Starnberg/Seeshaupt Schuld durch Schwäche

Bei einer Gedenkfeier erinnerte Rainer Hange am Pilgram-Mahnmal beim Landratsamt an den Todesmarsch 1945 der Häftlinge aus dem KZ Dachau.

(Foto: Georgine Treybal)

Bei den Gedenkfeiern an die KZ-Häftlingszüge in Starnberg und Seeshaupt erinnern die Redner nicht nur an die Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft, sondern verurteilen auch Intoleranz, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit

Von Sylvia Böhm-Haimerl und Kiah Arndsen, Starnberg/Seeshaupt

Vor 71 Jahren am 27. April 1945 wurde ein langer Zug von 7000 Häftlingen aus dem KZ Dachau unter schärfster Bewachung durchs Würmtal und weiter in Richtung Alpen getrieben. Auf ihrem Weg nach Bad Tölz kamen die Leidgeprüften frühmorgens durch Percha und Berg. Obwohl der Krieg fast zu Ende war, verloren viele auf diesem Marsch ihr Leben. Am Samstag trafen sich rund 50 Bürger, Vertreter der Kommunalpolitik und der Kirchen am Pilgrim-Mahnmal vorm Landratsamt. Die Veranstaltung wurde musikalisch umrahmt von Stefan Komarek (Musikschule Starnberg). Mit dem jährlichen Gedenken will die Starnberger Bürgerinitiative nicht nur die Erinnerung wachhalten, sondern auch gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus mahnen.

Neben Rainer Hange, Initiator der Veranstaltung und Sprecher des Vereine "Gegen das Vergessen - für Demokratie" warnten auch alle übrigen Redner vor verstörenden Parallelen zur NS-Zeit. "Wir Demokraten sind aufgerufen, uns dagegen zu stellen, uns zu erinnern, zu gedenken und zu ermahnen. Ich kann nur sagen: Wehret den Anfängen", betonte Hange. Starnbergs Bürgermeisterin Eva John erklärte, solange es Anschläge auf Asylbewerberheime gebe, sei das Gedenken an die Häftlinge wichtig, aber auch an jene, die nicht geschwiegen, sondern Widerstand geleistet haben. Der stellvertretende Landrat Tim Weidner sagte, in einer Zeit, in der man Parolen von Intoleranz und Ausländerfeindlichkeit erlebe, würden gerade diese Veranstaltungen zeigen, was passieren könne, wenn man nicht für seine Werte einsteht. Vor dem Hintergrund, dass derzeit rund 2000 Asylbewerber im Landkreis leben, dürfe man im Bestreben nach Toleranz nicht locker lassen. Neben Vertreten der katholischen und evangelischen Kirchengemeinden erinnerte auch Michaela Graf von der israelischen Kultusgemeinde an die Nicht-Juden, die sich gegen Nazi-Verbrechen gestellt hatten. Eine Schülerin der Mittelschule berichtete von ihrem Besuch in der Gedenkstätte Dachau. Dennoch waren nach Ansicht des Berger Politologen, Schriftstellers und Publizisten Johano Strasser zu wenig Vertreter der jungen Generation anwesend. Man müsse überlegen, wie man die Jugend besser einbinden könne, sagte er als Hauptredner der Veranstaltung und warnte vor Stimmen, die nicht mehr von deutscher Schuld sprechen und einen Schlussstrich ziehen wollen. Auch nach dem gewaltlosen Bürgerprotest beim Fall der Mauer und immenser Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen dürfe dieses "grauenhaft Unverzeihliche in der deutschen Geschichte" nicht ausgespart werden, sagte der ehemalige PEN-Vlub-Präsident, zumal in den vergangenen Jahren eine "skandalöse rechte Zunahme der Gewalt" zu verzeichnen sei. "Weil wir wissen, wozu ganz normale Menschen fähig sind, sollten wir wachsam sein und uns einmischen, wo Freiheit und Humanismus in Frage gestellt wird."

"Es gibt Täterorte und es gibt Opferorte", sagte Christian Ude, Münchens ehemaliger Oberbürgermeister auf der Seeshaupter Gedenkfeier, die an die Befreiung von etwa 2000 KZ-Häftlingen aus einem Güterzug im April 1945 erinnert. Das Mahnmal in Seeshaupt sei jedoch etwas Besonderes, da es weder einen Ort des organisierten Leidens, wie ein Lager, noch einen Ort der organisierten Täterschaft, wie etwa die ehemalige NSDAP-Zentrale in München, markiere. Hier sei die Dimension des Leids viel fassbarer: Dass ein Zug kam und leidende Menschen aussetzte, sei vorstellbar. Die Zeitzeugen werden immer weniger, umso wichtiger würden Erinnerungsorte. Gleichzeitig genüge aber das "Nie mehr wieder" nicht, um das Wiederaufleben unmenschlichen Gedankenguts zu verhindern. Immer mehr Menschen - das sei nicht zuletzt im anonymen Netz sichtbar - forderten einen "Schlussstrich". Er zitierte den früheren Bundeskanzler Willy Brandt, der der Weimarer Republik eine Schuld durch Schwäche vorwarf: Die demokratischen Kräfte hätten dem aufkommenden Nationalsozialismus rechtzeitig Einhalt gebieten müssen. Ude forderte die Besucher auf, für demokratische Positionen einzutreten und nicht nur zu nörgeln oder beiseite zu schauen. Dann müsse es gelingen, auch die junge Generation zu erreichen.