Jorge Bergoglio ist Franziskus Papst der Armen, armer Papst

Die katholische Kirche hat einen neuen Papst: Franziskus ist gewählt - ein grandioses Schauspiel, das wirkt wie ein himmlisches Hollywood. Die Menschen waren dabei eher Zuschauer eines Spektakels als Gläubige eines Mysteriums. Kann der neue Papst das ändern, weil er aus einer anderen Welt kommt?

Ein Kommentar von Heribert Prantl

Die katholische Kirche hat einen neuen Papst - nach einem grandiosen Schauspiel, das die Welt offenbar umso mehr fasziniert, je ferner sie der Kirche rückt. Die Kraft dieser Kirche bröckelt und bröselt, aber die Kraft der Bilder, die diese Kirche aus dem Vatikan liefert, ist stärker denn je.

Es ist nicht unbedingt eine geistlich-geistige Kraft, die sich da zeigt; aber sie in eine solche zu verwandeln, ist die Kunst, die vielleicht dem neuen Papst Franziskus gelingen kann. Er ist ein Papst aus der neuen Welt; er gilt als einer, der für soziale Gerechtigkeit steht, als ein Papst der Armen.

Der jesuitische, der lateinamerikanische Papst hat sich den Namen Franziskus gegeben. Das ist eine programmatische Namenswahl: der Heilige Franz von Assisi war Begründer des Ordens der Minderen Brüder, also der Franziskaner. Er ist Heilige der Armen, der arme Heilige.

Schöne Bilder - wenig Anhänger

Es schauen zwar immer mehr Menschen nach Rom, weil die dortigen Bilder so fremdartig schön sind, aber es folgen zugleich immer weniger Gläubige diesem Rom, weil die Lehren, die im Vatikan hochgehalten werden, ihrer Lebenserfahrung widersprechen. Die Menschen werden daher eher zu Zuschauern eines Spektakels, denn zu Gläubigen eines Mysteriums. Kann der neue Papst das ändern, weil er aus einer anderen Welt kommt? Vorderhand ist das, was soeben in Rom passiert, ein himmlisches Hollywood, dessen Faszination sich davon nährt, dass es da nicht um einen fiktiven Herrn der Ringe, sondern um den realen Herrn des Rings geht, - um den, der als Oberhaupt von 1,28 Milliarden Katholiken den Fischerring trägt.

Es trägt ihn nun ein Papst vom anderen Ende der Welt. Ein Wunder? Ob der Heilige Geist den Kardinälen bei der Wahl die Hand geführt hat, wie sich das Katholiken erhoffen, wird sich erst in Jahren zeigen. Der Geist weht bekanntlich wo er will; er weht wohl nicht im Vatikan, sondern an ganz anderen Orten, an denen, die nicht so schwelgerische Bilder produzieren - wo aber den Menschen geholfen wird; vielleicht dort, wo der neue Papst herkommt.

Missbrauch geistlicher Macht

Womöglich spürt man den Heiligen Geist auch im Vatikan wieder, wenn der neue Heilige Vater dort mit heiligem Besen gekehrt hat, wenn die unbändige Macht der römischen Kurie gebändigt ist. Die Weltkirche leidet schwer an den Missbrauchsskandalen. Der Missbrauch geistlicher Macht fängt im Vatikan an; dort muss die Bekämpfung beginnen.

Der neue Papst ist ein Übergangspapst. Alle Päpste seit einem guten halben Jahrhundert sind Päpste des Übergangs; es gab entscheidungsstarke und entscheidungsschwache Päpste, sie alle waren aber Übergangspäpste.

Die meisten sind schon bei ihrer Wahl so genannt worden - selbst der große Johannes XXIII., weil man dem bescheidenen Herrn große Weichenstellungen nicht zutraute. Auch der letzte Papst, der zurückgetretene Benedikt, galt bereits bei der Wahl als Mann des Übergangs, weil man sich nach den gut 26 Jahren des Pontifikats von Johannes Paul II. nicht vorstellen konnte, dass mit seinem Nachfolger, der der Mastermind des alten gewesen war, eine neue Epoche beginnen könne.

Epochalen Entscheidung

Selbst dieser Johannes Paul II., selbst dieser weltmächtig-sendungsbewusste polnische Papst, dessen Rolle beim Zusammenbruch des Ostblocks kaum überschätzt werden kann, war ebenso ein Papst des Übergangs wie sein armer Vorgänger Johannes Paul I., dem nur 34 Tage an der Spitze vergönnt waren - weil diese ihre Kirche eben eine Kirche des Übergangs ist.

Es war Johannes XXIII., der genau dies seiner Kirche in einer epochalen Entscheidung klar machte: Er hat das Konzil einberufen und damit die Kirche gelehrt, dass sie zu einer Gemeinschaft werden muss, "die dynamisch ausgreift und sich anpasst". So hat das damals der Münchner Kardinal Julius Döpfner beschrieben: Johannes XXIII. habe die Ungewissheit des Übergangs in eine Verpflichtung zum mutigen Hinüberschreiten verwandelt. "Aggiornamento" hat dieser Papst das damals genannt, "die Zeichen der Zeit erkennen" - was etwas anderes ist, als sich dem Zeitgeist anzupassen. Johannes rief damals nicht zum "Widerstand" auf gegen eine angeblich "feindselige Umwelt in modernen Gesellschaften", wie dies zuletzt Benedikt tat, der schon bei der Forderung nach Gleichberechtigung der Frau in der Kirche gefährlichen "Relativismus" am Werk sah.

Die Päpste seit Johannes XXIII. haben zwar Weltreisen unternommen, aber sich vor der Welt und den Problemen der Gläubigen verbunkert. An Franziskus gibt es daher eine große Erwartung: Dass er den Bunker verlässt und das tut, was für den Übergang wichtig ist - Brücken bauen zu den Menschen. Er nennt sich schließlich Pontifex. Vielleicht schafft er es auch, mutig hinüber zu schreiten.

Lesen Sie in der aktuellen SZ vom 14.03. einen Schwerpunkt zur Papstwahl. Mit einer Seite Drei aus Rom, Kommentaren und Analysen.