Afghanistan: Deutsches Desaster "Nur Doofe wollen zur Polizei"

Das deutsche Engagement beim Aufbau einer afghanischen Polizei besteht vor allem aus Ankündigungen. Tatsächlich hat Deutschland kläglich versagt.

Von B. Vorsamer

Auch wenn der Einsatz in Afghanistan in der Bevölkerung an Akzeptanz verliert und die Bundeswehr wegen der Angriffe bei Kundus unter massivem Druck steht - auf eines sind die Deutschen stolz: auf ihr Engagement beim zivilen Aufbau.

Denn es ist die Bundesrepublik, die 2002 - zunächst alleine - die Herkules-Aufgabe schultern wollte, dem geschundenen Land am Hindukusch eine funktionierende Polizeiorganisation zu verschaffen. Hunderte von Ausbildern und viele Millionen Hilfsgelder sollten bereitgestellt werden, um afghanische Männer darauf vorzubereiten, in ihrer Heimat für Frieden, Sicherheit und Ordnung zu sorgen.

Daran hat sich Deutschland gründlich verhoben. Der US-Sondergesandte Richard Holbrooke prangert in einem aktuellen Interview mit der Süddeutschen Zeitung unter anderem die hohe Analphabetenquote bei der afghanischen Polizei an. "Sie können keinen Polizisten gebrauchen, der nicht einmal einen Ausweis lesen kann", sagte er.

Außerdem sei der zivile Aufbau von Beginn an unkoordiniert gewesen und habe nicht besonders viel gebracht. Holbrookes niederschmetterndes Fazit: "Im Ergebnis fangen wir im neunten Jahr des Krieges wieder von vorne an."

Vertreter der deutschen Politik - vom gefeierten Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg bis hin zum neuen Außenminister Guido Westerwelle - loben sich jedoch immer wieder für das zivile Engagement und stellen weiteren Einsatz in Aussicht. "Deutschland ist bereit, mehr für die Ausbildung der Polizei zu tun", sagte Westerwelle kürzlich, schließlich sei entscheidend, dass die Afghanen langfristig ihre Sicherheit selbst gewährleisten können.

Westerwelle und Guttenberg sind jedoch überhaupt nicht zuständig. Die deutschen Polizisten unterstehen den Innenministern der Länder, nicht dem Außen- oder dem Verteidigungsministerium. Und auch die Innenminister können die Beamten nicht einfach entsenden: "Bundeswehrsoldaten gehen auf Befehl ins Ausland", sagt Reinhard Erös von der Entwicklungshilfeorganisation Kinderhilfe Afghanistan. "Polizisten melden sich freiwillig - oder eben nicht."

Im November hat auch das Bundesland Bayern die ersten Polizisten geschickt - die Jahre zuvor hat es sich nicht beteiligt. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann will jetzt bis zu 15 Beamte schicken. Mehrwöchige Seminare bereiten die Polizisten auf ihren Aufenthalt in Afghanistan vor, der ausdrücklich nur aus der Schulung von Afghanen und nicht aus anderen polizeilichen Aufgaben bestehen soll.

"Es fehlt jegliches Konzept"

Reinhard Erös bildet seit 2003 die deutschen Polizisten, die sich für einen Einsatz in Afghanistan melden, in Kurzlehrgängen aus und weiß daher genau, wo die Defizite sind - seiner Meinung nach überall. "Deutschland hat kläglich versagt", so bewertet er die bisherige Leistung beim Aufbau einer afghanischen Polizei.

Eines der größten Probleme ist seiner Beschreibung zufolge, dass viel zu wenige Beamte im Einsatz sind. "Wenn 1500 Ausbilder gebraucht und 30 geschickt werden, ist es kein Wunder, dass das nichts wird", sagt der Afghanistan-Experte. Auf eine Angabe, wie viele Leute denn gebraucht würden, will er sich nicht festlegen. "Das hängt davon ab, was für eine Polizei sie haben wollen", sagt Erös und kritisiert die Politiker gleich weiter: "Aber hier fehlt jegliches Konzept."

Die für den Polizeiaufbau zuständige Mission Eupol, die inzwischen Teil der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik der EU ist, läuft seit 2002. 35 Millionen Euro wurden dafür bereitgestellt. 400 Beamte sollen derzeit dafür im Einsatz sein. 281 sind es tatsächlich, davon 47 Deutsche.

Diese wenigen Ausbilder haben nach Angaben des Auswärtigen Amtes seit 2002 mehr als 30.000 Afghanen geschult. Eine hohe Zahl im Vergleich zu den zur Verfügung stehenden Mitteln. Eine lächerlich geringe Zahl im Vergleich zum Bedarf des Landes. 160.000 Polizisten bräuchte Afghanistan nach Meinung des Isaf-Kommandeurs Stanley McChrystal.

Doch es gibt nicht nur viel zu wenige Polizisten. Es sind auch noch die falschen. "Nur Doofe und Halbkriminelle wollen in Afghanistan zur Polizei", sagt Erös, dessen Kinderhilfe dort zahlreiche Schulen betreibt und erzählt eine Anekdote: "Wenn ich meine Schüler frage, wer zur Polizei möchte, lachen die mich aus. Wer gebildet ist, arbeitet für die internationalen Organisationen und Firmen, da verdient er das Zehnfache." Ein afghanischer Polizist verdient umgerechnet circa 80 Euro, da braucht es nicht zu verwundern, dass die Korruption grassiert.

Eine Lösung, die in einen Satz passt, hat auch Erös nicht anzubieten. Doch er hofft auf den neuen Innenminister Thomas de Maizière: "Er muss den Afghanistan-Einsatz der Polizei zur Chefsache machen", fordert Erös. Damit das deutsche Engagement für den zivilen Wiederaufbau in Afghanistan nicht auch die kommenden Jahre nur aus Ankündigungen besteht.

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