir jedes halbe Jahr in Potsdam zusammen mit der Potsdamer Galeristin Ute Samtleben und dem Brandenburger SPD-Fraktionschef Klaus Ness politische Bücher vor. Nicht nur die Zuhörer hatten Spaß. Mit Gauland konnte man auf eine feine Art ganz und gar nicht einer Meinung sein - und auch übereinstimmen über kluge und schlechte Bücher.

Später kamen Gespräche über die AfD, bei deren Gründung viele dachten, er wäre ein Garant, dass die Partei nicht nach ganz rechts driftet. Er war ein diskursfähiger Vorzeige-Konservativer in einem Land, in dem die meisten, die als konservativ gelten wollen, kaum ausdrücken können, was sie meinen. Gauland konnte es, mit Stil. Er schrieb Bücher wie "Die Anleitung zum Konservativsein". Liberale Zeitungen druckten gern seine Kolumnen. Sein ganzer Gestus drückte Nachdenklichkeit aus.

Dass ihn die Leute nicht mehr kennen wollen, schmerzt Gauland

Nun ist er einer der AfD-Scharfmacher. Immer häufiger muss man ihm die Frage stellen: "Wie können Sie so etwas sagen?" Und er antwortet, dass man ihn doch kenne, als sei damit alles nicht so schlimm.

Oh, doch, lautet die Antwort, es ist schlimm. Längst wenden sich manch frühere Gesprächspartner ab. Der Buch-Salon ist eingestellt, die liberalen Zeitungen wollen seine Kolumnen nicht mehr. Der Sozialdemokrat Ness ist einer von denen, die ihm aus dem Weg gehen. Er mochte ihn als Typen, freute sich auf den Streit über die Bücher. Heute nennt er ihn einen geistigen Brandstifter: "Wir haben hier Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte. Gauland erzeugt diese Stimmung mit seinen Aussagen. Er putscht das auf."

Dass ihn Leute nicht mehr kennen wollen, schmerzt Gauland. Aber größer ist für ihn der Genuss, mit der AfD anzukommen, wo er doch schon als politisch abgemeldet galt. Als die AfD vor einem Jahr mit einem Rekordergebnis in den Brandenburger Landtag einzog, sprach er vom "glücklichsten Tag meines Lebens". Was für eine Aussage: nach einem Wahlsieg mit einer Partei, in der er - wie Gauland weiß - von entweder rechts unbedarften oder extrem rechten Menschen umgeben ist. Wo ist der konservative Blick aufs Leben, wenn einer ein Wahlergebnis zum Glück erklärt?

Auch das hätten viele ihm nicht zugetraut, die ihn aus Frankfurt kannten, oder später in Potsdam. In Frankfurt am Main hatte er für Walter Wallmann gearbeitet, der Bürgermeister und vier Jahre hessischer Regierungschef war, Gauland leitete die Staatskanzlei. Er pflegte, obwohl es CDU-Freunden nicht passte, schon früh Gespräche mit Grünen, lobte auch mal Joschka Fischer. Natürlich wusste jeder, dass er ein Konservativer mit Machtbewusstsein war. Legendär ist, dass sein Handeln im Parteiinteresse zum Modell für einen gnadenlosen Machtpolitiker in Martin Walsers Buch "Finks Krieg" wurde. Er kommt darin nicht gut weg, Gauland sagt lässig, dass Walser die Hintergründe nicht kannte. Verändert? Damals habe er eine andere Rolle gehabt. Und das Gefühl, den Lauf der Dinge beeinflussen zu können.

Jetzt sieht er sich, wie viele in der AfD, vom Zeitgeist überrollt - machtlos und doch im Gefühl, für die Mehrheit zu stehen. Mit diesem Impetus kämpfen er und andere für die AfD, als wäre es die letzte Chance, ihr Deutschland zu retten. Wenn Gauland die deutsche Entwicklung skizzieren soll, fällt alles Moderate ab. Dass die Regierung Offenheit für Geflüchtete zeigt, sehen sie als akute Bedrohung.

Findet er nichts gut daran, dass die Menschen kommen? "Nein."

