Ärger um ZDF-Sendung Linke gegen Lanz

Im Clinch: Markus Lanz und Sahra Wagenknecht

War das zu ruppig, wie Markus Lanz die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht anging? Ja, finden mehr als 80.000 Unterzeichner einer Petition. Sie fordern den Rauswurf des ZDF-Moderators. Auch Bundestagsabgeordnete der Linken sind dafür. Ein Angriff auf die Pressefreiheit?

Von Michael König

Wissen Sie noch, was Sie am Abend des 16. Januar gemacht haben? Das war Donnerstag vor einer Woche. Abends lief "Markus Lanz" im ZDF, die Talkshow des gleichnamigen Moderators. Zu Gast war unter anderem Sahra Wagenknecht, die stellvertretende Parteivorsitzende der Linken. Haben Sie die Sendung gesehen? Dann können Sie die folgende Passage überspringen.

Falls nicht, können Sie die Sendung entweder in der ZDF-Mediathek nachschauen, aber das dauert lange und ist anstrengend. Oder Sie lesen sich kurz folgenden Dialog aus der Sendung durch, abgetippt vom Medienjournalisten Stefan Niggemeier, der in seinem Blog weitere Beispiele anführt.

  • Wagenknecht: Ich habe doch im Europäischen Parlament gesessen, fünf Jahre. Ich habe ...
  • Lanz: Was haben Sie da gemacht, eigentlich?
  • Wagenknecht: Ich habe erlebt ... Ich habe im Ausschuss für Wirtschaft und Währung gesessen.
  • Lanz: Ja.
  • Wagenknecht: Zum Beispiel in diesem Ausschuss ...
  • Lanz: Was verdient man da?
  • Wagenknecht: Man verdient das Gleiche wie im Bundestag, aber das ...
  • Lanz: Wie viel? Wie viel verdient man da?
  • Wagenknecht: Ich glaube, zur Zeit sind das im Europäischen Parlament 7000 Euro oder so.
  • Lanz: Kriegt man im Monat.
  • Wagenknecht: Aber ich wollte Ihnen eigentlich was darüber erzählen, wie Lobbymacht funktioniert.

So ging das eine ganze Weile. Lanz hakte nach, er ließ Wagenknecht selten ausreden und versuchte angestrengt, einfache Ja-Nein-Antworten aus ihr herauszupressen, vorzugsweise zu Geldfragen. Deshalb hat Lanz nun Ärger. Viele Menschen fordern seinen Rauswurf und das ZDF ist ein bisschen blamiert, während der Linken eine Diskussion über den Umgang mit der Pressefreiheit droht. Aber der Reihe nach.

Eine gewisse Maren Müller stellte am 17. Januar eine Petition ins Netz, die das ZDF dazu aufruft, "sich von Markus Lanz zu trennen". Binnen weniger Tage hat sie mehr als 80.000 Unterzeichner gesammelt. Das ist sogar für Internet-Empörungsverhältnisse eine recht stolze Summe.

Frau Müller wirft Lanz vor, er habe einen "miserablen Stil im Umgang mit Sahra Wagenknecht" an den Tag gelegt. "Politische Neutralität" sei für Lanz "ein Fremdwort". Deshalb solle er "nicht vom Beitragszahler alimentiert werden".

Was sagt das ZDF dazu? Als sich ein Zuschauer beim Sender beschwerte, reagierte der zunächst mit dem Hinweis, Sahra Wagenknecht sei mit der "intensiven Auseinandersetzung" durchaus "zufrieden" gewesen.

Das wies die Linken-Politikerin mit Verweis auf "den breiten Protest" per Twitter zurück und nannte die Aussage "doch etwas arg frech".

