Panama Papers Mossack Fonseca behielt pädophilen Se­xu­al­ver­bre­cher als Kunden

Illustration: Peter M. Hoffmann

Verdacht auf Kinderprostitution: Der Mann soll laut Ermittlungen womöglich Geldgeber einer kriminellen Organisation gewesen sein, die Sex mit Minderjährigen organisierte.

Von Frederik Obermaier, Bastian Obermayer und Oliver Zihlmann

Dreimal fährt Andrew M. in den kalten Winternächten des Jahres 2003 vor dem Waisenhaus am Rande von Sankt Peterburg vor. Jedes Mal holt er ein Mädchen ab. Zwei sind 13 Jahre alt, das dritte ist an jenem Tag, an dem M. mit ihm wegfährt, 14 geworden. Der Mann soll den Mädchen versprochen haben, mit ihnen nach Moskau zu fahren. Zum Sightseeing.

"Ich kenne niemanden, der etwas Schlimmeres gemacht hat als ich", wird Andrew M. Jahre später vor einem amerikanischen Gericht sagen, ehe er verurteilt wird und sich die Gefängnistore hinter ihm schließen.

Über Firmen, die Mossack Fonseca in den vergangenen Jahrzehnten in so ziemlich jeder bekannten Steueroase im Auftrag ihrer Kunden eingerichtet hat, sind offenbar viele zweifelhafte Geschäfte gelaufen. Eine Menge davon sind bereits dokumentiert durch die weltweite Berichterstattung zu den Panama Papers, jene Recherche, die eine anonyme Quelle ausgelöst hat, indem sie der Süddeutschen Zeitung 2,6 Terabyte Daten überließ. Sie zeigen, dass solche Briefkastenfirmen wie die der panamaischen Kanzlei des Deutschen Jürgen Mossack und seines panamaischen Partners Ramón Fonseca unverzichtbar sind für Geldwäsche, Drogenhandel, Waffenschieberei, für Terrorfinanzierung oder Steuerhinterziehung, für fast jedes denkbare unerlaubte Geschäft - sie liefern überhaupt erst das Werkzeug dafür.

Mossack Fonseca, konfrontiert mit Fällen des Missbrauchs von Offshore-Firmen, behauptet, "die Kenntnisse über unsere Mandanten regelmäßig" zu erneuern und so sicherzustellen, "dass sich hinsichtlich der Person und der von ihr anvertrauten Gesellschaft kein Negativbefund eingestellt hat". Der Fall von Andrew M. legt erneut Zweifel nahe an diesen "Standards" der Kanzlei in Panama. Denn M. wurde 2009 von einem Bezirksgericht in Pennsylvania verurteilt, weil er die drei Mädchen aus dem Petersburger Waisenhaus zum Geschlechtsverkehr gezwungen hatte.

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Die Anklage ging sogar davon aus, M. habe die drei Kinder als Prostituierte einsetzen wollen, als frische Ware für Freier eines Kinderprostitutionsrings. "Die Mädchen waren Siebtklässler und hatten keine Erfahrungen als Prostituierte. Sie waren alle noch Jungfrauen, weil Herr M. das so verlangte", sagte eine amerikanische Staatsanwältin. M. galt Ermittlern aus Russland und den USA als Beteiligter an einem Kinderprostitutionsring in Moskau, finanzielle Transaktionen sollen auch offshore abgewickelt worden sein. Und dennoch: Mindestens eine von Andrew M.s Briefkastenfirmen made by Mossack Fonseca ist bis heute aktiv - obwohl man in der Kanzlei offenbar weiß, wem man da zu Diensten ist; obwohl Medien über den Fall berichteten; und obwohl M. kein unauffälliger Kunde gewesen ist.

Mossack Fonseca gründet am 31. März 1995 für Andrew M. die Firmen Ifex Global Ltd und Maga Global Ltd, beide mit Sitz auf den Britischen Jungferninseln. Einen Zweck gibt er nicht an, und Mossack Fonseca stellt den Panama Papers zufolge nicht besonders viele Fragen. Offenbar haben weder die panamaische Kanzlei noch ein zwischengeschalteter amerikanischer Dienstleister, der zwischen M. und Mossack vermittelt hatte, den Gründer jemals gesehen. Noch nicht einmal eine Kopie seines Passes ist den Panama-Papieren zufolge in die Akten gewandert.

Als Andrew M. die beiden Firmen einrichtet, ist er 25 Jahre alt. Sechs Jahre zuvor war er mit seinem Vater von Sankt Peterburg aus in die USA umgezogen. Seine mathematische Begabung brachte ihm einen Platz an der Columbia Universität in New York ein, und obwohl er anfangs so gut wie kein Englisch konnte, schloss er dort mit Bestnoten ab.

Zum Leidwesen seines Vaters schlägt Andrew M. aber keine wissenschaftliche Laufbahn ein, sondern wird Unternehmer. Er vertreibt spezielle Feuerlöscher, die nach dem Patent eines deutschen Erfinders mit wenig Wasser und hohem Druck arbeiten. "Impulse Fire Estinguishing System" nennt sich die Grundlage der maschinengewehrartigen Geräte, kurz: Ifex - wie auch einer seiner 1995 angemeldeten Offshore-Firmen heißt. Später verschifft Andrew M. Autos deutscher Hersteller um die halbe Welt; 2004 wird der Wert seiner Firma auf mehr als zehn Millionen Dollar geschätzt.

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