Atomruine Fukushima Die Temperatur steigt

240 Grad herrschen im Reaktor 3 des japanischen Atomkraftwerks Fukushima, Tendenz steigend. Die Lage ist hochgefährlich: Einen Plan B zur Kühlung des Reaktors gibt es nicht.

Von Christoph Neidhart, Tokio

Am havarierten Atomkraftwerk Fukushima 1 gibt es ein neues Problem. Reaktor Nummer 3 hat sich in der ersten Maiwoche massiv erhitzt. Von 102 Grad Celsius Anfang des Monats ist die Temperatur im Reaktor inzwischen wieder auf 240 Grad angestiegen, wie Japans Agentur für Nuklearsicherheit Nisa am Freitag bekanntgab. Der Reaktordruckbehälter ist für Temperaturen bis 280 Grad ausgelegt. Sollte es heißer werden, "dann könnte dies die Integrität des Druckbehälters gefährden", sagte Hidehiko Nishiyama, Vize-Generaldirektor der Nisa.

Den Grund für den Temperaturanstieg kennt man nicht. Die Brennstäbe im Reaktor werden offenbar nicht ausreichend gekühlt. Tepco habe den Durchfluss von Kühlwasser von sieben Kubikmeter pro Stunde auf neun erhöht, so Nishiyama. Außerdem suche man alternative Einspeisewege für Kühlwasser, das möglicherweise die Brennstäbe nicht erreicht. Einen Plan B zur Kühlung des Reaktors gibt es nicht.

Tepco plant, in den nächsten Wochen an allen drei Reaktoren neue, externe Kühlanlagen einzurichten. Dazu muss zuerst die Luft in den Reaktorgebäudem mit Filteranlagen dekontaminiert werden. An Block 1 ist dies bereits geschehen. Arbeiter legten am Donnerstag Luftschläuche, mit denen die verseuchte Innenluft in eine Filteranlage außerhalb gepumpt wird. Das soll an den Blöcken 2 und 3 wiederholt werden. Anschließend wird man, um Explosionen zu verhindern, auch in die Reaktoren 2 und 3 Stickstoff pumpen.

Duschen und Betten für Fukushima-Arbeiter

Der Reaktor 3 wurde mit Mox betrieben, einem Gemisch von Uran und dem hochgiftigen Plutonium. Wie die Internationale Atomenergiebehörde mitteilte, schätzt Tepco, 30 Prozent des Kerns von Reaktor 3 seien beschädigt. Im Reaktor 2 sollen es 35 Prozent sein, während die frühere Annahme von 70 Prozent Schaden am Kern von Reaktor 1 auf 55 Prozent zurückgestuft wurde. Laut IAEA ist die Lage in Fukushima "weiterhin sehr ernst".

Premierminister Naoto Kan ordnete am Freitagabend die Abschaltung des AKW Hamaoka an, das als das gefährlichste aller Kernkraftwerke in Japan gilt. Hamaoka, etwa 150 Kilometer westlich von Tokio, liegt auf einer aktiven Erdbeben-Bruchlinie. Experten haben gewarnt, sollte ein Erdbeben Hamaoka beschädigen, dann würde Tokio radioaktiv verseucht. In Hamaoka sind derzeit zwei Reaktoren in Betrieb, ein dritter wird gewartet.

Tepco teilte außerdem mit, die 240 Arbeiter, die in der Turnhalle des Nebengebäudes von Fukushima 1 wohnen, erhielten bald eine Dusche und Kajütenbetten. Bisher schlafen sie auf dem Boden. Auch ihre Kost, bisher Fertiggerichte, soll verbessert werden. Im Meer vor der AKW-Ruine plant Tepco einen vier Meter hohen Damm, um den havarierten Meiler zu schützen, falls ein Nachbeben einen Tsunami auslösen sollte.

Zur Stützung das Abklingbeckens im Block 4 wird Tepco bis Juli Stahlstützen und eine Betonmauer errichten. Das Abklingbecken ist ein Wassertank, in dem 1331 Atom-Brennstäbe aufbewahrt wurden. Wenn sie nicht gekühlt werden, dann schmelzen sie und emittieren Strahlung. Der Brennstoff liegt in diesen Tanks unter freiem Himmel, weil Explosionen die Dächer weggesprengt haben.

Weitere Evakuierungen geplant

Die japanische Regierung bestätigte erneut, das Betreten der Sperrzone von 20-Kilometer Radius um Fukushima 1 sei verboten. Nächste Woche werden erste Gruppen Evakuierter für kurze Zeit in ihre Häuser in der Sperrzone zurückkehren können. Sie werden von Strahlenschutz-Teams mit Bussen hingebracht. Pro Familie darf nur eine Person das Haus besuchen; sie kann zwei Stunden bleiben, um benötigte Gegenstände wie Ausweise und Sparhefte, aber auch Erinnerungsstücke wie Fotoalben einzusammeln.

Wer näher als drei Kilometer am AKW wohnte, kann nicht zurück.

Die geplante Evakuierung einiger kontaminierter Dörfer außerhalb der Sperrzone, insbesondere das 40 Kilometer vom AKW entfernte Dorf Iitate, soll im Laufe dieses Monats durchgeführt werden Die 20- bis 30-Kilometer-Zone bleibt Gefahrenzone. Ihre Bewohner müssen in der Lage sein, im Notfall zu fliehen.