Wirtschaftskrise Darum zieht es junge Spanier trotz Arbeitslosigkeit in die Heimat zurück

Junge Frauen feiern in traditionellen Kleidern in der spanischen Stadt Sevilla.

(Foto: Getty Images)

In Spanien wartet etwas Wichtigeres auf sie als beruflicher Erfolg im Ausland - ihre Familie.

Von Sebastian Schoepp

Mehr als 700 000 Spanier zwischen 24 und 34 haben ihr Land wegen der Krise in den vergangenen zehn Jahren verlassen. Die meisten folgten dem Ruf Angela Merkels, Deutschland brauche Ingenieure. Sie haben sich häufig gut integriert, doch trotzdem drängt es jetzt viele zur Rückkehr: 2016 kehrten erstmals mehr Spanier heim, als aufbrachen.

"Volver", zurückkehren, ist ein Trend, er durchzieht soziale Netzwerke und Lebensläufe. Liegt das an den besseren Wirtschaftsdaten, die Ministerpräsident Mariano Rajoy immer so stolz verkündet? Pah, sagt Diego Rui del Árbol, der zehn Jahre in Berlin lebte und nun wieder nach Madrid gegangen ist - obwohl ihm Berlin als Stadt besser gefällt, wie er sagt. Er kenne niemanden, der wegen des Aufschwungs nach Spanien zurückkehre. Nein, dort wartet etwas anderes, was Spaniern traditionell wichtiger ist als beruflicher Erfolg und persönliche Verwirklichung: die Familie.

Sie hat Spanien heil durch die Krisenjahre gebracht, die schlimmsten Krisenfolgen abgefedert, das Land möglicherweise vor sozialen Unruhen bewahrt. "Die Familie ist das, was bei Euch Hartz IV ist", sagt Diego Ruiz del Árbol. Der Bezug auf den Clan verleiht Stabilität, er bietet einen festen Punkt in der Welt, um die sich die spanische Identität dreht. Weil die so stark ist, brauchen Spanier auch keine AFD oder keinen Front National. Sie wissen, wer sie sind, auch ohne nationales Getöne. Ihr starkes kulturelles Selbstbewusstsein hat sie bislang vor Rechtspopulismus und nationalen Ausbrüchen bewahrt. Ja, in Barcelona haben kürzlich sogar mehr als 160.000 Leute dafür demonstriert, mehr Flüchtlinge hereinzulassen als bisher. Das ist einmalig in Europa.

"Talent zurückbringen"

Deshalb sind die meisten Spanier fest davon überzeugt: "En España se vive bien", in Spanien lebt man gut, auch wenn die Wirtschaftsdaten immer noch etwas anderes sagen. Zwar sind viele Jobs entstanden, doch die meisten davon sind lausig bezahlt und kurzfristig. Nicht nur deswegen kann die Rückkehr auch zum Problem werden. Viele Auswanderer haben im Ausland andere Arbeits- und Lebensweisen kennengelernt, die sie durchaus schätzen und jetzt vermissen. Nicht immer sind die alten Freunde gespannt auf die Geschichten aus der Ferne. Im Zweifel ist der "Clasico", das Duell zwischen Real Madrid und Barça am Wochenende wichtiger. Der "gespaltene Habitus" des Rückkehrers, der zwischen zwei Welten schwankt, kann sogar zum psychischen Problem werden.

Deshalb versucht Diego Ruiz del Árbol zusammen mit zwei Freunden, Rückkehrern zu helfen. Sie haben in Madrid die Agentur "Volvemos" (Wir kehren zurück) gegründet, die bereits 5800 Profile von Job-Suchenden angelegt hat, wo Arbeitgeber sich die Leute heraussuchen können, die sie brauchen - und die Kontakte aus ganz Europa mitbringen. Das Ziel von Volvemos: "Talent zurückbringen." Denn das ist es, was Spanien am dringendsten braucht, um endlich wirklich aus der Krise zu kommen.

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