Er will die Fremden nicht. Natürlich sei er für das Asylrecht für Verfolgte, ergänzt er, empfinde Mitleid. Das seien wenige. "Es kommen Menschen, die wir nicht gerufen haben", ruft er Anhängern bei Demonstrationen zu. Früher gefiel es ihm, für feine Gedanken geschätzt zu werden. Jetzt sieht man ihm die Freude an, wenn er wie bei der Demo der AfD in Berlin mit einer gnadenlos zugespitzten Wortwahl Beifall von Tausenden bekommt. Das Wohlgefühl des Erfolgs vor einer Masse kannte er bisher nicht. Er setzt die Ankunft der Flüchtlinge gleich mit dem "Untergang des Römischen Reiches, als die Barbaren über den Limes kamen".

Merkel brauchte ihn nicht, das spürte er

Barbaren? Er tut nicht so, als sei das nur ein historischer Vergleich gewesen. Er weiß, wie das Wort wirkt. Gern erzählt er, wie oft ihm Leute auf der Straße danken. Er sei in der Mitte. Von ihm stammt der Satz, die AfD sei die Partei der kleinen Leute, daraus leitet der Machtpolitiker viel ab. Wenig später skandierte er auf der Bühne den Slogan "Merkel muss weg!" Und freute sich, dass die Leute einstimmten. Der Slogan ist wie ein Symbol, das seinen Feldzug erklärt. Als Konservativer hatte er eine Heimat: die CDU, vor Merkel. Dann modernisierte sie die CDU. Bald erkannte er seine Partei nicht mehr wieder. Er engagierte sich in konservativen Zirkeln wie dem "Berliner Kreis" der CDU. Man nannte ihn einen rechten Vordenker. Merkel brauchte ihn nicht, das spürte er.

Wieder sagt Gauland, der viel auf Loyalität hält, dass nicht er sich verändert habe, sondern die Partei. Diese CDU steht in seinen Augen für das Land. "Merkel muss weg" ist seine Antwort auf die Ohnmacht. Gibt es ihm Genugtuung, gegen die CDU Erfolg zu haben? "Ja, da ist was dran."

Sozialdemokrat Ness vergleicht Gaulands Kampf mit Oskar Lafontaines Umgang mit der SPD. "Das Ganze ist ein rechthaberischer Rachetrip", sagt Ness, "dafür lässt er sich auf Leute ein, von denen er früher angewidert war. Natürlich hat er sich verändert. Er hört nicht mehr zu."

Inzwischen ist zwischen Gauland und Petry Distanz spürbar

Gaulands Zuspitzungen wirken wie eine Reaktion auf das Gefühl der Ausgrenzung. Aber wofür will Gauland kämpfen? An diesem Wochenende trifft sich die AfD zum ersten Parteitag seit dem Bruch mit Bernd Lucke. Sie ist in Umfragen stark wie nie, hat sich mit derben Parolen genährt am Unmut vieler Bürger über die Flüchtlingspolitik. Auf dem Parteitag geht es um Satzungsfragen, ohne Streitpotenzial. Die Vorsitzende Frauke Petry wird sich um ein moderates Bild bemühen. Sie denkt an die Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.

Noch im Sommer kämpfte sie gemeinsam mit Gauland gegen Lucke. Mittlerweile ist zwischen beiden Distanz spürbar, sie würde ihn wohl gern bremsen, so wie Björn Höcke, den rechtsnationalen Thüringer AfD-Chef. Gauland verteidigt Höcke, nennt ihn einen Freund, gemeinsam haben sie "5 Grundsätze für Deutschland" verfasst, in denen sie in Untergangsrhetorik beschwören, dass sie "unsere Nation nicht aus der Hand geben werden". Von "Lügenpresse" ist die Rede, und von "verantwortungslosen Experimenten mit und an unserem Volk".

Wie weit will Gauland noch gehen? Kurz vor Ende des Gesprächs kommt ein älterer Herr an den Tisch, wünscht Gauland alles Gute. Aber er möge die Mitte nicht verlieren. Er werde oft so angesprochen, sagt Gauland danach, wobei das mit der Mitte eine Seltenheit sei. Und er lächelt.

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Quelle:
SZ vom 28.11.2015
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