Masernausbruch in Berlin Impfverweigerer aus Lifestyle-Gründen

Altbauten im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg.

(Foto: dpa)
  • Die Zahl der Masern-Infektionen in Berlin hat einen neuen Höchststand erreicht. Grund ist, dass viele Menschen die Impfung verweigern.
  • Die Impf-Gegner kommen häufig aus der Mittelschicht, sind gut gebildet und fühlen sich einem natürlichen Lebensstil nahe.
  • Überzeugen lassen sich Impf-Gegner am ehesten mit dem Argument, sie würden der Allgemeinheit einen Dienst erweisen, wenn sie ihre Kinder impfen lassen oder sie könnten helfen, die Krankheit auszurotten.
Von Verena Mayer, Berlin

Beim Kinderarzt. Von der Decke baumelt ein Mobile, ein Elternpaar guckt zu, wie seine Kinder eine Spritze bekommen, die Kombinationsimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln. Eine Szene, wie sie alltäglicher nicht sein könnte. Doch an diesem Termin ist nichts alltäglich, der Vater musste dafür erst gegen die Mutter vor Gericht ziehen. Denn die hatte sich dagegen gewehrt, die gemeinsamen Kinder impfen zu lassen.

Einige Jahre später sitzt Johannes Schäfer, der Vater, nun in der Küche seiner Berliner Altbauwohnung und klappt einen Aktenordner auf. Darin ist der Rechtsstreit mit seiner geschiedenen Frau abgeheftet, Gutachten, Urteile, E-Mails vom Anwalt, fast ein Jahr lang ging das so. Schäfer blättert, liest sich auf einzelnen Seiten fest. So, als versuche er noch immer, die ganze Angelegenheit zu verstehen. Wie sehr man sich um etwas streiten kann, das eigentlich selbstverständlich sein sollte: Schutzimpfungen für Kinder.

Der Masernausbruch in Berlin hat einen neuen Höchststand erreicht

Berlin, Anfang März. Der Masernausbruch, der seit Wochen die Hauptstadt beschäftigt, hat einen neuen Höchststand erreicht, 739 Fälle. Allein vergangene Woche erkrankten 111 Menschen, so viele wie noch nie innerhalb einer Woche. Ende Februar starb ein eineinhalbjähriger Junge an den Masern, wie fast alle Erkrankten war er nicht gegen die Krankheit geimpft.

Seither ist Berlin im Ausnahmezustand. Eine Schule wurde vorübergehend geschlossen, Ärzte raten, mit Säuglingen Menschenmengen zu meiden. Kitas kontrollieren Impfbücher, und sobald Eltern zusammenstehen, geht es darum, wie man es mit dem Impfen hält, die Stich-Frage gewissermaßen. Und immer wieder fragt man sich: Wer sind die Leute, die ihre Kinder nicht gegen Masern impfen lassen?

Ihr Forum Ist Nicht-Impfen ein Lifestyle-Problem?

Die Zahl der Masern-Infektionen in Berlin hat einen neuen Höchststand erreicht. Impfgegner kommen häufig aus der Mittelschicht, sind gut gebildet und fühlen sich einem natürlichen Lebensstil nahe. Die Verharmlosung der Masern ist unter ihnen weit verbreitet. Ihr Forum

Imfgegner: hoch gebildet, weiß und einem natürlichen Lebensstil zugetan

Weniger seltsame Fanatiker, wie gerne behauptet wird. Eher Mittelschichtseltern wie die Schäfers. Um die vierzig, gute Jobs, beide waren an der Uni. Johannes Schäfer sitzt in seiner Wohnung mit Stuck und hohen Decken, umgeben von Bücherwänden und Kunst. Lange hat er in Prenzlauer Berg gelebt, in der Nähe des Helmholtzplatzes mit Kindercafé und Indoor-Sandkasten, eine der gefragtesten Wohnlagen Berlins. Dort sind nach Angaben des Gesundheitsamtes 20 Prozent der eingeschulten Kinder nicht geimpft. So wollte es auch seine frühere Frau.

Ein hoher Sozialstatus gehe mit einer niedrigen Durchimpfungsrate einher, so die Jugendstadträtin des Bezirks. Ähnlich ist es in den USA, wo derzeit ebenfalls die Masern grassieren. "Hoch gebildet, weiß und einem 'natürlichen Lebensstil' zugetan" - so beschreibt die Fachzeitschrift Pediatrics den typischen Impfskeptiker. Die Masern, die nach dem Plan der Weltgesundheitsorganisation eigentlich bis 2020 ausgerottet sein sollten, sind in Industrieländern wie Deutschland dabei, zur Wohlstandserkrankung zu werden.

Schäfer erzählt eine typische Berliner Elterngeschichte. Geburt im Geburtshaus, alles bewusst und natürlich. Die Kinder kommen auf eine gute Schule, bei der Einschulungsfeier tragen sie selbst gebastelte Schultüten, und auf Elternabenden geht es darum, ob es bei der Klassenfahrt Bio-Eis gibt. Unter den Eltern sind Juristen und Ärzte, und einige glauben, dass die Masern harmlos sind, ja, dass sie sogar positive Auswirkungen auf den Organismus haben können.

Masern-Impfung Mythen, Misswirtschaft, Misstrauen

Ablehnung aus religiösen Gründen, Schlendrian oder Fehlinformation: Impfmüdigkeit ist kein deutsches Phänomen, wie der Blick in andere Länder zeigt. Eindrücke aus den USA, Großbritannien, Japan - und ein hoffnungsvoller Blick nach Finnland.