Diskussion im Bundestag Vor dem Wolfsgericht

Über kein Tier wird so viel gestritten wie über den Wolf. Schützenswert? Gefährlich? Und was soll man nur mit Hybrid-Wölfen tun?

(Foto: Reiner Bernhardt/Imago)

Tolerieren? Jagen? Wenn Experten darüber diskutieren, was man mit Wölfen anstellen soll, gehen die Meinungen weit auseinander. Ein Überblick.

Von Christian Gschwendtner

Zumindest auf einen Punkt können sich dann doch alle Anwesenden einigen: Die Wölfe sind wieder zurück in Deutschland. Alles andere ist in der Wolfsdebatte, man könnte fast von einem Wolfsgericht sprechen, umstritten. Da hilft es auch nicht, dass der Umweltausschuss des Bundestags am Mittwoch gleich eine ganze Reihe von Experten eingeladen hat.

Die Forensikerin

Genau genommen fangen die Probleme schon bei der Bezeichnung an. Es sei falsch, nur von einem Wolf zu sprechen, sagt Nicole von Wurmb-Schwark. Sie führt genetische Untersuchungen an Wölfen durch. Und was die Hamburger Forensikerin dabei herausgefunden hat, erstaunt dann doch den ein oder anderen Zuhörer im Saal. Das Problem sei nämlich, dass sich Genspuren zum Teil nur noch schwer zuordnen lassen. Das liege an der zunehmenden "Verpaarung" von wilden Hunden und Wölfen in Deutschland, sagt Wurmb-Schwark. Die Folge: Man hat es immer häufiger mit Hybrid-Wölfen und immer seltener mit echten Wölfen zu tun. Ein Umstand, aus dem die Forensikerin eine Frage ableitet: Soll man künftig alle wolfsähnlichen Geschöpfe schützen oder doch lieber nur noch den deutschen Wolf? Das wiederum ist eine Frage, die den anwesenden AfD-Politikern sehr gut gefällt.

Der Bauernverband

Natürlich, das Thema Wolf wird viel zu emotional diskutiert. Eberhard Hartelt vom Deutschen Bauernverband weist darauf gleich am Anfang seiner Rede hin. Aber nur um danach selbst sehr emotional zu werden. Man müsse endlich die Ängste der Menschen im ländlichen Raum ernst nehmen. Schließlich gehe es hier um ganze Existenzen, die zerstört würden. Und weil das noch nicht emotional genug ist, spricht Hartelt auch noch von "Scheinlösungen", die die Politik derzeit im Angebot habe. Niemand dürfe glauben, dass es nur mit höheren Zäunen und besseren Schutzvorkehrungen getan sei. Vollends auf die Palme bringen ihn Menschen, die glauben, man könne einen Wolf durch einfaches Händeklatschen verscheuchen. Nach einer Schätzung des Bauernverbandes gibt es momentan mehr als 1000 Wölfe in Deutschland. Und dass seien klar zu viele, sagt Hartelt. Eine Position, die nicht nur der Bauernverband hat.

Der Jäger

Helmut Damman-Tamke kennt die Vorurteile, mit denen seine Zunft zu kämpfen hat. Deshalb nützt er einen Großteil seiner Redezeit auch dafür, genau diese Vorurteile zu zerstreuen. Er sagt: Der Deutsche Jagdschutzverband sei ein anerkannter Naturschutzverband. Selbstverständlich fühle man sich auch dem Artenschutz verpflichtet. Es ist ein Bekenntnis, bei dem so mancher Wolfschützer auf der Zuschauertribüne laut aufstöhnt. Damman-Tamke stört das nicht. Er erzählt einfach weiter: dass sich sein Verband in Niedersachsen schon vor acht Jahren an der Wiederaussetzung der Luchse beteiligt habe. Wenn sich also gerade alle über neue Luchse freuen, dann sei das auch das Verdienst der Jäger. Dann kommt der Mann zum eigentlichen Thema - und es klingt sofort bedrohlich. "Die Wolfspopulation wächst exponentiell", sagt Damman-Tamke. In Niedersachsen sei 2012 das erste Wolfsrudel gesichtet worden - und siehe da, fünf Jahre später habe man es schon mit vierzehn Rudeln zu tun gehabt. Damman-Tamke könnte jetzt noch weitere Beispiel erwähnen, aber die Redezeit ist fürs Erste vorbei. Seine Forderungen haben alle auch so verstanden: Auf Wölfe soll in Deutschland bald wieder Jagd gemacht werden dürfen.

Die Wolfsforscherin

So richtig verstehen kann Ilka Reinhardt die ganze Aufregung nicht. Für die Frau vom Institut für Wolfsmonitoring ist es kein Geheimnis, dass sich der Wolf dynamisch entwickelt. Das sei ganz einfach Biologie. Ein klein bisschen Entwarnung kann sie trotzdem geben. Pro Territorium könne es immer nur ein Wolfsrudel geben. Und nicht unendlich viele. Die Botschaft: Der Wolf mag sich in ganz Deutschland verbreiten, er wird sich aber in keinem einzigen Landkreis ins Unendliche vermehren. Weil das als Beruhigung noch nicht reicht, kommt die Wolfsforscherin noch auf einen "Zaubertrick" zu sprechen, der bei genauerem Hinsehen gar keiner ist: Herdenschutz. Die Weidetiere müssen ganz einfach besser bewacht werden, damit "Wölfe erst gar nicht lernen, dass Schafe auch gut schmecken können". Wie das geht, hat die Wolfsforscherin in Ländern wie Polen, Italien und Spanien beobachtet. Es sind Länder, in denen es weit mehr Wölfe gibt als hierzulande. Und die mögliche Beutetiere schon lange viel effektiver schützen. Zum Beispiel mit Elektrozäunen. Der Grund: Wölfe lernen schnell über normale Zäune zu springen. Das unterscheidet sie wiederum nicht so sehr von Hunden.

Der Schäfer

Man könnte jetzt erwarten, dass Schafzüchter den Wolf mit Abstand am feindlichsten betrachten. Aber ganz so einfach ist es nicht. Zumindest nicht für Frank Hahnel. Er ist selbst Schäfer und er vertritt seine Zunft im Bundestag. Und da wird schnell klar, dass für Hahnel nicht die Wölfe das größte Problem sind, sondern die Kosten, die durch die Schutzmaßnahmen anfallen. Elektrozäune sind teuer. Die Ausbildung von Herdenschutzhunden ebenso. Vor allem wenn man ohnehin nicht viel verdient und sich wie Hahnel gerade so noch einen Lehrling leisten kann. Er zählt dann noch die Pachtpreise für das Weideland auf, die gestiegen sind. Und sagt, dass er sich mehr Hilfe von der Politik wünsche. Wölfe würden in absehbarer Zeit nicht aussterben. Schäfer vielleicht aber schon.

Dem Wolf ist der Mensch ein Wolf

Der Umgang mit dem Ausbruch der Raubtiere im Bayerischen Wald zeigt, wie sehr die Tiere polarisieren. Tierschützer und Wolfsgegner liegen über Kreuz. Von Matthias Köpf mehr...