Übergriffe in Köln In Deutschland hätte jemand wie Strauss-Kahn es in der Politik nicht weit gebracht

In Deutschland habe ich ähnliche Belästigungen noch nie erlebt, egal zu welcher Zeit ich unterwegs war. Selbst am Kottbusser Tor, am Görlitzer Park oder am Hermannplatz, die als soziale Brennpunkte in Berlin gelten, wurde ich noch nie bespuckt, beschimpft oder sexuell belästigt. Der Umgang zwischen Männern und Frauen ist hierzulande anders als in Frankreich. Es gibt eine stärkere Trennung zwischen Privatem und Öffentlichem, zwischen Arbeit und Freizeit. Vielleicht auch deswegen behandeln die meisten Männer Frauen nicht als Freiwild.

Natürlich bezweifele ich nicht, dass es Sexualgewalt oder Sexismus in Deutschland gibt. Aber jemand wie der frühere Finanzminister Dominique Strauss-Kahn, dem sowohl Vergewaltigung als auch Beteiligung an einem Callgirl-Ring vorgeworfen wurde (vom Vorwurf der Zuhälterei sprach ihn 2015 ein Gericht frei), hätte es in der deutschen Politik nie so weit gebracht. Rainer Brüderle, der sich Bemerkungen über die Oberweite einer Journalistin erlaubt hatte, wurde öffentlich und medial demontiert.

Vergleiche von Köln mit dem Oktoberfest sind unpassend

Daher verstehe ich die Empörung und Fassungslosigkeit vieler Menschen nach dieser Silvesternacht. Deutsche Städte sind an so etwas nicht gewöhnt. Mein Verständnis hört aber auf, wenn manche Feministinnen die sexuelle Gewalt in Köln als einen Vorfall unter vielen darstellen, oder Vergleiche mit dem Oktoberfest oder dem Karneval ziehen. Was sich in Köln und anderen Städten abspielte, erreichte eine Dimension und Intensität, die ihresgleichen sucht. In ein paar Stunden und auf engsten Raum erleben mehr als 200 Frauen sexuelle Übergriffe. Beim Oktoberfest im vorigen Jahr mit 5,9 Millionen Besuchern hat die Münchner Polizei 26 Anzeigen wegen sexueller Straftaten registriert. Damit sind wir weit weg von "No-go-Areas".

Wenn Verlierer in der Übermacht sind

Frust, Sexismus und der Druck der Gruppe dürften die Übergriffe von Köln befeuert haben. Gruppen nutzen es aus, wenn sie Oberwasser haben. Von Andrea Bachstein mehr ...

Es ist auch falsch und gefährlich, einzig von deutschen Frauen als Opfern in Köln zu sprechen, die gemäß des entsprechenden Focus-Titels blond, schlank und groß sein sollen. Unter den Opfern gab es bestimmt eine Vielfalt von Frauen, Deutsche mit und ohne Migrationshintergrund, Touristen, Junge, Ältere, vielleicht sogar Flüchtlingsfrauen. Alice Schwarzer irrt auch, wenn sie Köln als "Terror" bezeichnet. Terror - das ist für mich der Anschlag mit 130 Toten in Paris oder die Steinigung von Frauen in Afghanistan.

Deutschland sollte über seine Toleranz gegenüber Burka und Kopftuch nachdenken

Es ist dabei völlig unzureichend, nur auf polizeiliche Fehler, auf Mängel des Strafrechts und der Justiz aufmerksam zu machen. Videokameras und eine Verschärfung des Asylrechts allein werden dieses Problem nicht lösen. Vorausgesetzt, die Ermittlungen bestätigen, dass fast alle Täter Zuwanderer und Asylbewerber waren, ist eine Debatte über die Integration, über Zuwanderungspolitik und über Grundwerte unentbehrlich. Vielleicht muss Deutschland auch nochmals über seine Toleranz gegenüber dem Kopftuch und insbesondere der Burka nachdenken, Symbolen, die das Bild einer unterworfenen Frau verkörpern.

Der schnelle Zugang zum Arbeitsmarkt ist sicher entscheidend für eine geglückte Integration. In den Banlieues ist die Arbeitslosigkeit fast doppelt so hoch wie im Rest des Landes. Die Biografien von jungen Kriminellen kennzeichnen sich durch eine abgebrochene Ausbildung und eine gescheiterte Eingliederung auf dem Arbeitsmarkt.

Die Ankunft von einer Million Flüchtlingen wurde zu Recht mit der Aufgabe der deutschen Vereinigung verglichen. Wenn jetzt die Bundesregierung ihre Flüchtlingspolitik zurückdrehen, die Grenzen dicht machen sollte, würde sie ein fatales Signal an alle populistischen Kräfte in Europa senden. Selbst wenn Angela Merkel dafür kritisiert wird, dass sie sich im September zu wenig mit europäischen Partnern abgestimmt hat, verkörpert sie Europas Ehre in dieser Krise. Seit Köln schauen alle in Europa, noch mehr als sonst, nach Deutschland. Ich hoffe, dass dieses Land, in dem ich seit zwölf Jahren gern lebe, weiter ein freundliches, besonnenes und zuversichtliches Gesicht zeigen wird.

Amerikanerin in Köln: Syrische Männer schützten mich

Diese Geschichte fängt an wie so viele andere aus der Kölner Silvesternacht: Männer umringen eine Frau und fassen sie an. Doch sie endet anders. mehr...