Hochzeit von Harry und Meghan Die Show des Predigers

Bischof Michael Curry aus Amerika verblüfft bei der Hochzeit von Harry und Meghan mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für die Wiederentdeckung der Liebe. Er nutzt den Auftritt seines Lebens für eine großartige Rede.

Von Thomas Hummel

Es gab einen Moment in der Predigt von Bischof Michael Curry, der sogar die Queen beruhigt haben dürfte. Dieser Mann schien sich plötzlich zu erinnern, wo er gerade war und warum. Er blickte hinüber zu dem Brautpaar, das sich hartnäckig an der Hand hielt, und versicherte. "We gonna get you all married" - was so viel hieß wie: Keine Sorge, wir kriegen eure Hochzeit schon zu Ende.

Zuvor war der Verdacht aufgekommen, Bischof Curry aus Amerika würde hier in Großbritannien den ganzen Nachmittag reden. Die Kraft dafür hatte er auf jeden Fall mitgebacht, das war schnell klar geworden in der St.-George's-Kapelle von Windsor. Das Oberhaupt der amerikanischen Episkopalkirche war auf Einladung des Brautpaares nach England gekommen, um die Predigt zu halten. (Wie er in seiner Rede versicherte, war er nicht wie Jesus Christus damals über das Wasser gelaufen, sondern ein Flugzeug hatte ihn gebracht.) Zuhause in Amerika war Curry bereits bekannt für emotionale Reden, seit diesem Samstag ist er es auch im Rest der Welt. Denn es fehlte nicht viel und er hätte dem Brautpaar die Show gestohlen.

Er sprach vor allem über die Liebe, die selbstlose, aufopfernde erlösende Liebe. Sie könne Leben verändern, ja die ganze Welt. "Stellen sie sich unsere Regierungen und Staaten vor, wenn Liebe ihr Wegweiser ist", sagte Curry: "Kein Kind ginge hungrig zu Bett in solch einer Welt. Armut würde Geschichte werden in solch einer Welt. Die Erde wäre ein Zufluchtsort in einer solchen Welt."

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Die Predigt kann während einer Hochzeit ein heikler Moment sein. Gerade für Menschen, die sonst selten an einem Gottesdienst teilnehmen. Aus weltlicher Sicht erscheint es überraschend, dass der Pfarrer oder Bischof plötzlich das große Wort ergreift, wo doch Mann und Frau sowie deren innigste Bekannte und Verwandte die Hauptpersonen sein sollen. Und dann muss man dem Herrn auch noch still und leise zuhören, darf keine Widerworte sprechen. Im Falle einer live übertragenen Prinzenhochzeit darf man nicht einmal ungläubig schauen, die Stirn runzeln oder - Gott bewahre - gähnen. Die Gäste in der Kapelle aus dem 14. Jahrhundert mussten Michael Curry fast 14 Minuten lang zuhören und durften keine Miene verziehen.

Verdutzte Gäste

Was nicht einfacher wurde, als sich bei Curry etwas bahn brach, dass man bei einer britischen Adelshochzeit nicht erwartet hatte: Leidenschaft, Hingabe, ungebremste Gefühle. Michael Curry schrie, flüsterte, krächzte, sprach in tiefem Brustton. Seine Stimme hallte durch die Kapelle, manchmal ließ er eine Sekunde Stille walten, um seiner Botschaft Raum zu geben. Er gestikulierte mit den Armen, seine Mimik öffnete sich, die Augen wurden groß, der Blick eindringlich. Er legte seine ganze Persönlichkeit hinein in diese Predigt in dem Wissen, es würden ihm niemals mehr Menschen zuhören. Herauskam eine großartige, einnehmende Rede. Ein Beobachter auf Twitter schrieb, der Herr hätte es sogar vollbracht, die verschlafene Mannschaft von Borussia Dortmund aufzurütteln.

Currys Liebes-Botschaft verdutzte sichtlich die höfliche, bisweilen steife Schar an Upper-class-Gästen in St-George. Elton John blickte durch seine rosa Brille, als begegne er gerade dem wahrhaftigen Gott des Pop. Die Queen zuckte mit den Schultern und Sarah Ferguson schaute drein, als solle ihr mit der Liebe besser keiner mehr kommen - ihre Erfahrungen sind nun mal nicht besten. Meghan Markle hört irgendwann auf zu blinzeln in einer Mischung aus Verwunderung und Unglauben. Und der Bräutigam sah aus als würde er gleich sagen wollen: Jetzt aber mal genug, Herr Pfarrer. Die meisten Gäste behalfen sich mit dem guten, alten britischen Humor und der Gewissheit, dass der Zeitplan penibel eingehalten werden müsse und auch der Bischof irgendwann zum Ende komme.

Curry aber ließ noch nicht locker und kam von der Liebe zum Feuer. Denn das kontrollierte Feuer sei die großartigste Entdeckung der Menschheit. Ohne Feuer keine Bronzezeit, keine Eisenzeit, keine industrielle Revolution. "Feuer macht es möglich zu schreiben, zu tweeten, zu emailen, Instagram, Facebook - also die Unfähigkeit, sozial miteinander umzugehen." Dass er dies alles von einem Tablet ablas, ließ die Leute noch mehr lachen an dieser Stelle.

Der Geistliche ist der erste Afroamerikaner als Oberhaupt seiner Kirche und steht für deren Haltung, homosexuelle Paare zur kirchlichen Hochzeit zuzulassen. Diese liberale Haltung passt zu Prinz Harry und Meghan Markle, die als geschiedene Amerikanerin in die britische Königsfamilie einheiratet.

"Sollte die Menschheit jemals die Macht der Liebe erobern, es wird das zweite Mal in der Geschichte sein, dass sie das Feuer entdeckt", sagte Curry, vor sich zwei brennende Kerzen. "Martin Luther King hatte recht, wir müssen die Liebe wieder entdecken." Auf seinem Tablet stand nun vermutlich, dass er zum Ende kommen müsse. Also schaute er rüber zum Brautpaar, das sich immer noch hartnäckig die Hand hielt. Wo Harry inzwischen arge Probleme hatte, den Kopf gerade zu halten. Curry schloss: "Mein Bruder, meine Schwester. Gott segnet euch."

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