Borussia Mönchengladbach Mutmaßlicher Vergewaltiger stellt sich den Behörden

  • Nach dem mutmaßlichen sexuellen Missbrauch an einer 19-Jährigen in einem Zug voller Fußballfans hat sich ein gesuchter Verdächtiger gestellt.
  • Der Mann meldete sich zum Haftantritt in einer Justizvollzugsanstalt in Nordrhein-Westfalen - wegen einer anderen Straftat.
  • Seinem Anwalt zufolge will er sich zu den neuen Vorwürfen gegen ihn äußern.
Von Anna Fischhaber und Max Sprick

Am frühen Samstagmorgen, um kurz nach sechs Uhr, fährt ein Sonderzug mit Hunderten Fans von Borussia Mönchengladbach nach München los. Es wird gefeiert und getrunken in den 15 Waggons. Auch ein paar gewaltbereite Risikofans sollen an Bord sein. Das muss man wissen, wenn man über das spricht, was auf der Rückfahrt dieses Zuges passiert sein soll, ein verlorenes Bundesligaspiel und knapp 20 Stunden später. Gegen ein Uhr, der Zug ist da gerade drei Stunden wieder unterwegs, soll ein 30-Jähriger eine 19-Jährige sexuell missbraucht haben. Auf der Bordtoilette, im vollbesetzten Zug.

Die beiden hatten sich im Tanzwagen kennengelernt. Nach dem Übergriff rief das Opfer seine Eltern an, die schlugen bei der Polizei Alarm. Im hessischen Flörsheim nahmen sie die junge Frau in Empfang und brachten sie in eine Klinik, sie sollte noch am Montag vernommen werden. Am Abend stellte sich dann der 30-Jährige. Der Druck auf den mutmaßlichen Täter war offenbar zu groß. Der Mann hatte sich zum Haftantritt in einer Justizvollzugsanstalt in Nordrhein-Westfalen gemeldet - wegen einer anderen Straftat. Der Mann habe eine Haftstrafe wegen Körperverletzung zu verbüßen, teilte die Polizei mit. Gleichzeitig habe sein Anwalt bei der Polizei angerufen und gesagt, dass sich sein Mandant zu der Tat in dem Zug nach dem Fußballspiel Bayern München gegen Borussia Mönchengladbach äußern werde. Der Zug war direkt nach dem Vorfall von einem Großaufgebot durchsucht worden, 750 Personalien wurden aufgenommen. Auch ein Foto des Verdächtigen wurde im Zug gemacht und den Beamten nach den Kontrollen zugespielt, doch da hatte der Mann den Bahnhof schon verlassen.

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Die Polizei sagt: Wer den Zug gechartert habe, wisse man nicht. Das sei Sache des Fußballvereins

Nun stellt sich die Frage: Wer hat in so einem Sonderzug eigentlich die Kontrolle? Die Polizei sagt: Wer den Zug gechartert habe, wisse man nicht. Das sei Sache des Fußballvereins. "Der Zug war privat organisiert - das heißt: nicht vom Verein und auch nicht vom Fanprojekt", darauf legt man bei Borussia Mönchengladbach Wert. Für die Sicherheit in solchen Fanzügen ist in der Regel nicht die Polizei zuständig. "Wir fahren nicht mit, das ist nicht unsere Aufgabe", sagt Arnold Plickert von der Gewerkschaft der Polizei. Nur bei Straftaten wie zum Beispiel gravierenden Sachbeschädigungen greife man ein. Ansonsten kümmern sich oft Fan-Ordner der Vereine um die Sicherheit der Mitfahrer und der Züge, sie wissen: Wenn etwas schiefläuft, werden die Sonderzüge eingestellt. Das Mönchengladbacher Fanprojekt organisiert selbst keine dieser Fahrten mehr, zu oft hatte es zu viele Schäden gegeben.

