Hungerkatastrophe in Somalia Islamisten verhindern Hilfe

Die Hungerkatastrophe am Horn von Afrika spitzt sich dramatisch zu. Während Hilfsorganisationen die Zahl der Toten auf Zehntausende schätzen, verweigert die somalische Al-Shabaab-Miliz in den von ihr kontrollierten Gebieten Hilfslieferungen für die ausgezehrten Menschen.

Von Tim Neshitov

Die ausländischen Helfer in Somalia sind doch nicht willkommen. Ali Mohamud Rage, ein Sprecher der islamistischen Miliz al-Shabaab, erklärte am Freitag in der Hauptstadt Mogadischu, westliche Hilfswerke würden in den Hungergebieten am Horn von Afrika "politische Ziele" verfolgen. "Die Organisationen, die wir 2009 verboten haben, bleiben deswegen verboten", sagte Rage dem somalischen Radiosender al-Furqan. Noch Anfang des Monats hatte derselbe Sprecher verkündet, internationale Hilfswerke, ob muslimisch oder nicht, dürften angesichts der verheerenden Dürre in Somalia wieder Lebensmittel verteilen, Hauptsache, sie hätten keine "Geheimagenda".

Den Rückzieher der Islamisten hat offenbar die jüngste Erklärung der Vereinten Nationen provoziert, in zwei Gebieten Somalias herrsche offiziell Hungersnot. Die UN rufen eine Hungersnot spätestens dann aus, wenn in einer Region täglich entweder zwei von 10 000 Erwachsenen oder vier von 10 000 Kindern verhungern. Die al-Shabaab kontrolliert beide betroffenen Gebiete seit Jahren gewaltsam. Doch hatte sich die Miliz zuletzt um Rückhalt in der Bevölkerung bemüht. Nun versucht die Miliz den Eindruck zu vermeiden, unter ihrer Aufsicht würde sich die erste Hungersnot des 21. Jahrhunderts abzeichnen. Sprecher Rage nannte die alarmierende Erklärung der UN am Freitag "absoluten Schwachsinn" und "reine Propaganda". Somalia würde zwar in der Tat unter einer Dürre leiden, aber es sei "nicht so schlimm, wie sie behaupten".

Vor einigen Tagen hatte das UN-Kinderhilfswerk Unicef erste Lieferungen ins Land einfliegen können. Das Welternährungsprogramm WFP hatte angekündigt, eine Luftbrücke für Kinder in Mogadischu einzurichten. Auf die jüngste Drohung der al-Shabaab reagierten die Organisationen zunächst gelassen. Eine WFP-Sprecherin sagte, man werde weiterhin arbeiten, wo es nur möglich sei. Unicef kündigte sogar an, in den kommenden Wochen noch mehr Medikamente und Lebensmittel ins Land zu bringen: "Ohne Nothilfe könnten 720 000 Kinder sterben."

Kein Sinn für Gemeinschaft

Bereits während der Hungersnot von 1992, als mehr als 20 Millionen Menschen auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen waren, hatten somalische Milizen die Verteilung von Lebensmitteln behindert. "Es gibt keinen Sinn für Gemeinschaft, keinen Versuch, die Not der Menschen zu mildern", berichtete damals ein Reporter. "Es gibt nur mich und was in meine Tasche kommt."

Die derzeitige Zahl der Notleidenden mag die Dimension von 1992 noch nicht erreicht haben. Jedoch gibt es bereits erste Todesstatistiken. Die Weltgesundheitsorganisation vermutet, dass von 10 000 Somaliern täglich bereits mindestens sechs Menschen sterben. UNHCR, das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen, schätzt, bereits mehrere zehntausend Somalier seien verhungert. Viele sterben auf dem Weg in die Flüchtlingslager der UN in den Nachbarländern Kenia und Äthiopien. Im nordostkenianischen Dadaab, dem größte Flüchtlingslager der Welt, harren mehr als 380 000 Menschen aus, täglich kommen durchschnittlich 1500 weitere Flüchtlinge hinzu. Zehntausende schlafen ohne Notversorgung auf dem Boden vor dem Lager.

Die Bundesregierung erwägt indes, ihre Soforthilfe für Ostafrika aufzustocken. Derzeit stellt Berlin 15,5 Millionen Euro zur Verfügung. Fast zehn Millionen davon kommen aus dem Topf des Entwicklungshilfeministeriums, der Rest vom Auswärtigen Amt. Das Kabinett prüfe, "welche weiteren Mittel wir bereitstellen können", sagte Entwicklungsminister Dirk Niebel am Freitag in einem Interview. Neben der Soforthilfe beteiligt sich Deutschland als bilateral fünftgrößter Geber im Welternährungsprogramm an den Hilfszahlungen für Ostafrika. Auch den Topf der EU, derzeit der zweitgrößte Geber, speist Deutschland zu 20 Prozent. Trotzdem fehlen dem Welternährungsprogramm, das die Hilfsaktionen am Horn von Afrika koordiniert, zwischen 350 und 550 Millionen Euro. Die Hilfsorganisation Welthungerhilfe hat deswegen die Bundesregierung am Freitag aufgefordert, ihre Hilfsgelder rasch aufzustocken. Deutschland könne mit neuen Hilfszusagen ein "Zeichen der Solidarität" setzen und zeigen, dass es zu den "großen Playern auf dem Globus" gehöre.

Am Freitag flog Kristalina Georgieva, die für humanitäre Hilfe zuständige EU-Kommissarin, nach Kenia. Nach einem Besuch im Lager Dadaab wollte sie am Sonntag nach Somalia weiterreisen. Die Europäische Kommission hatte zuletzt rund 5,7 Millionen Euro für das überfüllte Lager bereitgestellt. Das Flüchtlingskommissariat baut indes seine Auffanglager in Kenia und Äthiopien weiter aus. Am Freitag landete in der kenianischen Hauptstadt Nairobi eine Maschine mt 9000 Zelten, die nun mit Lastwagen nach Dadaab gebracht werden.

"Viele sind schon zu schwach, um sich zu retten"

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