Werksviertel Das geheimnisvollste Unternehmen Münchens baut neues Technologiezentrum

So soll das "Technologiezentrum II" einmal aussehen. Es wird wohl einem Hochsicherheitstrakt gleichen. Simulation: HHVISION

Rohde & Schwarz entwickelt Sicherheits- und Verschlüsselungstechniken - und wächst stetig. Was das Unternehmen in dem Neubau vorhat, darüber spricht niemand.

Von Katja Riedel

Die Türen sind heute weit geöffnet, ausnahmsweise. Und zwar ausgerechnet zu Ehren jenes Gebäudes, das künftig einem Hochsicherheitstrakt gleichen wird. Richtfest für das "Technologiezentrum II" bei Rohde & Schwarz - bei Münchens geheimnisvollstem Konzern und in dessen Herz, der Entwicklungsabteilung.

Geheimnisse und ihr Schutz, sie sind der Kern des Elektronik- und Rundfunkunternehmens, das Sicherheitsbehörden und Staaten, Firmen und dem Militär dabei hilft, das, was sie tun, bestmöglich vor den Augen der Öffentlichkeit zu verschleiern. Auch und gerade vor jenen Augen, die besonders gut hinsehen können und die selbst über Techniken verfügen, Verschlüsseltes und Verborgenes trotz aller Hemmnisse lesbar zu machen.

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So hat es einen skurrilen Touch, wenn all die Ehrengäste, darunter der städtische Wirtschaftsreferent und Zweite Bürgermeister Josef Schmid (CSU), zwar über den Standort, über die Firma und über deren wirtschaftlichen Nutzen für München lobende Worte finden. Dass aber niemand, auch nicht Geschäftsführer Manfred Fleischmann, darüber spricht, was das Unternehmen in dem Neubau, wenn er 2017 bezogen wird, denn überhaupt vorhat.

Was das Unternehmen genau macht, lässt sich kaum aus den raren Informationen erschließen

"Wir sind da sehr restriktiv", sagt eine Sprecherin des Unternehmens. "Hochwertige Elektronik" stelle man her, sagt Fleischmann. "Wir sind ein Hightechunternehmen, das von Innovationen lebt." Das war's. Was Rohde & Schwarz überhaupt macht, das lässt sich kaum aus den raren Informationen erschließen, die das stetig wachsende Familienunternehmen mit derzeit 9900 Mitarbeitern weltweit preisgibt.

Vieles hat mit Kommunikation zu tun, mit Daten. Mit Rundfunk, Mobilfunk und Messtechnik. So ist Rohde & Schwarz seit den Neunzigerjahren stark gewachsen - wie der gesamte Sektor. Die Tochter SIT etwa entwickelt Verschlüsselungstechniken und hat in Berlin-Adlershof das erste Kanzlerhandy gebaut.

Richtfest im neuen Bau: Rohde & Schwarz ist mit 2500 Mitarbeitern einer der größten Betriebe Münchens.

(Foto: Catherina Hess)

In München spricht Rohde & Schwarz lieber über Stadtgestaltung als über Geschäftsfelder. Es ist ein dankbares Thema, denn zuletzt hat das Unternehmen sein Werksgelände im Münchner Osten komplett umgekrempelt. Das sichtbare Wachstum korreliert mit den positiven Wachstumszahlen, die Rohde & Schwarz Jahr für Jahr im Juni verkündigt.

Profiteur der NSA-Affäre

Etwa 1,83 Milliarden Umsatz hat die Firma im zurückliegenden Geschäftsjahr bis Juni 2015 erwirtschaftet, 4,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Besonders profitiert hat sie seit der NSA-Affäre: Seit das Datenleck, das ein Mann namens Edward Snowden gerissen hat, viele neue Erkenntnisse über gewollte und ungewollte Datenflüsse offenbart hat und auch Unternehmen sich stärker als früher selbst vor Eindringlingen schützen wollen. Löcher, die es zu stopfen gilt, und dabei hilft der Münchner Konzern.

Für München sei Rohde & Schwarz immens wichtig, nicht nur als ein guter Gewerbesteuerzahler, der mit 2500 Mitarbeitern einer der größeren Münchner Betriebe ist, wie Josef Schmid sagt. Zugleich ist Rohde & Schwarz für die Stadt und ganz besonders den Wirtschaftsreferenten auch ein Prestigeobjekt. Kommt aus München, bleibt in München.

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Das Unternehmen sei ja eigentlich auch der Namensgeber des Werksviertels, sagte Schmid - schließlich sei der Betrieb das letzte verbliebene "Werk" in der neuen Stadt in der Stadt, die hinter dem Ostbahnhof entstehen wird. Zum Mix aus Wohnungen, Kultur, Kunst und Einkaufen steuere Rohde & Schwarz die hochwertigen Arbeitsplätze bei, sagte Geschäftsführer Fleischmann.

Seit 83 Jahren gibt es die Firma in München, der Betrieb ist nach wie vor in Familienbesitz. Lukrativ ist er nicht nur für die Eigentümer, sondern auch für den Standort. Geschäftsführer Fleischmann weiß das, und er gibt sich deshalb auch selbstbewusst: "Nicht unerhebliche Steuereinnahmen" beschere man der Stadt, sagte er. München zu verlassen und den Hauptsitz ins Ausland zu verlegen, komme für das Unternehmen dennoch nicht infrage. "Mia san mia - das Motto passt gut zu uns".

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