Restaurant La Casina in Milbertshofen Ein kleiner Italiener

Versteckt in einem Milbertshofener Hinterhof lässt es sich vortrefflich speisen: Im La Casina gibt es vorzügliche Wachtel mit Artischockenherzen oder Jakobsmuscheln mit Radicchio - und die Preise sind auch noch in Ordnung.

Von Ivan Lende

Studio-Atmosphäre im La Casina: Das Lokal liegt etwas verborgen, aber die Suche lohnt sich - man isst vorzüglich beim Padrone Hannes Neumaier.

(Foto: Jakob Berr)

Jakob Frohschammer war ein aufrechter Mann. Der studierte Theologe lehrte im 19. Jahrhundert an Münchens Universität Philosophie. Und weil er das recht anständig machte, benannte man eine Straße nach ihm. Allerdings eine, die selbst eingefleischte Milbertshofener nicht immer auf Anhieb finden. Hier liegt das La Casina - man verzeihe den doppelten Artikel, aber ohne liest es sich blöd.

Wer sich in diesem fast winzigen, gemütlichen Italiener ohne Italienschnickschnack ab und an herumtreibt, spürt bald, dass Laufkundschaft rar ist. Sollte jemand durch die Frohschammerstraße flanieren, werden ihm eher die neben typisch Milbertshofener Nachkriegsplattenbauten versteckten hübschen Häuser auffallen als die kleine Einfahrt zu einem der schönsten Hinterhöfe der Stadt, in dem das Lokal seit 16 Jahren liebevolle Kochkunst auf gleichbleibend hohem Niveau bietet. Stünde der Laden im Stammland, er hätte längst Eingang gefunden in den italienischen Fressführer "Osterie d'Italia".

Apropos liebevoll. In Asien hat die Kunst der Kalligrafie ja nachgerade religiöse Bedeutung. Von Italien ist, bis auf die Arbeit der Mönche im Mittelalter ("Der Name der Rose"), davon nicht viel bekannt. Anders hier: So kunstvoll verfremdet steht der Reservierungsname auf dem Papier am Tisch, dass Lende eigentlich beschloss, es mitzunehmen für die Pinnwand zu Hause. Leider tauschte der Kellner - nein, er ist kein Kellner, es ist Hannes Neumaier, der Padrone mit perfektem bairischem Idiom - den Zettel mit der Speisekarte, darauf ebensolch feine Schriftzüge.

Später, beim Notieren der Rechnung, wird Lende feststellen, dass es eben dieser Chef in Pullover und Turnschuhen ist, der mit dieser außergewöhnlichen Handschrift gesegnet ist.

Jetzt aber zum Grund des Besuchs: zum Essen und Trinken. Weil sich das am ersten Abend ("'Tschuldigung, heute kann's ein bisschen dauern, die Herrschaften drüben müssen ins Konzert, der Koch arbeitet wie ein Wilder") leicht verzögerte, startete man mit einem angenehm leichten, trotzdem feinen Valdichiana: Einem Weißen aus der Toskana, jener Gegend, der sich La Casina kulinarisch besonders verbunden fühlt, oder wahlweise mit dem etwas kräftigeren Chardonnay aus Apulien.

So blieb ein wenig Zeit, sich umzusehen. Die hohe, leicht schräge Decke, die hellen Wände, geschmückt mit bunten Bildern der benachbarten Künstlerin Daniela Grosse, die große Fensterfront, das indirekte Licht und das locker gestellte Dutzend Tische geben dem Raum eine Art familiärer Studioatmosphäre. Dann ging's los.

Die Vorspeisen, eine saftige Wachtel mit Artischockenherzen, ein Carpaccio vom Rind mit Pecorinoflocken und Lendes Liebling, angedünstete Paprikaschoten mit einem Hauch von Knoblauch (was wird da anderswo gesündigt!), stimmten hoffnungsfroh. Zu Recht. Das Stubenküken zerging dann auf der Zunge, die Mischung aus frischen und getrockneten gedünsteten Tomaten passte perfekt. Die Nudeln mit Kaninchenragout waren so fein gewürzt, dass der Fleischgeschmack, sonst oft etwas derb, eher dezent heraus stach; die andere Pasta, mit Ricotta und Fenchelsalami, schmeckte deftig und war vorbildlich al dente gekocht. Das Schweinefilet schließlich brutzelte vielleicht etwas zu lange in der Pfanne, aber zum einen ist das Geschmackssache, zum anderen verträgt dieses Stück Fleisch zum Glück kleine Sünden, ohne zäh zu werden.

Und die Nachspeise des Abends? Die Crème Caramel im La Casina ist ja Legende. Dazu reichte es an diesem Abend nicht ganz. Das machte aber das Cappuccino-Eis locker wieder wett.

Die Karte wechselt täglich. Damit bleibt die Qual der Wahl. Beim zweiten Mal vielleicht die kleinen, frittierten Sardinen als Vorspeise? Ein Volltreffer. Ebenso deren filetierte Schwestern in einer Senf-Honig- Sauce, wie sie derzeit gerne von den bayerischen Fischermeistern zum Renkenfilet angeboten wird. Zum zarten Lammkotelett mit Thymian schmeckte der kräftige Primitivo, auch wenn er, anders als auf der Karte verzeichnet, nicht aus dem Jahr 2007 stammte, sondern ein Jahr jünger ist. Er passte auch zum Kalb mit kräftiger Marsalasauce, und, weil man heutzutage nicht mehr so streng ist, auch zu den auf den Punkt gebratenen Jakobsmuscheln mit Radicchio.

Die Kakifrucht-Creme stach dann die bayerische mit Nüssen eindeutig aus, was ungerecht war, weil die auch sehr fein gelang. Die Preise sind alla Milbertshofen, also sehr anständig. Alles in allem rechne man mit ungefähr 40 Euro fürs große Abendessen. Ein feiner Brunello für 65 Euro triebe die Rechnung natürlich nach oben. Aber das muss ja nicht sein.

Was übrigens Jakob Frohschammer angeht: Der wurde seinerzeit exkommuniziert, weil er sich zu sehr für die Freiheit der Wissenschaft und gegen das päpstliche Unfehlbarkeitsdogma eingesetzt hatte. Das könnte ihm auch heute noch passieren.

La Casina, Frohschammerstraße 14, Telefon: 089/ 3598320, Öffnungszeiten Montag bis Freitag von 12 Uhr bis 24 Uhr, Samstag und Sonntag Ruheta