Organspendeskandal an Münchner Klinikum Alkoholiker auf der Warteliste

Der Organspendeskandal am Klinikum rechts der Isar weitet sich aus. In knapp 30 Fällen hat es Unregelmäßigkeiten bei Leberverpflanzungen gegeben. So wurde Patienten offenbar Urin ins Blut gemischt, um sie kränker erscheinen zu lassen. Das Klinikum soll die Öffentlichkeit auf Veranlassung des Ärztlichen Direktors getäuscht haben.

Von Christina Berndt

Die Zahl der Manipulationen im Transplantationsprogramm des Klinikums rechts der Isar ist höher, als bislang bekannt. Drei Fälle, in denen offenbar Blutproben manipuliert wurden, elf Listungen von Alkoholikern, die nicht auf die Warteliste gedurft hätten, sowie etwa 15 weitere Verstöße gegen die Richtlinien, nach denen gespendete Lebern vergeben werden müssen: Das ist das Ausmaß an Unregelmäßigkeiten, die nach Informationen der Süddeutschen Zeitung am Klinikum rechts der Isar im Zusammenhang mit Lebertransplantationen in den Jahren 2007 bis 2012 stattgefunden haben.

Aus einem vor dem Verwaltungsgericht München anhängigen Verfahren ergibt sich zudem der Verdacht, dass das Klinikum auf Veranlassung des Ärztlichen Direktors Reiner Gradinger auch noch nach Bekanntwerden der Vorwürfe die Öffentlichkeit täuschte. Das Klinikum äußerte sich dazu auf Anfrage nicht. Die Untersuchungen seien "in vollem Gange", hieß es. Erst nach deren Abschluss werde man "die Ergebnisse bewerten, die Konsequenzen daraus ziehen und diese veröffentlichen".

Vorwürfe gegen das Klinikum rechts der Isar stehen jetzt schon seit Monaten im Raum. Ende September hatte die für Transplantationen zuständige Prüfungs- und Überwachungskommission bei der Bundesärztekammer erstmals auf Unregelmäßigkeiten bei neun Lebertransplantationen an dem Klinikum der TU München hingewiesen, die es zu klären gelte. Seither rätselt die Öffentlichkeit, was am Rechts der Isar eigentlich vorgefallen ist.

Noch immer liegt kein abschließender externer Bericht dazu vor. So hat die Kommission unter Leitung des Wiener Chirurgen Ferdinand Mühlbacher dem bayerischen Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) noch kein Ergebnis vorgelegt; auch die Bundesärztekammer hat ihre Arbeit noch nicht abgeschlossen. Dennoch steht die Zahl der Manipulationen und Verdachtsfälle inzwischen fest, wie die SZ aus Fachkreisen erfuhr. Uneinig sind sich die verschiedenen Kommissionen jedoch darüber, wie sie die Verstöße gegen Recht und Richtlinien bewerten sollen. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt derweil, hat aber noch keine Anklage erhoben.

Herausragend sind drei Fälle, bei denen Blutproben mit erheblichem Fälschungsvorsatz manipuliert wurden. Offenbar wurde Urin in Blut gemischt, um die Patienten kränker erscheinen zu lassen, als sie waren und so ihre Chancen auf eine Transplantation zu erhöhen. Dadurch wurden andere Patienten auf der Warteliste benachteiligt. Sie erhielten später ein Spenderorgan oder starben, bevor ihnen eins zugeteilt wurde.

Derweil werden die Ärzte am Rechts der Isar unruhig. Seit Monaten werden dort schon keine Patienten mehr auf die Warteliste aufgenommen. In einem Brief an den Klinikumvorstand und Minister Heubisch, der der SZ vorliegt, fordern sie "nach dem unerträglichen Zögern und Zaudern der letzten Monate endlich glaubhafte personelle und strukturelle Änderungen zu beschließen".

Manche Auseinandersetzung wird schon vor Gericht geführt. Den Gerichtsakten ist der Vorwurf zu entnehmen, dass der Ärztliche Direktor Reiner Gradinger die Öffentlichkeit über die Abläufe getäuscht habe. Das führen die Anwälte Anke Jung und Gerd Tersteegen in mehreren Schriftsätzen aus. Gradinger hatte Ende September alle Unregelmäßigkeiten zunächst als Versehen entschuldigt. Wenige Tage später räumte er dann ein, dass offenbar doch in einem Fall bewusst manipuliert worden sei.