Straftaten Was die Zahl der Sexualdelikte verrät - und was nicht

Da war das Sexualstrafrecht noch nicht geändert: Demonstranten fordern 2016 vor dem Berliner Landgericht in Moabit eine Reform.

(Foto: Christian Mang/imago)
  • Kurz vor der Bundestagswahl hat Bayerns Innenminister die Halbjahresstatistik der Polizei im Freistaat veröffentlicht.
  • Darin stehen verstörende Zahlen: Bis Juni 2017 stieg die Zahl der angezeigten Fälle von Vergewaltigung und sexueller Nötigung durch Asylbewerber, Geduldete und Bürgerkriegsflüchtlinge um 91 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
  • Welche Rückschlüsse sich daraus auf ganz Deutschland ziehen lassen, ist fraglich.
  • Nicht selten steckt hinter der Veröffentlichung derartiger Statistiken politisches Kalkül.
Von Matthias Drobinski

Zwei Männer aus Afghanistan vergewaltigen auf offener Straße in Oberbayern eine 16-Jährige; der dritte kann gerade noch an der Tat gehindert werden. In Rosenheim wird eine Joggerin Opfer eines Flüchtlings; in Bamberg bedrängen Asylbewerber junge Frauen. Und dann präsentiert Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) eine Halbjahresstatistik der Polizei im Freistaat, derzufolge diese Taten spektakuläre Zeichen einer Gesamtentwicklung sind.

Bis Juni 2017 stieg die Zahl der angezeigten Fälle von Vergewaltigung und sexueller Nötigung durch Asylbewerber, Geduldete und Bürgerkriegsflüchtlinge um 91 Prozent im Vergleich zum Vorjahr; diese Zuwanderer machen vielleicht zwei Prozent der Gesamtbevölkerung aus, stellen aber 18 Prozent der Verdächtigen. Gelten diese verstörenden Zahlen für ganz Deutschland?

Weil das Strafrecht verschärft wurde, gelten nun auch mehr Taten als strafbar

Die Suche nach einer Antwort führt zunächst einmal hinein in die Tücken solcher Statistiken. Bei der Vorstellung seiner Zahlen sprach Innenminister Herrmann nur von "Vergewaltigungen", obwohl dort auch andere Taten gegen die sexuelle Selbstbestimmung summiert sind; etwas kleinlaut teilte die bayrische Staatskanzlei mit, die Polizeiexperten arbeiteten "derzeit an einer detaillierten Analyse".

Ein anderes Problem: Im ersten Halbjahr 2017 wurde das Sexualstrafrecht verschärft, mehr Taten gelten nun als strafbar, so gab es in Bayern auch insgesamt fast 50 Prozent mehr angezeigte Sexualdelikte als im ersten Halbjahr 2016. Vergleiche aus anderen Bundesländern fehlen - 2012 hatten sich die Länder-Innenminister geeinigt, keine Zahlen für das laufende Jahr zu veröffentlichen.

Neben Bayern hält sich noch ein anderes Land nicht an diese Abmachung: Nordrhein-Westfalen. Das liefert für den Deliktbereich "Vergewaltigung/Sexuelle Nötigung (überfallartig)" ganz andere Zahlen: Von August 2016 bis einschließlich Januar 2017 gab es 95 solcher Fälle, bis Juli 2017 nur noch 63 - zwei weniger übrigens als allein im Monat August 2007 (65 Fälle).

Wie interpretiert man diese Zahlen?

Was nun? "Ich würde mir beide Statistiken erst einmal genau anschauen wollen", sagt Christian Walburg, Kriminologe an der Uni Münster, "auf den ersten Blick sieht man nicht, wer was weglässt oder mit einbezieht." Und auch nicht, fügt er hinzu, wie viel politische Motivation dahintersteht, wenn die bayrische Staatsregierung kurz vor der Bundestagswahl solche Zahlen veröffentlicht - oder die mittlerweile abgewählte nordrhein-westfälische Landesregierung per Statistik zeigen will, dass nach der Kölner Silvesternacht das Land wieder weitgehend sicher und friedlich ist.

Allerdings sagt der Kriminologe auch: "Es gibt einen klar erkennbaren Anstieg bei den angezeigten Straftaten bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung." So blieb bei der Polizeilichen Kriminalstatistik von 2016 zwischen 2015 und 2016 die Zahl der deutschen Tatverdächtigen in diesem Bereich annähernd gleich (3944 zu 3966), die Zahl der verdächtigen Nichtdeutschen aber stieg von 1952 auf 2512, ihr Anteil damit von 33 auf fast 38 Prozent. Der Anstieg ist weitgehend auf die Flüchtlinge zurückzuführen; viele von ihnen sind junge Männer und gehören damit jener Gruppe an, die quer durch alle Ethnien und soziale Schichten die meisten Straftaten begeht. Viele haben Gewalt erfahren und sind gewohnt, Gewalt auszuüben, für manche sind Frauen ohne männliche Begleitung Freiwild.

"Besonders bei Taten aus Gruppen heraus und im öffentlichen Raum sind Flüchtlinge überproportional vertreten", sagt Walburg, "und das verbreitet Angst, nicht die Vergewaltigung innerhalb der Familie oder der Partnerschaft, obwohl die natürlich häufiger vorkommt." Und während bei den Gewaltdelikten meist Täter und Opfer Geflüchtete seien, richte sich die sexuelle Gewalt tatsächlich häufiger gegen einheimische Frauen.

Insgesamt werden Frauen weniger Opfer von Vergewaltigungen

"Man darf das nicht kleinreden", sagt der Kriminologe, auch nicht damit, dass nur 1,3 Prozent der Straftaten von Flüchtlingen, Asylbewerbern und Geduldeten Taten gegen die sexuelle Selbstbestimmung sind, "erstens ist der Anteil damit fast doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung und zweitens ändert dies für die betroffenen Frauen nichts." Anlass zur Panik sieht Walburg allerdings auch nicht: "Insgesamt werden Frauen heute seltener Opfer eines sexuellen Übergriffs als noch vor 20 Jahren, die Vorstellung, dass Frauen sich heute nicht mehr auf die Straße trauen können, ist objektiv falsch."

Was aber tun, um die Taten zu verhindern? "Viele Geflüchtete sitzen über Monate, gar Jahre ohne klare Perspektive herum", sagt Walberg, "da steigen die Aggressionen." Besser seien schnelle und klare Entscheidungen - dass die einen wüssten, dass sie zurückmüssen und die anderen, dass sie sich auf ihre neue Heimat einlassen können.

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