Hochzeit von Harry und Meghan Erstaunliche Zeremonie mit Youtube-Potenzial

Die royale Hochzeit produziert ein paar nahezu ausgelassene Momente. Mit einem Prediger, der die Queen zusammenzucken lässt - und einer Braut, die ihrem Prinzen vor Begeisterung auf die Brust haut.

Von Tanja Rest, Windsor

Und dann war es doch nicht weniger als dies: ein veritables Märchen. Romantisch, rührend und für diese altgediente Monarchie erstaunlich kraftvoll - mit ein paar nahezu ausgelassenen Momenten.

Tagelang hatte es peinliche Schlagzeilen geregnet, provoziert von den Halbgeschwistern der Braut und allen voran ihrem Vater, der sie erst zum Traualtar geleiten sollte und ihr dann, nach einem Herzinfarkt und einem selbst eingefädelten Paparazzo-Desaster, fünf Tage vor der Hochzeit endgültig absagte. Für Meghan Markle muss es furchtbar gewesen sein. Doch als der Samstag endlich heraufdämmerte, verdampfte all dies in der Sonne, die aus einem makellos blauen Himmel auf Windsor schien.

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Etwa 100 000 Besucher waren in den 30 000-Einwohner-Ort gekommen, um dem Blockbuster des Jahres beizuwohnen: Prinz Harry, 33, Sechster der Thronfolge, von der Queen noch am Morgen in den Stand eines Duke of Sussex erhoben, heiratete nach einer knapp zwei Jahre währenden Beziehung seine Freundin Meghan Markle, 36. Eine Hollywood-Schauspielerin und Feministin, die nun den Titel einer Duchess of Sussex trägt: Das war so erfrischend modern und unkonventionell, dass das ganze Land schon Wochen im Voraus kopf stand.

Um zehn Minuten vor zwölf Uhr Ortszeit stieg die Braut vor der Treppe zur St. George's Chapel aus einem Rolls Royce Phantom und lüftete das letzte noch verbliebene Rätsel. Dass ihr zukünftiger Schwiegervater Charles sie die letzten Schritte zum Altar führen würde (den Großteil des Weges legte sie allein zurück), war seit 24 Stunden bekannt, nun galt die Aufmerksamkeit dem Kleid. Es war nahezu schlicht, schmal, mit U-Boot-Ausschnitt und Dreiviertelärmeln und einer langen Schleppe aus allerfeinster Spitze. Entworfen hat es die Britin Clare Waight Keller, die seit einem Jahr für das französische Haus Givenchy designt. Mit ihr hatte bei den Buchmachern praktisch keiner gerechnet.

Dazu trug Meghan Markle die Bandeau-Tiara von Queen Mary in der Hochsteckfrisur und Vergissmeinnich im Brautstrauß - die Lieblingsblumen von Harrys Mutter Diana. Der blickte höchst erfreut, als seine Zukünftige auf ihn zuschritt, sechs Brautmädchen hinter ihr her stolpernd - Lippenleser versichern, die Worte "You look amazing" entziffert zu haben.

Die ehrwürdige Kapelle auf dem Gelände von Schloss Windsor war gespickt mit internationaler Prominenz: George und Amal Clooney waren da, Oprah Winfrey, die Beckhams, die Musiker James Blunt und Sir Elton John (seit seinem Auftritt bei Dianas Beerdigung ein Vertrauter der Windsors) sowie die Tennisspielerin Serena Williams, eine enge Freundin der Braut. Aus ihrer Familie war allein die Mutter Doria Ragland erschienen, Rührung und Überwältigung im Gesicht. Die Queen in Lindgrün nahm dem Protokoll gemäß als Letzte Platz. Und dann begann eine erstaunlich informelle Zeremonie, wie man sie bei royalen Hochzeiten so wohl noch nicht erlebt hat - das Youtube-Potenzial war jedenfalls beträchtlich.

Schon als Braut und Bräutigam ihr "Yes, I do" sprachen, sah es für einen kurzen Moment so aus, als würden sie vor Freude gleich loslachen. Schließlich begann Michael Curry, Oberhaupt der Episkopalkirche der USA, mit seiner Predigt, und er steigerte sich dabei in einen solch expressiven Taumel aus Mahnen und Entzücken hinein, dass in der Kirche die Mundwinkel zuckten. Curry beschwor die Kraft der Liebe nach Martin Luther King, die alles zu heilen vermöge. "We gonna get y'all married!", rief er dem Paar vor seinen 600 Gästen zu - "Wir werden euch schon unter die Haube kriegen!" (Die Queen schien an der Stelle etwas zusammenzuzucken.) Im Anschluss schmetterte ein Gospel-Chor den Hit von Ben E. King: "Stand by Me".

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Es blieb dem Erzbischof von Canterbury überlassen, die Ehe zu schließen, wobei die Braut bei ihrem Eid auf das Wort traditionelle "obey" (gehorchen) verzichtete - seit Harrys Mutter Diana, die den Gehorsamseid 1981 als erste ausließ, reicht es in Königskreisen offenbar, den Ehemann zu lieben. Der Kuss folgte dann sogleich auf den Stufen der Kapelle, handgestoppt soll er vier Zehntelsekunden länger gewesen sein als vor sieben Jahren bei Kate und William. Das Brautpaar strahlte, einzelne Gäste wischten sich Tränchen der Rührung aus den Augen, und Premierministerin Theresa May musste, da keine Politiker geladen waren, ihre Glückwünsche vom Fernseher weg twittern. Dann fuhr die Ascot-Landau-Kutsche vor, gezogen von vier Schimmeln.

Und nun kamen endlich all jene auf ihre Kosten, die am ganz frühen Morgen angereist waren oder sogar zwei Nächte lang an der High Street gecampt hatten. Durch ein Meer aus Fähnchen, Plakaten und gereckten Handys fuhren die winkenden Eheleute quasi einmal um den Block: erst die High Street entlang und dann über den zwei Kilometer langen Long Walk, der einen tadellos gepflegten Rasen entzwei schneidet, auf Schloss Windsor zu. Das Letzte, was man sah, bevor das eiserne Tor sich schloss: Wie die frisch gebackene Duchess of Sussex ihrem Gatten mit der flachen Hand auf die Brust haute. Tenor: "Sweetheart, war das eben nicht absolut der Wahnsinn?!"

Manche Menschen sagen, die britische Monarchie sei vor allem dafür gut, schöne Bilder für Hochglanz-Doppelseiten zu produzieren. Wenn es so wäre, dann hätte sie an diesem Tag allerdings ihr Bestes gegeben.

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