Abtreibungsdebatte in Texas Wendy Davis Superstar

Per Dauerrede stoppte Demokratin Wendy Davis das Abtreibungsgesetz in Texas und wurde zu Amerikas neuem Polit-Star. Die Republikaner wollen heute die umstrittene Regel beschließen. Texas-Kennerin Erica Grieder erläutert im Interview, was aus Davis' Karriere werden könnte und dass Texaner nicht dumm sind.

Von Matthias Kolb

Erica Grieder wuchs in San Antonio auf und berichtete jahrelang für das Wochenmagazin The Economist über texanische Politik. Nun ist sie Korrespondentin für Texas Monthly und hat im Frühjahr ein kluges Buch ("Big, Hot, Cheap and Right") über all die Vorurteile geschrieben, die die Menschen im Rest Amerikas über den Lone Star State haben.

SZ.de: Frau Grieder, die demokratische Senatorin Wendy Davis hat vergangene Woche mit einer Dauer-Rede das strikte texanische Abtreibungsgesetz gestoppt und gilt nun als Ikone des liberalen Amerika. Waren Sie überrascht, als plötzlich die halbe Welt nach Texas guckte?

Erica Grieder: Das hat niemand erwartet. Die Debatten im texanischen Abgeordnetenhaus sind oft hitzig, doch im Senat ist es meist langweilig. Das Abtreibungsgesetz hatte lange keine hohe Priorität für die Republikaner. Am Vortag kursierte das Gerücht eines Filibusters, also jener in Amerika so populären Endlos-Debatte. Ich habe morgens zu meinen Bekannten gesagt: 'Heute könnte es interessant werden'. Doch ich hätte nie gedacht, dass am Ende alle Medien über Wendy Davis berichten und Präsident Obama per Tweet seine Unterstützung schicken würde.

Wie bekannt war Wendy Davis, bevor sie zu reden begann und zehn Stunden lang nicht aufhörte?

Sie war eigentlich nur unter Insidern bekannt. Ihr Wahlkreis ist einer der wenigen, die in Texas wirklich umkämpft sind, und den hat sie zwei Mal gewonnen. Davis galt als die einzige Demokratin, die darüber nachdachte, 2014 Gouverneur Rick Perry herauszufordern. Wir haben sie bei Texas Monthly auf die Liste der zehn besten Abgeordneten gesetzt, weil sie gute Reden gehalten und gerade in der Bildungspolitik Gesetzesvorschläge eingebracht hat.

Nun ist sie ein Star und gibt Interviews in den wichtigsten TV-Sendungen.

Ihr Auftritt hat Davis ins Rampenlicht katapultiert. Ihr Name ist plötzlich in ganz Amerika bekannt, die Leute diskutieren sogar über ihre rosa Turnschuhe. Vor einer Woche hatte sie bei Twitter 2000 Follower, nun sind es mehr als 120.000. Texas ist doppelt so groß wie Deutschland und wer hier ein politisches Amt erringen will, braucht viel Geld. Seit Ann Richards, die von 1991 bis 1995 Gouverneurin war, hatten die Demokraten keinen solchen Star mehr. Wenn Davis kandidieren sollte, hätte sie also eine gute Basis für Spenden. Es besteht allerdings die Gefahr, dass sie als Marionette Washingtons oder anderer liberaler Gruppen beschimpft wird.

Gouverneur Perry hat die Abgeordneten nun zu einer Sondersitzung zusammengerufen, die heute beginnt. Überraschend?

Perry hatte sich in die bisherige Debatte kaum eingeschaltet. Das neue Gesetz, das ein weitreichendes Verbot von Abtreibungen ab der 20. Woche nach der Befruchtung vorsieht und zur Schließung von Abtreibungskliniken führen könnte, war ihm bisher nicht so wichtig. Aber die Republikaner sind entsetzt über das große Medienecho und wollen die neue Regel nun schnell beschließen.

Glauben Sie, dass die Medien auch so viel berichtet hätten, wenn sich der Vorfall in Missouri oder Oklahoma zugetragen hätte, und nicht in Texas? Ihr Heimatstaat hat ein recht eigenes Image und war zuletzt wegen der 500. Hinrichtung in den Schlagzeilen.

Oh ja, die Geschichte rund um Wendy Davis erfüllt leider all die Klischees, die es über Texas gibt. An der Ost- und an der Westküste denken alle, dass hier nur dumme, rückwärtsgewandte und tiefreligiöse Leute leben, die riesige Pick-Ups fahren und Cowboyhüte tragen.

Sie haben ein Buch darüber geschrieben, wie man im Rest der USA Texas wahrnimmt. Was ist der größte Fehler in der Wahrnehmung?

Texas ist viel liberaler als angenommen. Das betrifft nicht nur die High-Tech-Firmen und die Musikszene in Austin, wo ich wohne, sondern auch Houston. Das war die erste US-Metropole, die eine lesbische Politikerin zur Bürgermeisterin gewählt hat. Die Mehrheit der Texaner ist pro-choice, unterstützt also in Umfragen das Recht auf Abtreibung. Diese Gruppen sind aber längst nicht so gut organisiert wie die konservativen Gruppen oder die christliche Rechte.

Sie schreiben vom texanischen "Wirtschaftswunder". Was ist diese "seltsame Genialität", von der andere Bundesstaaten lernen könnten?

In den vergangenen Jahren ist Texas stärker gewachsen als fast alle anderen Bundesstaaten. Allein vier Millionen Menschen sind hierher gezogen, weil es Jobs gibt. Für mein Buch habe ich viel recherchiert und gelernt, dass sich die Texaner kaum verändert haben: Sie sind pragmatisch, fiskal konservativ, in Gesellschaftsfragen eher moderat und wollen, dass sich die Regierung so wenig wie möglich einmischt. Diese Mischung ist für viele sehr attraktiv. Und längst nicht nur für überzeugte Republikaner.

A propos Republikaner: Neben Gouverneur Perry prägt vor allem Senator Ted Cruz das Bild des texanischen Politikers. Für ihn ist Kompromiss ein Schimpfwort.

Für mich ist Cruz untypisch, weil er so radikal ist. Perry und auch George W. Bush sind Pragmatiker durch und durch, die nur ein Ziel haben: Es muss der Wirtschaft gut gehen. 80 Prozent ihrer Energie wenden sie auf, sich um Jobs zu kümmern. Es wird leicht vergessen, dass Bush 2000 als moderater Kandidat galt. Anders als etwa Arizona geht Texas mit illegalen Einwanderern recht pragmatisch um, weil die Handelskammer und die Wirtschaftsverbände neue Arbeitskräfte brauchen - die jungen Leute dürfen hier sogar studieren. Der Erfolg von Cruz birgt eine Gefahr für die Republikaner: Die Pragmatiker werden von rechts bedrängt und als "zu wenig konservativ" diffamiert. Das strenge Abtreibungsgesetz zeigt, dass die Republikaner leicht übertreiben können.

Noch mal kurz zurück zu Wendy Davis: Kann sie die Abstimmung wieder kippen?

Ich denke nicht, dass das klappen kann. Die Republikaner waren vergangene Woche schlecht vorbereitet und die Zeit spielte gegen sie. Nun sind sie besser präpariert, sie haben die nötige Mehrheit, um das Gesetz durchzubringen. Perry hat versprochen, dass es verabschiedet wird. Und so wird es geschehen.

Linktipps: Ein Porträt über Wendy Davis ist hier nachzulesen. Welchen Eindruck die New York Times-Kolumnistin Gail Collins bei ihren Recherchen in Texas von den Eigenheiten des Lone Star State bekam, steht in diesem Blog-Beitrag.