Stadtführung Öffentliche Toilette? Fehlanzeige

Kurioses und Wissenwertes zur Münchner Toilettengeschichte kann man bei einer Stadtführung rund ums stille Örtchen erfahren.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wer in der Stadt unterwegs ist und mal muss, hat oft Pech. Denn es gibt nur 100 öffentliche Toiletten. Barbara Reis bietet eine Stadtführung zur Geschichte der Münchner Toiletten an - auch aus Protest.

Von Melanie Staudinger

Sie sind schön und neu. Sie sind hell, sauber und preisgekrönt. Und sie kosten 60 Cent. Mit diesen Worten beschreibt Stadtführerin Barbara Reis die Toiletten im Marienplatz Zwischengeschoss. Bis auf den Preis seien die Klos also nahezu perfekt, allerdings nur für denjenigen, der auch weiß, wo sie sich befinden. Denn oben an den Zugängen zum S- und U-Bahnhof weisen Schilder - die blöderweise in einem Fall von einem Fahrkartenautomaten verdeckt sind - nur darauf hin, dass es ein WC gibt. Wohin genau der Geplagte aber gehen muss, steht dort nicht. Und kommt er zur falschen Zeit, hat er ebenfalls Pech gehabt. Denn von Mitternacht bis sechs Uhr morgens bleiben die stillen Örtchen zu - auch wenn in diesem Zeitraum durchaus noch Verkehr ist auf den Gleisen.

Reis geht an diesem Samstag mit gut zwei Dutzend Interessierten vom Isartor über Viktualienmarkt und Marienplatz bis fast zum Odeonsplatz. Die Stadtführerin von Stattreisen berichtet über einen Teil der Stadtgeschichte, der in offiziellen Werken eher eine untergeordnete Rolle spielt, der in Erzählungen von Touristen wohl kaum vorkommt - und doch dazugehört zu einer lebendigen Stadt: Es geht um die Geschichte der Toiletten in München. Oder besser gesagt um ihr Verschwinden und Nicht-Vorhandensein. Denn in der Stadt mit mehr als 1,5 Millionen Einwohnern und 14 Millionen Touristen im Jahr gibt es nur 100 öffentliche Toiletten.

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Entwickelt hat Reis die Führung mit ihrer Kollegin Diana Hipp. Beide sind seit mehr als 20 Jahren Stadtführerinnen, und beide haben eines festgestellt: Wer in der Stadt unterwegs ist und mal muss, der hat Pech. Oft bleibt als einzige Alternative der Gang in ein Restaurant, verbunden mit der Bestellung eines teuren Getränks. "Ich habe mich schon oft geärgert, dass ich keine Toilette gefunden habe", sagt Hipp. Aus diesem Gefühl heraus habe sie begonnen zu recherchieren und festgestellt: Anderswo geht es doch auch. Die Führung "Shit happens" ist daher auch als Protest gegen die vernachlässigte Toilettenkultur der bayerischen Landeshauptstadt zu sehen.

Reis beginnt am Samstag am Isartor. Dort, am Thomas-Wimmer-Ring, halten viele Reisebusse. Klo? Fehlanzeige. Wirtshaus? Mag der Wirt nicht. Wildbieseln? Kostet im Schnitt 100 Euro. Erleichterung an einem Baum ist dabei günstiger als an einem denkmalgeschützten Gebäude. Lediglich unten im S-Bahnhof gibt es eine öffentliche Toilette. Die ist gebührenfrei, und sieht auch so aus.

Damit ist Reis mitten in ihrem Thema. Denn während im Mittelalter der Münchner am heutigen Altstadtring seinen Donnerbalken fand und die Fäkalien in der Einschütt am jetzigen Radlsteg entsorgte, so muss er heute lange suchen. Die Klos sind entweder nicht gleich zu erkennen, weil sie so prunkvoll getarnt sind wie der Toilettentempel in der Nähe des Haupteingangs der Wiesn und die Klos im Kiosk am Sendlinger Tor. Oder aber sie sind längst umgenutzt: Der Kiosk "Fräulein Grüneis" im Englischen Garten zählt dazu und das Klohaus an der Großmarkthalle, das Kunstaktionen beherbergt.

Die meisten anderen Toiletten aber sind heute unter der Erde, wenn man von der Münztoilette am Gollierplatz mal absieht. "Mit den Olympischen Spielen ist alles in den Untergrund gewandert", sagt Reis. Die Toiletten verstecken sich heute in S- und U-Bahnhöfen. Oder man geht wie am Viktualienmarkt in den Keller. Der Münchner mag es eben ein wenig sauberer und ordentlicher als etwa die Menschen in Wien, wo öffentliche Toiletten überall sofort erkennbar bereitstehen. Schließlich hat die Stadt einen Ruf zu verlieren, der ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Nachdem die Menschen in Cholera-Epidemien ziemlich gelitten hatten, verpasste Max von Pettenkofer, der als "Scheißhausapostel" verschriene Hygieniker, München eine anständige Kanalisation und flächendeckende Trinkwasserversorgung. Seither gilt München als eine der saubersten Städte in Europa. Vielleicht gibt es auch deshalb so wenige öffentliche Toiletten: Was nicht da ist, kann auch nicht dreckig werden.

Und wer noch mehr Kurioses zur Münchner Toilettengeschichte wissen möchte, hat dazu Gelegenheit am 17.4. (16 Uhr), 1.7. (14 Uhr), 4.8. (17 Uhr), 3.10. (16 Uhr) und 1.11. (14 Uhr). Treffpunkt ist im Innenhof am Isartor.

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