Integrationstheater "Spektrum" Aus dem Leben auf die Bühne

Szenen voll bedrückender Traurigkeit und heiteren neuen Betrachtungswinkeln: Einheimische und Asylbewerber des "Theater Spektrum" führen gemeinsam ein Stück über Klischees und Vorurteile auf.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Laienschauspieler erarbeiten ein Stück aus eigenen Erfahrungen. Am 5. Februar wird Premiere gefeiert.

Von Petra Schneider

Ein junger Flüchtling sitzt auf einer Bank und telefoniert. "Hallo Mama, wie geht´s", sagt er mit brüchiger Stimme. "Ich versuche zu euch zu kommen. Ich kann nicht ohne euch sein." Es ist eine Szene von bedrückender Traurigkeit, verstärkt durch die zerrissenen Töne eines Kontrabasses und eines E-Pianos. Sie spielt sich bei einer Theaterprobe im Tölzer Jugendcafé ab. Der junge Mann ist Mohammed aus Afghanistan. Das Telefongespräch mit seiner Mutter, die ihm sagt, er solle bleiben, weil in Afghanistan noch Krieg sei und dass er es schaffen könne in Deutschland, ist mehr als nur ein Theaterdialog. Es ist Teil von Mohammeds realer Erfahrung. Einsamkeit und Sprachbarrieren, offene Ablehnung und Vorurteile, aber auch Gastfreundschaft und Willkommensein - all das bestimmt den Alltag des jungen Afghanen. Im Theaterprojekt "Spektrum" wird Mohammeds individuelles Erleben und das seiner Mitspieler zum Zentrum der Bühnenhandlung: In 30 Szenen fügen sie sich zu einem facettenreichen Bild gesellschaftlicher Realität. "In der Theaterpädagogik geht es darum, etwas mit dem zu entwickeln, was die Teilnehmer mitbringen", sagt Rita Knollmann, Leiterin des BRK-Mehrgenerationenhauses, die das staatlich geförderte Projekt in Zusammenarbeit mit der Tölzer Jugendförderung und dem Kulturverein "Komische Gesellschaft" organisiert hat. 12 Laienschauspieler, überwiegend Einheimische, haben sich laut Knollmann fast ein Jahr lang regelmäßig getroffen und ein Stück erarbeitet, das am 5. Februar in der Alten Madlschule Premiere feiert.

Mit der Probe am Mittwoch, die flüssig durchläuft, ist Regisseur Matthias Eberth, zufrieden. Es gehe ihm nicht darum, ein fertiges Stück zu zeigen, sagt der Iffeldorfer Schauspieler und Theatertherapeut. Sein Ziel sei es, "den Entwicklungsprozess der Schauspieler zu begleiten, die sich in einem geschützten Raum ausprobieren können." Das Stück wurde aus improvisierten Szenen von der Gruppe selbst erarbeitet. "Ich habe nur ein bisschen mitgeholfen", erzählt der Regisseur. Das ist vermutlich untertrieben, denn die Laienschauspieler machen ihre Sache prima, und die einzelnen Episoden werden geschickt und mit minimalistischen Mitteln - Tisch, Stühle, eine blaue Bank - zu einem lebendigen und authentischen Handlungsgewebe verknüpft. Manche der kurzen Szenen sind komisch, viele stimmen nachdenklich. Denn einfach ist das Zusammenleben nicht: Nicht für die Flüchtlinge und nicht für die Einheimischen. Auch ihr Alltag ist geprägt von Beziehungsproblemen, Einsamkeit, Rollenerwartungen, Ängsten. Auch sie sind oft sprachlos, obwohl sie sich verständigen könnten.

Im Stück klingt auch das Thema Inklusion an - die Erfahrung vieler Menschen mit Behinderungen, dabei zu sein und trotzdem nicht wirklich dazu zu gehören. Die Musik (E-Piano und Gesang: Luisa Eberth, Kontrabass: Michael Schöne), die eigens für das Stück komponiert wurde, trägt viel zur dichten Atmosphäre bei. Die Texte stammen von Krasimira Todorova-Gorter, die auch einige Lieder singt. Bei der Theaterarbeit seien viele persönliche Fragen aufgetaucht, denen sie sich stellen musste, erzählt die 47-jährige Bulgarin, die seit fast 18 Jahren in Bad Tölz lebt. "Bin ich ich selbst, oder mache ich Dinge nur, um anderen zu gefallen?" Auch für Irmgard Martin sei die Theaterarbeit "wie eine Psychotherapie gewesen". "Ich konnte Einiges rauslassen", sagt die 73-Jährige, die durch einen Aushang im Mehrgenerationenhaus auf das Projekt aufmerksam wurde.

Achmad aus Damaskus, der seit fast eineinhalb Jahren im Jodquellenhof lebt, hat in der Gruppe das Theaterspielen für sich entdeckt. Die erste Probe sei schwierig gewesen, weil er noch nicht gut Deutsch und nur schlecht Englisch gesprochen habe, sagt der 18-Jährige. Und nicht nur deshalb. Achmad vermisst seine Familie, seine Freunde, seine Heimat. Diese Gefühle nach Außen zu tragen, "das war schlimm für mich". Auch die Erfahrungen seiner dreimonatigen Flucht seien bei der Theaterarbeit wieder hochgekommen. "Aber ich wollte daran nicht erinnert werden". Bei jeder Probe sei es besser geworden: Mit seinen Gefühlen klarzukommen, mit der Sprache und mit der Gruppe. "Die Leute hier", sagt Achmad, "das ist jetzt wie eine Familie für mich".

Premiere am 5. Februar, 19 Uhr, Alte Madlschule Bad Tölz, weitere Vorstellungen am 12. und 19. Februar.