Schwabing Kein Einzelfall in München

Der Vorfall in Schwabing ist dabei kein Einzelfall in München. In den vergangenen Monaten sind in der Stadt wiederholt Veranstaltungen abgesagt oder unterbunden worden, weil Vorwürfe laut wurden, die Grenze zwischen Israelkritik und antisemitischer Hetze werde überschritten. Im November 2015 hatte ein Vortrag über die BDS-Kampagne im Gasteig nicht nur zu tumultartigen Szenen vor Ort geführt, sondern auch Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) zu der Erklärung veranlasst, die Stadt München werde solche Veranstaltungen künftig nicht mehr unterstützen.

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, hatte damals gesagt, der Boykott-Aufruf verschleiere nur die sozial nicht mehr akzeptierte Nazi-Parole "Kauft nicht bei Juden" durch die Formulierung "Kauft nicht vom jüdischen Staat".

Stadt gegen Veranstaltung im Eine-Welt-Haus

Mitte März dann stoppte die Stadt kurzfristig die geplante Verleihung des Anita-Augspurg-Preises an die Münchner Gruppe der "Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit", nachdem bekannt wurde, dass der deutsche Dachverband dieser Liga die BDS-Kampagne unterstützt.

Und erst vor einer Woche wehrte sich die Stadt als Hauseigentümerin gegen einen geplanten Vortrag des selbst erklärten "Antizionisten" Abraham Melzer im Eine-Welt-Haus, organisiert von Salam Shalom. Melzer wollte über den "hierzulande hysterisierten Antisemitismusvorwurf" sprechen. Später sagten dem Verein noch zwei weitere um Räume gebetene Verbände ab, das russische Kulturzentrum Gorod und der katholische Sozialverband KKV.

Man sei keineswegs empfindlicher oder restriktiver geworden, heißt es von den Autoren des Schreibens an die Kirche. Dass sich die Absagen und Verbote häufen, liege vielmehr daran, dass es in der Stadt schlichtweg immer häufiger Werbe-Veranstaltungen für den Boykott gebe. Namentlich will die Gruppe nicht genannt werden; die Beteiligten sehen sich als einen engagierten Kreis jüdischer und nicht-jüdischer Münchner.

Seit der israelischen Militäraktion im Gazastreifen im Sommer 2014 verzeichne die BDS-Kampagne, die hierzulande zuvor lange ein Schattendasein gefristet habe, in Deutschland und in München massiven Zulauf, heißt es. Die Sensibilität für antisemitische Töne sei aber nicht in gleichem Maße mitgewachsen. Die Entwicklung sei beängstigend.

Am Freitag ab 19 Uhr ist statt der Musik nun eine Aussprache in der Erlöserkirche geplant. Raabe wird kommen, auch Leslie und Sommerfeld haben sich angekündigt. Der Pianist will sein Konzert zu einer anderen Zeit anderswo spielen, in der gleichen Konzeption. Sommerfeld will sich gegen die Vorwürfe der Münchner Gruppe wehren. Sie fühlt sich diffamiert: Sie sei selbst Jüdin und Tochter eines Holocaust-Überlebenden, und sie wolle sich nicht mundtot machen lassen, sagt sie. Für den Abend hat sie angekündigt, sie werde sich vor die Kirche stellen, "womöglich mit einem Schild um den Hals. Ich will zeigen, dass ich Jüdin bin und nicht sprechen darf. Es geht mir um Zivilcourage."

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