Rosa Gefängniszellen in NRW Pink gegen Aggression

Wirken bonbonfarbene Wände beruhigend auf aggressive Häftlinge? Zwei Haftanstalten in Nordrhein-Westfalen experimentieren mit rosa Gefängniszellen - und liegen damit voll im Trend: Die Farbpsychologie boomt. Auf Seiten der Wissenschaft regen sich allerdings erhebliche Zweifel.

Von Felicitas Kock

Grün ist die Farbe der Hoffnung, Rot die der Liebe, in Weiß wird geheiratet und in Schwarz getrauert. Viele Gesellschaften schreiben Farben eine eindeutige symbolische Bedeutung zu. Auch bei Rosa schien die Sache bisher klar - der Farbton war für kleine Mädchen in Blümchenkleidern reserviert. Umso überraschter wurde da die Meldung aus dem Dortmunder Justizvollzug aufgenommen, man habe eine Zelle für besonders aggressive Häftlinge rosafarben gestrichen.

Rosa Vollzug in Dortmund: In einer Zelle für besonders aggressive Häftlinge testet das nordrhein-westfälische Justizministerium die beruhigende Wirkung bonbonfarbener Wände.

(Foto: dpa)

Dortmund ist nach der JVA Hagen bereits die zweite Haftanstalt in Nordrhein-Westfalen, die mit bonbonfarbener Wandgestaltung experimentiert. Auch aus der Schweiz und den USA wurden in der Vergangenheit ähnliche Maßnahmen gemeldet. Der Grund für die kreative Umgestaltung: In der - durchaus umstrittenen - Farbpsychologie wird Rosa als beruhigend und aggressionshemmend betrachtet. Die Schweizer Farbdesignerin Daniela Späth spricht dem von ihr kreierten Ton "Cool Down Pink" gar eine blutdrucksenkende Wirkung zu. Die Farbe kommt zurzeit in verschiedenen Schweizer Haftanstalten zum Einsatz.

"Jeder Farbton hat einen bestimmten Einfluss auf unser Befinden", erklärt Späth die grundlegende Annahme der Farbenlehre. Neben Rosa gelten vor allem Blau und Grün als beruhigende Farben, wobei Blau eher die geistige Gelassenheit und Grün die körperliche Entspannung fördern soll. Die gegenteilige Wirkung wird satten Rottönen zugesprochen: Diese regen angeblich Angriffs- und Fluchtgedanken an und sind damit ein eindeutiges "No go" bei der Gestaltung von Schulen, Ruhebereichen - oder eben Gefängniszellen.

Schon lange geht es in Sachen Farbgestaltung nicht mehr nur um Ästhetik, sondern um die psychologische Wirkungsebene. Kaum ein Wohnmagazin, das nicht den belebenden Effekt eines Wandanstrichs oder die harmonisierende Wirkung einer bestimmten Beleuchtung thematisiert; kaum ein Wellnesszentrum, das nicht mit farbtherapeutischen Angeboten wirbt. In einer Zeit, in der Menschen mit immer neuen Fitnesstrends, Diäten und Entspannungsmethoden nach seelischer und körperlicher Perfektion suchen, weckt auch die vielfach angepriesene "Macht der Farben" zunehmend Interesse.

"Dann würden wir ja alles rosa anstreichen"

Wie groß diese Macht tatsächlich ist, daran scheiden sich die Geister. Denis Köhler, Vorsitzender der Sektion Rechtspsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP), hält den Einfluss von Farben auf das menschliche Befinden für gering. "Wenn wir zum Beispiel in einer sogenannten Farbsauna sitzen", sagt der Heidelberger Psychologieprofessor, "dann sind es nicht allein die Farben, die entspannend auf uns wirken. Es ist das Zusammenspiel aus ruhiger Umgebung, Hitze, Musik und unserem eigenen Willen, uns zu erholen, das den gewünschten Effekt bringt."

Die Farbpsychologie hält Köhler insgesamt für fragwürdig. Es handle sich dabei nicht um einen wissenschaftlichen Bereich der Psychologie, sondern eher um einen Bereich der Esoterik. "Wenn Farben wirklich so einflussreich wären", sagt Köhler, "dann würden wir Psychologen doch nicht seit Jahrhunderten nach therapeutischen Möglichkeiten suchen, um Stimmungen zu beeinflussen. Dann würden wir ja einfach alles rosa anstreichen."

Tatsächlich sind die wenigsten Annahmen über die Wirkung von Farben wissenschaftlich erwiesen. Der überwiegende Teil der Psychologen ist sich einig, dass Farben im Bezug auf das menschliche Befinden lediglich Placeboeffekte hervorrufen. Nur derjenige, der daran glaubt, dass eine bonbonfarbene Wand ihn beruhigt, kann also auch die erwartete Beruhigung erfahren.