Taifun "Haiyan" Überleben in der toten Stadt

Ein Land sucht nach Hoffnung

Noch immer müssen Hunderttausende auf den Philippinen hungern und dursten. Die Hilfslieferungen nach Taifun "Haiyan" laufen schleppend an, aber immerhin laufen sie nun an. Währenddessen müssen Rettungskräfte Tote ohne Zeremonie und Gebet beerdigen. Und das in einem Land mit sehr vielen Gläubigen. mehr...

Schwarze Leichensäcke, hilflose Überlebende, Trümmer überall: Eine Woche nach Taifun "Haiyan" stehen die Menschen noch immer unter Schock. Viele sind zu schwach, um nach ihren vermissten Angehörigen zu suchen. Besuch in einer Stadt, die der Wirbelsturm praktisch dem Erdboden gleichgemacht hat.

Von Arne Perras, Tacloban

Im Kirchhof spielen die Kinder. Sie sitzen am Boden und werfen Münzen. Manchmal springen sie auf und hüpfen kichernd im Kreis herum. Sie sind ganz in ihr Spiel vertieft und bemerken nichts von dem, was um sie herum geschieht. Als ob sie so dieser Welt für einen Moment entfliehen könnten.

Draußen vor dem Tor, nur wenige Meter entfernt, liegen fünf schwarze Säcke in der Sonne, aufgereiht am Straßenrand. Es ist Donnerstagmorgen, Tag sechs nach dem großen Sturm. Die Toten von Tacloban sind noch längst nicht alle begraben. Man sieht es, und man riecht es. Wer überlebt hat, bindet sich ein Tuch vor Mund und Nase.

Drinnen in der Kirche sitzt Maria Fe Llanado. Sie könnte jetzt hinausgehen auf die Straße und suchen, so wie es viele andere tun. Sie könnte noch einmal zurückkehren an den Platz, wo einmal ihr Haus gestanden hat. Sie könnte kreuz und quer durch die Gassen laufen und nachforschen. Aber ihr fehlt die Kraft, sie schafft das alles nicht mehr. So kauert sie hier in der Erlöserkirche auf einer roten Bank. Und ihr Gesicht verrät, dass sie ganz weit weg ist - bei ihren Töchtern.

Niemand rechnete mit der Welle

Jean Pearl war 15 und hat nicht überlebt. Ihre Schwester Jessa Marie ist ein Jahr älter - sie haben sie bislang nicht gefunden. Vor sechs Tagen, am Freitagmorgen um fünf, waren sie noch alle zusammen in ihrem Haus, das ganz nah an der großen Bucht von Tacloban liegt. Sie haben die Sturmwarnungen gehört und sich in ihrem Zimmer zusammengekauert, um alles auszusitzen. Manche sind in die Schutzräume gegangen, die von der Regierung ausgewiesen worden waren. Doch die Familie Llanado harrte zu Hause aus, weil sie glaubte, dass ihr Haus dem Wind schon irgendwie standhalten würde. Niemand rechnete mit der Welle.

Als der Sturm schon eine Weile tobte, drängte plötzlich Wasser ins Haus, höher und höher stieg es, und so flüchteten sie doch noch schnell hinüber zur Schule. Doch in dem Chaos verlor Mutter Llanado ihre Töchter aus den Augen. Das Schulhaus war höher gebaut als ihr Heim, aber auch dort stieg das Wasser unaufhaltsam weiter. So schwammen sie im Inneren des Gebäudes um ihr Leben, und als das Dach immer näher kam, griff die Frau nach einem Dachbalken und klammerte sich fest. Fast zwei Stunden hing sie dort oben, das Wasser begann wieder zu sinken. Aber wo waren ihre Töchter?

Ein Paar geht durch eine zerstörte Straße in Tacloban.

Der Taifun Haiyan, der am 8. November mit teilweise 300 Stundenkilometern über die Provinz Leyte und andere Gebiete peitschte, hat die Zentralphilippinen in eine riesige Trümmerlandschaft verwandelt, betroffen sind fast zehn Millionen Menschen. Aber nirgendwo hat er so gewütet wie im Osten, an der Pazifikküste. Und das liegt an der großen Welle, die wie bei einem Tsunami auf das Land raste. Tacloban, eine Stadt mit 220.000 Einwohnern, ist völlig zerstört.

Die Erlöserkirche an der Hauptstraße hat den Sturm wundersam überstanden, das Dach ist beschädigt, aber die Mauern stehen noch. Und so strömten viele Familien hierher und suchten Zuflucht im Gotteshaus von Priester Edwin. An diesem Donnerstag haben sie überall Wäsche zum Trocknen aufgehängt, Männer entfachen im Hof ein Feuer, eine Mutter wäscht ihren Jungen in einem Eimer, das Wasser ist knapp. Drinnen im Schiff sitzen Familien zusammengekauert auf den Bänken, ein Vater hat ein Tuch zur Hängematte geknüpft und schaukelt sein Baby.