15. Februar 2013, 10:04 Ralf Wohlleben und die NSU-Terroristen Wie die Spinne im Netz des Rechtsextremismus

Er ist in der öffentlichen Wahrnehmung nur eine Randfigur des NSU-Terrors. Dabei ist Ralf Wohlleben wegen Beihilfe zum Mord in neun Fällen angeklagt. Trotz der Inhaftierung hat er weiterhin vielfältige Kontakte zur rechten Szene.

Von Hans Leyendecker

Im September 2012 schickte der Leiter der in Thüringen gelegenen Justizvollzugsanstalt Tonna einen Brief an den Ermittlungsrichter II des Bundesgerichtshofs (BGH). Seit fünf Monaten, so der Oberregierungsrat, sitze Ralf Wohlleben, der dem Zwickauer NSU-Trio Waffen besorgt haben soll, in seiner Heimat in Untersuchungshaft. Der 37-Jährige, der mal Vize-Landeschef der NPD in Thüringen war, sei kein normaler Gefangener. "Durch sein politisches Vorleben", so der Anstaltsleiter, sei Wohlleben bei "gleichgesinnten" Häftlingen "sehr bekannt".

Es bestehe die Gefahr, dass sich "persönlich verbundene Gefangene mit ihm solidarisieren". Möglicherweise existiere mittlerweile ein "Unterstützerfeld" im Knast. Insbesondere ein Gefangener im Westflügel, auf dessen Namensschild neben der Zellentür "Brauner Zwerg" stand, sei Wohlleben "loyal ergeben". Die richterlich angeordnete Postkontrolle, die von Wohlleben und seinen Kameraden unterlaufen worden war, sei so kaum einzuhalten.

Wohlleben wartet in München-Stadelheim auf seinen Prozess

Seit Oktober sitzt Wohlleben in München-Stadelheim. Seine Anwälte hatten vergeblich gegen die Verlegung des Gefangenen nach Bayern protestiert. Auch in München säßen Rechtsextremisten im Knast ein, hatte ein aus Cottbus stammender Anwalt Wohllebens argumentiert.

Der Auszug aus Thüringen wurde dadurch beschleunigt, dass Sven-Kai R., der als Waffennarr gilt und einst Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in einem Brief an Mundlos als seine "besten Freunde" bezeichnet hatte, in Tonna in Untersuchungshaft geriet. Wohlleben und R. sind sich in Tonna aber nicht begegnet.

Anklage wegen Beihilfe zum Mord in neun Fällen

Wohlleben wartet jetzt in Stadelheim auf den am 17. April beginnenden NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München. Er ist einer von fünf Angeklagten. Außer ihm sitzt nur noch Beate Zschäpe, die angebliche Mitgründerin der Terrorvereinigung NSU, in Untersuchungshaft. Ebenso wie Zschäpe hat er zu den Vorwürfen der Bundesanwaltschaft bislang geschwiegen.

Der Fall Wohlleben ist in den vergangenen Monaten aus den Schlagzeilen verschwunden, weil sich das Hauptinteresse auf die 38-jährige Jenaerin konzentrierte, die angeblich Mittäterin bei den zehn Morden der NSU-Bande war. Obwohl Wohlleben wegen Beihilfe zum Mord in neun Fällen angeklagt wurde, erscheint er in der öffentlichen Wahrnehmung eher wie eine Randfigur.

Aber sein Fall ist ein besonderer. Für keinen anderen Angeklagten macht die rechte Szene so viel Stimmung wie für den Mann, den sie "Wolle" nennt. Obwohl die NPD offiziell auf Distanz zu ihm gegangen ist, trugen im vergangenen Jahr einige NPD-Politiker den Button "Freiheit für Wolle". Zu Wohllebens 37. Geburtstag wurden in thüringischen Tageszeitungen Geburtstagsannoncen geschaltet, wie: "Zum Ehrentag für Wolle. Zweifle an der Sonne Klarheit. Zweifle an der Sterne Licht . . . Nur an unserer Treue nicht."

Auf Veranstaltungen wurden Spenden für Wohlleben und seine Familie gesammelt, ähnlich wie 1998, als das aus Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe bestehende Trio in den Untergrund gegangen war. In der Anklage seht, dass Wohlleben angeblich eine "steuernde Zentralfigur der gesamten Unterstützerszene" war.

Hilfsangebot von "Richard"

Wo immer auch Wohlleben in den vergangenen 14 Monaten in Untersuchungshaft war, Kameraden schickten ihm Blätter wie "Ein Fähnlein" und "Der rechte Rand" oder "Germanische Heldengeschichten" und sie umwarben ihn. Ein "Richard" bot ihm Hilfe an: "Wenn Du was hast, was ich erledigen, kaufen oder sonst was soll, schreibe mir!!! Ich weiß selber, dass man ab und zu mal einen fleißigen Helfer hinter der Mauer braucht."

Während sich Zschäpe vom braunen Sumpf fernhält, ist Wohlleben der Star der rechten Szene. Das ist auch ein bisschen an der Wahl seiner Anwälte erkennbar. Beide sind mit Fällen der rechten Szene ziemlich gut vertraut - anders als die Anwälte der übrigen vier Angeklagten. Wohllebens Pflichtverteidigerin war mal kurze Zeit Mitglied der NPD. Kein Zweifel - dieser Angeklagte und seine Umgebung bergen aus mancherlei Gründen den größten Sprengstoff für den bevorstehenden Prozess.

Wohlleben wurde von seinen Mitangeklagten Carsten S. und Holger G. schwer belastet. Beide packten aus, beide waren geständig. Angeblich hat Wohlleben jedem von ihnen den Auftrag gegeben, das Trio mit Waffen zu versorgen. Darunter soll auch jene Ceska 83 mit Schalldämpfer gewesen sein, mit der neun Migranten ermordet wurden. Wohllebens Verteidiger haben in Haftbeschwerden versucht, die Einlassungen von Carsten S. und Holger G. zu widerlegen oder zumindest infrage zu stellen. Besonders G. muss befürchten, dass ihn Wohlleben, wenn dieser im Prozess reden sollte, belasten wird.

"Wolle"-Sympathisanten sehen einseitige Ermittlungen

Die Verteidigerin Wohllebens argumentierte in einem Schriftsatz an den Dritten Senat des Bundesgerichtshofs fast schon szenetypisch. Es ging um eine Waffenlieferung, die Wohlleben vermittelt haben soll und die Anwältin fragte den Senat, wen der Zeuge, der Wohlleben in Nöte brachte, "möglicherweise decken" wolle. Sei der Zeuge "vielleicht auch ein V-Mann?"

Die Anwältin fragte auch, ob der Zeuge die "angebliche Waffe von einer Sicherheitsbehörde erhalten" habe. Die Ermittlungen in diesem Bereich seien "viel zu einseitig geführt" worden, meinte sie. Ähnlich argumentieren viele der "Wolle"-Sympathisanten.