1. Mai Mehr säkulare Feiertage!

Zitat aus dem Grundgesetz auf einer Mauer hinter dem Reichstag in Berlin.

(Foto: Getty Images)

Deutschland kennt fast nur christliche Feiertage, der Tag der Arbeit ist eine Ausnahme. Das wird der Gesellschaft nicht gerecht. Wir müssen mehr feiern, was für wirklich alle eine Bedeutung hat. Alternativen gibt es genug.

Kommentar von Markus C. Schulte von Drach

Seien wir ehrlich: Ein Feiertag wie der 1. Mai ist wie ein Geschenk. Ein Geschenk, das viele nicht vor allem deshalb gern annehmen, weil es uns "seelische Erhebung" verschafft, wie das Gesetz solche Tage rechtfertigt. Feiertage durchbrechen regelmäßig die Routine und sind eine willkommene Gelegenheit für Freizeitaktivitäten oder private Dinge, zu denen wir sonst - trotz der Wochenenden - einfach nicht kommen.

Aber natürlich gibt es noch den eigentlichen Anlass. Der 1. Mai ist der Tag der Arbeit: Er erinnert an den Kampf der Arbeiterbewegung für mehr Rechte und die Einführung des Achtstundentags. Auch wenn es die Nazis waren, die diesen Feiertag in Deutschland offiziell eingeführt haben - der 1. Mai ist kein Tribut an sie, sondern feiert den Erfolg der internationalen Arbeiterbewegung. Von diesem profitieren auch in Deutschland die allermeisten Menschen noch heute.

Anders ist es dagegen mit fast allen anderen Feiertagen. Bis auf den Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober und Neujahr, das auf vorchristliche Traditionen zurückgeht, wurden alle Feiertage eingeführt, damit Christen ihre religiösen Feste begehen können.

Für eine Gesellschaft, die fast nur aus Christen bestand, war das nachvollziehbar. Heute aber sind die Verhältnisse anders. Deshalb ist es Zeit, einige christliche Feiertage abzuschaffen, und stattdessen solche einzuführen, die etwas feiern, das heute tatsächlich für alle Menschen in Deutschland von Bedeutung ist - oder von Bedeutung sein sollte.

Nur noch gut die Hälfte der Deutschen sind Christen

Es gehören ja nur noch etwa 55 Prozent der Bevölkerung einer christlichen Glaubensrichtung an. Ihr Anteil sinkt seit Jahrzehnten kontinuierlich. Unter den übrigen ist die Gruppe der Konfessionslosen mit etwa 35 Prozent die größte, und sie wächst. Muslime machen etwa fünf Prozent aus.

Dazu kommt: Selbst unter den Mitgliedern der christlichen Kirchen gibt es offenbar etliche, denen der Glaube nicht mehr so wichtig ist: Wie eine Umfrage von Infratest 2017 für die ARD ergab, haben Religion und Glauben nur noch für 37 Prozent der Deutschen eine große oder sehr große Bedeutung.

Trotzdem wird in Deutschland vor allem die Geburt Jesu gefeiert, seine Auferstehung, seine Aufnahme als Gottessohn in den Himmel, die Entsendung des Heiligen Geistes auf die Erde. Es gibt einen Feiertag, an dem der Hinrichtung des christlichen Messias gedacht wird. Und in manchen Bundesländern wird mit dem Fronleichnamsfest sogar gefeiert, dass Jesus während der Eucharistie leiblich gegenwärtig ist und dass auch seine Mutter in den Himmel aufgefahren ist.

Es müssen ja nicht gleich alle christlichen Feiertage abgeschafft werden. Feste wie Weihnachten oder Ostern mit ihren vertrauten Bräuchen sind für einen großen Teil der Gesellschaft inzwischen schöne Traditionen. Als Feste des Friedens und des feierlichen Zusammenseins und als Teil der Kultur in Deutschland haben sie längst eine neue Dimension angenommen, die über die religiösen Aspekte hinaus geht. Auch Nicht-Christen können deshalb etwa Weihnachten und Osten feiern.

Feiertage für wirklich alle Menschen in Deutschland

Für die meisten übrigen christlichen Feiertage lässt sich das jedoch nicht behaupten. Abgesehen davon, dass arbeitsfrei ist, sind sie nur gläubigen Christen wichtig. Damit wird ein Teil der Bevölkerung bevorzugt behandelt, und dies aus Anlässen, die der Mehrheit wenig oder nichts bedeuten.

Dabei gibt es genug Anlässe für nicht religiöse Feiertage, die tatsächlich alle Deutschen - Christen, Nichtchristen, Gläubige und Nichtgläubige - ansprechen würden.

Der 23. Mai etwa drängt sich geradezu auf: An diesem Tag im Jahr 1949 wurde das Grundgesetz verkündet. Damals wurde festgelegt, welche Werte die Deutschen für ihre Gesellschaft als grundlegend und nicht mehr zu hinterfragen betrachten: "Die Würde des Menschen ist unantastbar", heißt es dort. Jede und jeder hat ein Recht auf eine menschenwürdige Existenz, auf Leben und körperliche Unversehrtheit, auf freie Entfaltung der Persönlichkeit - und zwar unabhängig von Geschlecht und Herkunft.

Was könnte ein besserer und wichtigerer Anlass für einen Feiertag sein? Wirklich alle Menschen in Deutschland geht dieses Dokument etwas an. Wer fordert, es müsse eine Leitkultur geben, und dass die abendländischen, westlichen oder europäischen Werte hochgehalten und verteidigt werden sollten, der müsste einen solchen Feiertag begrüßen.

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Andere mögliche Termine: Es bietet sich der 8. Mai an, der Tag der Befreiung Deutschlands vom Faschismus - ein Tag, an dem sich die ganze deutsche Bevölkerung daran erinnern sollte, wohin sich eine Gesellschaft entwickeln kann, und dass es nicht die Deutschen selbst waren, die die unmenschliche Schreckensherrschaft der Nazis beendeten.

Auch der Holocaust-Gedenktag oder der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar - bislang nur ein Gedenktag - könnte zum Feiertag erhoben werden. Anbieten würde sich auch der 9. November zur Erinnerung an den Mauerfall 1989 und zugleich an die Reichspogromnacht 1938. Es gibt weitere denkbare Feiertage, auch positive, wie einen Tag des Weltfriedens (1. September), der Frauen und der Gleichberechtigung (8. März), des Kindes (20. September) oder einen Tag der Menschenrechte (10. Dezember).

Und natürlich könnte es neben Weihnachten und Ostern weiterhin einige religiöse Feiertage geben. Die Christen sollten sich darauf verständigen, welches Fest ihnen noch besonders wichtig ist. Das gleiche sollte auch Muslimen und Juden möglich sein. Ein muslimischer und ein jüdischer Feiertag würden der religiösen Vielfalt der Gesellschaft gerecht. Und für alle Religionen zugleich wäre sogar ein Tag der Religionsfreiheit eine wichtige Botschaft. Das wäre ein Feiertag, den sogar Atheisten mitfeiern könnten: als Tag der Freiheit von Religionen.

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