Daraufhin ruderte das ZDF zurück und schrieb, Wagenknechts Auffassung sei "wohl nach der Sendung falsch angekommen". Es gebe "sicher noch mal die Möglichkeit dies auszuräumen". Wann und wo diese "Möglichkeit" besteht, wollte das ZDF auf Anfrage von SZ.de "zum gegenwärtigen Zeitpunkt allerdings noch nicht sagen". Man nehme Kritik von Zuschauern "stets ernst". Zur Petition äußere man sich nicht, das "steht uns nicht zu". Wagenknecht sagte auf Anfrage von SZ.de, die Redaktion von Lanz sei auf sie zugekommen mit dem Wunsch, sich noch einmal zeitnah auszutauschen. Der Moderator wolle gerne mit ihr sprechen, so Wagenknecht: "Das mach' ich dann heute im Laufe des Tages."

Den Protest dürfte die Linken-Politikerin mit ihrem Tweet jedenfalls angefacht haben, genau wie ihre linken Fraktionskollegen Heike Hänsel und Niema Movassat. Die Bundestagsabgeordneten rufen bei Facebook zur Unterzeichnung der Petition auf.*

"Das ist eine Super-Initiative und überfällig", schreibt Hänsel, die aus Baden-Württemberg kommt. Lanz arbeite sich "auf billige und feige Weise an linken PolitikerInnen" ab, "finanziert mit unseren Steuergeldern. Lanz raus aus den öffentlich-rechtlichen Sendern!!!". Movassat schreibt, "sowas" gehöre "nicht in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk". In den Kommentaren unter beiden Beiträgen signalisieren einige Kommunalpolitiker der Linken, die Petition unterstützt zu haben.

"Zwei Einzelmeinungen"

Der Deutsche Journalisten-Verband sieht das Engagement der Linken-Abgeordneten kritisch. Kritik an der Umgangsform von Journalisten sei "völlig legitim", sagt Sprecherin Eva Werner zu SZ.de. "Wenn sie aber dazu führt, dass gefordert wird, Lanz solle vom ZDF gegangen werden, dann unterstützen wir das nicht." Es werfe "ein schlechtes Licht auf die Politiker", wenn sie zur Unterzeichnung der Petition aufrufen. "Sie müssen sich fragen lassen, ob es ihnen vor allem darum geht, in Zukunft kritische Fragen von Journalisten zu verhindern."

Geht es ihnen darum? Movassat antwortet auf eine SZ.de-Anfrage, der Journalistenverband solle "Herrn Lanz lieber einen Benimm-Grundkurs" anbieten. "Kritische Fragen von Journalisten finde ich hervorragend. Aber sie sollten dann auch in der Lage sein, die Antworten intellektuell zu erfassen." Es sei sein "demokratisches Grundrecht, mich dazu kritisch äußern zu dürfen". Ähnlich äußerte sich Hänsel: "Was Lanz da gemacht hat, das war kein kritischer Journalismus, das war eine miese, unwürdige Behandlung."

Ein Sprecher der Linksfraktion sagte zu den Facebook-Postings, es handele sich um "zwei Einzelmeinungen von Abgeordneten". Er könne sich jedoch vorstellen, dass von den 64 Fraktionsmitgliedern mehrere derselben Meinung seien.

Abschließend sei noch die von Lanz so hartnäckig gestellte Frage geklärt, was Sahra Wagenknecht verdient hat: Europaabgeordneten stehen nach dem Statut des Europäischen Parlaments pro Monat etwa 8000 Euro brutto zu, plus Vergütungen für Büro, Personal, Reisen, Unterkunft und Mahlzeiten. Und was verdient Markus Lanz? Darüber gibt das ZDF keine Auskunft. Branchenkenner sprechen von etwa 250.000 Euro im Jahr für seine Talkshow. Für die Moderation der Sendung Wetten, dass..? erhält er angeblich etwa 125.000 Euro im Jahr.

*Update: Eine Leserin weist dankenswerterweise darauf hin, dass weitere Linken-Politiker sowie die Landesverbände Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg auf die Petition aufmerksam machen.

Linktipp: Die nicht ganz ernst gemeinte Seite hat-markus-lanz-etwas-aufgedeckt.de widmet sich den Recherche-Fähigkeiten von Markus Lanz.

Mitarbeit: Oliver Das Gupta