Historische Ansichtskarten Wie sich Wolfratshausen entwickelt hat

Das Isartal war Gollwitzers erste Ansichtskarte.

(Foto: Sammlung Gollwitzer)

Ludwig Gollwitzer nennt eine Postkartensammlung sein eigen, die nicht nur schöne Bilder zeigt.

Von Felicitas Amler, Wolfratshausen

Ist die evangelische Kirche schon drauf? Dann ist die Ansichtskarte von nach 1908. Ludwig Gollwitzer hat inzwischen ein gutes Auge für so etwas. Seit dreieinhalb Jahren sammelt der frühere Kulturreferent der Stadt Postkarten mit Wolfratshauser Motiven, von der Loisach bis nach Waldram. 250 Stück sind es inzwischen, sorgsam einzeln in Folien eingetütet, Vorderseite/ Rückseite kopiert, und das Ganze samt Beschriftungen in vier Ordnern abgeheftet. Für den 56-jährigen Wolfratshauser, der sich hier als Laienschauspieler einen Namen gemacht hat, ist das ein schönes neues Steckenpferd; für die Stadt eine beachtenswerte private Sammlung. Der Historische Verein Wolfratshausen ist darauf aufmerksam geworden und hat Gollwitzers Ansichten in sein Jahresprogramm 2016 aufgenommen - für einen Abend "Geschichten aus Alt-Wolfratshausen", an dem auch Hans Reisers Familienchronik vorgestellt wird.

Durch Zufall habe seine Sammlung begonnen, erzählt Gollwitzer, den in Wolfratshausen fast jeder "Wiggerl" nennt. Er habe irgendeinen Gebrauchsgegenstand auf Ebay gesucht und nur mal so ausprobiert, "Wolfratshausen" als Suchbegriff einzugeben. Hunderte Ansichtskarten seien da aufgetaucht, und bei einer habe er sich gedacht: "Oh! Tolles Motiv!" Um die Jahrhundertwende müsse diese Karte datieren, meint er. Sie zeigt das Isartal von der Großhesseloher Brücke über Pullach und Schäftlarn bis Wolfratshausen, das vor den Alpen fast verschwimmt.

Zwei Euro hat die Karte damals gekostet. Heute stoße er öfter auf Angebote für 27 oder gar 38 Euro. So viel zahlten aber nur die professionellen Händler, denen es zuvorzukommen gelte. Er jedenfalls gebe normalerweise ein, zwei Euro für eine Karte aus: "Ich such' mir immer die Schnäppchen." Nur wenn mal eine für ihn persönlich besonders reizvolle dabei ist, sitzt das Geld ein wenig lockerer. So wie bei jener Karte, die ein ihm unbekannter Namensvetter R. Gollwitzer unterzeichnet hat - die war ihm dann doch sechs Euro wert.

Eines der häufigsten Motive ist die Loisach vor der Stadtsilhouette mit der markanten Kirche Sankt Andreas. Eine Zeitlang müssen Mondscheinansichten die große Mode gewesen sein, so um 1900, hat Gollwitzer festgestellt. Düstere Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die von einem womöglich retouchierten oder gar hineinmontierten Vollmond bestrahlt werden. Der Beginn um 1891 der Vergnügungsfloßfahrten lässt sich mit Ansichtskarten bestens dokumentieren.

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Man kann an Ludwig Thoma und Rainer Maria Rilke erinnern, wenn man die Karte "Kathis Ruh" sein eigen nennt: Sie zeigt das gleichnamige Café der berühmten Münchner Gastronomin Kathi Kobus ("Alter Simpl"), in dem auch die genannten Literaten einkehrten. Die Villa an der Beuerberger Straße steht noch.

Gollwitzer studiert auch gern die Karten, auf denen man sieht, wie spärlich bebaut manche Ecke in Wolfratshausen noch vor gut hundert Jahren war. Etwa auf der Karte, die ein "Martl" im Jahr 1916 "von der Musterung" an seine Schwester, das "Fräulein Walburga . . ." schrieb. Da stehen an weitgehend freien Straßen das prächtige alte Krankenhaus, das Landratsamt und das Finanzamt sowie im Vordergrund die "Winterschule", wie die Landwirtschaftsschule damals hieß.

Gollwitzer schwelgt gern in Wolfratshauser Geschichte. Hier ist er geboren, aufgewachsen, und hier hat er in jedem Stadtteil schon einmal gewohnt. Schön sei es eigentlich überall, findet er. "Du kennt ois, du kennst alle, die Gschichten, die Leit." Dank Ansichtskarten sind es inzwischen sogar noch ein paar Geschichten mehr.