"Ozapft is" im Pfarrheim Acht Halbe? Das war früher gar nix!

O'zapft is im vollbesetzten Bierzelt, nein, im Pfarrheim von St. Andreas: Christine Noisser, Wiggerl Gollwitzer (Mitte) und Claus Steigenberger liefern die kabarettistische Rahmenhandlung der Revue "Frisch eigschenkt".

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Bierrevue des Historischen Vereins begeistert die 200 Besucher. Zwölf Brauereien gab es einmal in Wolfratshausen - denn der Durst war früher viel größer.

Von Petra Schneider

Die langen Tischreihen sind voll besetzt, die bunte Lichterkette strahlt, das Bierfassl steht parat. Heini Zapf und seine Musikanten spielen zünftig auf, es wird geratscht und gelacht. Dampfig ist es, und auf den Tischen reihen sich Gläser mit Freibier.

Das Pfarrheim Sankt Andreas hat sich am Freitagabend in ein Bierzelt verwandelt - wenn auch mit einer "soliden Deckenkonstruktion", wie Claus Steigenberger sagt, der bei der "Bierrevue" des Historischen Vereins Regie führt. "Weil wir dann mit der Genehmigung kein Problem haben." Ein Fassl sei im Gegensatz zu einer Skulptur nicht zum Anschauen da, sondern zum Anzapfen. "Und getrunken wird es heute Abend von Ihnen." Das lassen sich die 200 Gäste nicht zweimal sagen: Lange Schlangen bilden sich vor dem Zapfhahn im Foyer, und die Gratis-Schnittchen werden in der Pause restlos verputzt.

Auch ein anderes Bedürfnis wird am Freitag befriedigt: der Wissensdurst. Denn die fast dreistündige Veranstaltung, die laut Bernhard Reisner so gefragt war, "dass wir den Saal hätten zweimal füllen können", ist eine ebenso unterhaltsame wie informative Revue. Anlass ist das Jubiläum zu 500 Jahren Reinheitsgebot im vergangenen Jahr. "Und weil wir uns zu unserem 20. Geburtstag selbst ein Geschenk machen wollten", wie Vorsitzende Sybille Krafft sagt.

Zum Jubiläum wird ein Fass aufgemacht

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In Filmausschnitten und kurzen Vorträgen von Mitgliedern des Historischen Vereins, die in eine kabarettistische Biergarten-Rahmenhandlung eingebettet sind, erfährt man Allerhand: etwa über Carl von Linde und seine 1874 erfunden "Kälteerzeugungsmaschine", die die Brauereien unabhängig vom Natureis machte. Vom Bierbrauen, das Frauen im Mittelalter nur für den Hausgebrauch erlaubt war; und die dann schon mal Mohnsaft, Tollkirsche oder Bilsenkraut in den Biertrank mischten - Reinheitsgebot hin oder her.

Weil das Trinkwasser oft nicht sauber war, wurde sicherheitshalber auf Vergorenes zurückgegriffen. Auch Kinder bekamen Bier, wie ein zinnerner Kinderbierkrug zeigt, den Annekatrin Schulz nebst anderer Skurrilitäten aus dem Heimatmuseum mitgebracht hat. Filmausschnitte aus einem Fernsehbeitrag von Sybille Krafft erzählen von der Bierherstellung oder der Hopfenernte in der Hallertau und geben gemütvolle Eindrücke vom Nockherberg in den 1960er-Jahren. Biergärten und Wirtschaften sind wichtige soziale Treffpunkte und Bier ein viel konsumiertes "Grundnahrungsmittel".

Früher war allerdings mehr Bierdurst, wie man am Freitag erfährt: Im Jahr 1803 wurden in Wolfratshausen 477 791 Liter Bier getrunken - von damals 955 Einwohnern, was einem durchschnittlichen Konsum von fast eineinhalb Litern täglich entsprach. Das kann auch die Liesl (herrlich resolut: Christine Noisser), Bedienung im Pfarrheim-Biergarten, bestätigen. Acht Halbe, "des war früher gar nix." Und heute? Höchstens drei und meistens Leichte. "Kein Wunder, dass alle kleinen Brauereien zugemacht haben."

Bis zu zwölf Brauereien gab es im 19. Jahrhundert in Wolfratshausen: Schererbräu, Löwenbräu, Besenbräu, Ochsenbräu oder Haderbräu, wo im Jahr 1786 sogar Goethe übernachtete. Bis Anfang der 1920er-Jahre hatte der Haderbräukeller einen großen Biergarten: Auf einem künstlich angelegte Plateau oberhalb der Münchner Straße, gegenüber der heutigen Weidachmühle. Unter schattigen Bäumen und mit wunderbarem Bergblick, wie historische Aufnahmen zeigen. Weil das Gebäude stark renovierungsbedürftig war, wurde es von den 1920er-Jahren an nicht mehr als Bierkeller benutzt und 1954 wegen der Verbreiterung der Münchner Straße endgültig geschlossen.

Überlebt hat bis heute der Humplbräu, inzwischen in der fünften Generation. Seniorchefin Zilla Fagner, seit 60 Jahren Wirtin, ihr Sohn Otmar Fagner sowie Juniorchef Benedikt werden am Freitag von Krafft auf der Bühne begrüßt. Bier wird im Humplbräu seit dem Jahr 1909 nicht mehr gebraut, "aus Platzgründen", wie der Humpl-Wirt sagt. Das Fortbestehen des 400 Jahre alten Traditionswirtshauses ist aber gesichert. "Ich kann mir nichts anderes vorstellen, als den Humpl weiterzuführen", sagt Juniorchef Benedikt Fagner am Freitag unter dem Applaus der Gäste.

Auch Oskar Maria Graf kehrte dort ein und hat seinen denkwürdigen Firmausflug literarisch verewigt, aus dem Steigenberger einen Auszug liest. Grafs Besuch im Humplbräu lief einigermaßen aus dem Ruder, und auch beim Hausmeister des Pfarrheim-Bierzelts (Wiggerl Gollwitzer) zeigt das Bier Wirkung. Ebenso bei seinem Spezl (Claus Steigenberger), der die Glückwünsche für den Historischen Verein herrlich angeschickert formuliert.

Geburtstagslob gibt es auch von anderen, freilich ohne erkennbare, alkoholbedingte Einschränkungen: "Wir sind stolz und froh, dass wir Sie haben", sagt der stellvertretende Wolfratshauser Bürgermeister Fritz Schnaller (SPD) und überreicht einen Scheck. "Ein Leben ohne den Historischen Verein könnten wir uns gar nicht mehr vorstellen." Dritter Landrat Klaus Koch (Grüne), der ebenfalls einen Scheck im Namen des Landkreises übergibt, sagt: "Mahnen Sie uns weiterhin, dass wir vorsichtig mit dem umgehen, was unsere Vorgängergenerationen erkämpft haben." Die Bilanz am Ende des Abends: gerührte Vereinsmitglieder, begeisterte Gäste und 200 Liter konsumiertes Freibier.

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