Ultra-Fans des FC Bayern Im Zweifel rot

Ultra-Fans sind von ihrem Verständnis her engagierter als normale Zuschauer.

(Foto: dpa)

Sie singen lauter und länger und haben einen strengen Werte-Kodex. Doch die Münchner Ultra-Fan-Gruppe Schickeria ist umstritten - weil sie auch mit Gewalt in Verbindung gebracht wird. Nun wird sie für ihr Engagement gegen Antisemitismus und Diskriminierung mit einem Preis ausgezeichnet. Passt das zusammen?

Von Martin Schneider

Ein junger Mann mit schwarzem Pullover, schwarzer Kapuze und schwarzer Kappe läuft auf die Kamera zu. Sein Gesicht sieht man nur kurz und halb im Schein einer dunklen Lagerhalle. Im Hintergrund schieben Menschen ein Gerüst herum. Sieben Monate später wird Wolfgang Niersbach, der Präsident des Deutschen Fußballbunds (DFB), über diese Menschen sagen, sie hätten sich "kreativ und vorbildlich gegen jede Form von Diskriminierung" engagiert. Gerade tun sie das, indem sie malen.

Die Kamera schwenkt, man sieht in dem Youtube-Video einen Mann mit einem Pinsel, Schnitt, es wird hell, man sieht viele Pinsel, schwarz-graue Schattierungen, Gesichter sind zu erkennen, Schnitt, das Stadion des FC Bayern vor dem Bundesligaspiel gegen Frankfurt im Februar. "Der FC Bayern und ich gehören nun einmal zusammen und sind untrennbar voneinander", steht über der Südkurve, dann wird die Folie entrollt. Man sieht alte Wappen des Vereins und das Konterfei des ehemaligen Bayern-Präsidenten Kurt Landauers fein herausgearbeitet. Ein Kunstwerk auf Folie.

Wie kamen Landauer und die Schickeria zusammen?

Unter anderem für diese Choreografie bekommt die Ultra-Gruppierung Schickeria des FC Bayern den Julius-Hirsch-Preis des DFB. Hirsch war deutscher Nationalspieler und starb wegen seiner jüdischen Herkunft 1943 in Auschwitz. Der Preis soll Aktionen auszeichnen, die sich besonders für Freiheit, Toleranz und Menschlichkeit einsetzen. Und diesen Preis hat nun eine Ultra-Gruppierung bekommen, die in der Vergangenheit ziemlich umstritten war. Weil sie eben nicht nur mit Engagement für Toleranz in Verbindung gebracht wurde, sondern auch mit Randalen und Prügeleien unter Fußballfans. Wie kam es dazu?

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Im Prinzip muss man dazu drei Fragen beantworten: Wer ist die Schickeria? Wer ist Kurt Landauer? Und wie kamen die beiden zusammen? Und gleich die erste Frage ist die schwierigste. Von der Schickeria selbst heißt es nur, man sei "nicht daran interessiert, sich zu den aktuellen Ereignissen zu äußern".

Jemand, der die Schickeria gut kennt, ist Thomas Emmes. Genau genommen war er schon in der Fan-Kurve der Bayern aktiv, da gab es die Schickeria noch gar nicht. Seit 19 Jahren arbeitet er beim Fanprojekt München, die Schickeria gibt es erst seit zwölf Jahren. Sie zählt etwa 700 Mitglieder, davon sind 300 aktiv. "Es sind junge, sehr engagierte Szene-Fans", sagt er, im Alter zwischen 16 bis "gut über 30", zum Teil Akademiker, eine Gruppe, die "sozial stabil" sei. Frauenanteil: fünf Prozent. Ultra-Fans sind von ihrem Verständnis her engagierter als normale Zuschauer.