Dokumentationsstätte Greifbare Geschichte

Das Badehaus wird am Wochenende 20./21. Oktober eingeweiht. Es wird dann jeweils von Freitag bis Sonntag geöffnet sein.

(Foto: Felicitas Amler)

Das Badehaus Waldram-Föhrenwald hat zwei Schätze zu bieten: Exponate von der NS-Zeit bis zur Heimatvertriebenen-Siedlung und die Erzählungen der Zeitzeugen.

Von Felicitas Amler

"Matze" heißt der dünne Fladen ungesäuerten Brots, den Juden am Sederabend des Pessachfests essen. Rituelle Handlungen verlangen nach besonderer Sorgfalt und Schönheit, deswegen gibt es spezielle Matzendecken. Ein solch kostbares Exemplar aus Seide mit feinster Stickerei können Besucher des Badehauses in Wolfratshausen-Waldram anschauen, wenn diese Dokumentations- und Begegnungsstätte im Oktober eröffnet hat. Noch ist die seit Januar 2015 tätige Arbeitsgruppe des Vereins Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald damit beschäftigt, die Ausstellung zu vollenden, Texte zu redigieren, Filme zu schneiden.

Fünf Zeitschichten, so nennt es die Vorsitzende Sybille Krafft, ließen sich im Badehaus darstellen: die NS-Zeit, in der das Gebäude als Teil der Arbeitersiedlung für die benachbarten Rüstungsbetriebe im Wolfratshauser Forst errichtet wurde; der Todesmarsch der KZ-Häftlinge aus Dachau Richtung Alpen, der dort vorbeikam; die Nachkriegszeit zunächst mit dem Lager für nichtjüdische Displaced Persons (DP), dann mit dem rein-jüdischen DP-Lager; schließlich die Ansiedlung kinderreicher katholischer Heimatvertriebener und damit die Umbenennung des Orts Föhrenwald in Waldram.

Die Strukturgeschichte wird im Erdgeschoss des Badehauses mit unterschiedlichen Medien, von Fotos und Dokumenten bis zu Aufzeichnungen von Zeitzeugen-Interviews, dargestellt. Ein gestalterischer Entwurf dazu ist bereits auf der Homepage des beauftragten Ausstellungsbüros Müller-Rieger zu sehen (www.buero-mueller-rieger.de/projekt/badehaus/). Dreidimensionale Exponate werden in Vitrinen gezeigt. Persönlicher wird es im Obergeschoss - in dem lang gestreckten Dachboden des mit seinem Spitzgiebel typischen Föhrenwald-Hauses: Dort werden an fünf stilisierten "Bäumen der Erinnerung" Schicksale erzählt. Besucher können sich dort auch hinsetzen und sich in einzelne Biografien vertiefen.

"Unser Schatz sind die Zeitzeugen", sagt Krafft. Deswegen hat der Badehaus-Verein bereits seit mehreren Jahren Interviews geführt. Die mehr als zwanzig Filme sind zwischen einer und zwei Stunden lang; sie werden thematisch geordnet, transkribiert und verschlagwortet. So können Besucher sich etwa über das Thema Mikwe - das rituelle Bad, das im Keller des Hauses war - informieren, über den Schabbat oder die Musik der Heimatvertriebenen.

Zu den Exponaten gehört auch eine Matzendecke.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Den Zeitzeugen verdankt der Verein auch viele der rund achtzig Exponate, die Annekatrin Schulz sorgfältig unter Angabe von Größe, Material und Herkunft im Findbuch registriert. Noch geschieht das von Hand, aber später wird es mit Hilfe eines Inventar-Programms der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen im Computer festgehalten.

Nicht wenige Fundstücke haben heutige Waldramer in ihren Häusern entdeckt, so zum Beispiel Lebensmittelkarten aus der Nachkriegszeit, die als Isolierung in einem Fensterstock gesteckt hatten, oder die hebräischen Gebetbücher, welche die Nachbarn von Eva Greif auf ihrem Dachboden fanden. Die Waldramerin Greif, Deutsch- und Geschichtslehrerin am Gymnasium Geretsried und aktives Badehaus-Mitglied, hatte im Jahr 2007 zusammen mit Sissy Mayrhofer, Sabine Henschelchen und Maria Mannes die Arbeitsgruppe Föhrenwald gegründet. Dieser kleine Kreis Ehrenamtlicher wollte die wechselvolle Geschichte des Orts näher erforschen, bewahren und erkennbar machen. Als das Badehaus wenige Jahre später einem Neubau Platz machen sollte, setzten die Frauen sich mit dem Historischen Verein Wolfratshausen erfolgreich für die Rettung des geschichtsträchtigen Gebäudes ein.

Der Badehaus-Verein will mit seiner Einrichtung nicht nur zurückblicken. Es sind auch Sonderausstellungen geplant, die den Blick nach vorn richten. Zur Eröffnung ist dies eine Schau über jüdische Architektur der Moderne. Und das Thema Flucht, so sagt Krafft, könne der Verein jederzeit vertiefen, auch unter dem Aspekt heutiger Migration.

Das Badehaus wird am Wochenende 20./21. Oktober eingeweiht. Es wird dann jeweils von Freitag bis Sonntag geöffnet sein, am Freitag für Schulklassen, am Wochenende für die Allgemeinheit. Der Verein, der schon bisher all seine Arbeit ehrenamtlich leistet, wird auch die Aufsichten unentgeltlich beschäftigen müssen: "Wenn nicht noch ein Wunder geschieht", wie Krafft sagt.

www.badehauswaldram.de