Die Fahrt im Sonderzug nannte das Magazin 11Freunde einmal "das letzte ganz große Abenteuer" für einen Fußballfan. In so einem Zug fährt in der Regel nur mit, wer schon länger aktiv ist. Öffentlich angeboten werden Sonderzug-Tickets so gut wie nie. Man kennt sich unter Auswärtsfahrern, einer für alle, alle für einen. Doch das Wir-Gefühl, das den Fußball auch und vor allem ausmacht, ist nicht immer nur positiv.

Das galt auch für einen Vorfall von vor nicht einmal acht Wochen. Auf einer anderen Zugfahrt, auf dem Rückweg vom Spiel bei Hannover 96, soll ein 22-Jähriger sich vor einer 23-Jährigen entblößt haben. Zeugenaussagen zufolge soll es zu weiteren sexuellen Belästigungen und Beleidigungen durch den Mann gekommen sein. Als die 23-Jährige die Polizei informierte, reagierten die übrigen Fans im Zug: Sie bedrohten die einsteigenden Beamten verbal, sie versuchten sie durch Sperren und Drängen daran zu hindern, zum Tatverdächtigen durchzukommen. Nachdem die Beamten schließlich zusammen mit dem Verdächtigen den Zug verließen, "solidarisierten" sich 180 Fans mit dem 22-Jährigen und stiegen mit aus, berichteten die Beamten. Sie leiteten ein Ermittlungsverfahren ein.

Man darf nicht den Fehler machen, wegen der mutmaßlichen Straftat eines Einzelnen die komplette Gladbacher Fanszene zu verurteilen. Auch das manchmal fragwürdige Verhalten auf Auswärtsfahrten ist kein Problem der Gladbacher Anhänger allein. Während der Stunden, die Fußballfans quer durchs Land fahren, passieren Dinge, die nicht mehr bloß Grenzüberschreitungen im Rahmen einer unangepassten Fankultur sind. Alkoholisierte Fans singen, grölen, pöbeln. Gegen rivalisierende Vereine, Fans und Passagiere. Und gegen Frauen.

Es gibt viele Studien über Rassismus im Fußball, über Sexismus kaum

Die Journalistin Nicole Selmer, die ein Buch über weibliche Fußballfans geschrieben hat, schätzt den Frauenanteil im Stadion auf 25 bis 30 Prozent. In Sonderzügen sei er sicher niedriger. "Das ist schon eine spezielle Atmosphäre: Da reisen in der Regel viele junge Männer mit, es gibt Partywagen mit Musik und es wird oft viel getrunken. Das muss man schon mögen." Es gibt viele Studien über Rassismus im Fußball, über Sexismus kaum. Die "Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit" ist eine der wenigen, die die männlich dominierte Fanszene erforscht hat. Sexualisierte Gewalt unter Fans sei ein völlig unterbelichtetes Phänomen, sagt der Genderforscher Robert Claus. "Es gibt eine große Dunkelziffer und kaum eine Debatte." Gespräche mit weiblichen Fans hätten ergeben, dass sie durchaus vorkommt. "Da wird auf einer Party schon mal eine Frau vor dem Klo bedrängt oder im vollbesetzten Fanzug an Brust und Po begrapscht."

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Beim Gladbacher Fanprojekt heißt es: "Die Fanszene war bisher ein geschützter Bereich, ein einzigartiger Freiraum, der von Respekt untereinander lebte. Es ist daher ein absoluter Tabubruch, dass es innerhalb der Fanszene zu einem sexuellen Übergriff gekommen sein soll. Wir verurteilen diese Tat auf das schärfste und hoffen auf eine schnelle Aufklärung." Die Gladbacher Vereinsführung schließt sich an: "Wenn wir als Verein in irgendeiner Form bei der Aufklärung der Tat mithelfen können, werden wir das selbstverständlich tun", sagte Stephan Schippers. Es sei "eine Schande, dass Borussia mit einer solchen Tat in Verbindung gebracht wird".