Obdachlosigkeit Immer mehr Menschen sind in München obdachlos

Ein bekannter Zufluchtsort für Wohnungslose: unter der Wittelsbacher Brücke an der Isar.

(Foto: Robert Haas)
  • Die Zahl der Wohnungslosen in der Stadt hat sich seit 2008 verdreifacht. Wer obdachlos wird, bleibt das zudem immer länger.
  • Mehr als 20 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich wird die Stadt investieren müssen, um mehr Plätze in Notquartieren zu schaffen und das Hilfsangebot auszubauen.
  • An manchen Anlaufstellen kommt es wegen des hohen Andrangs zu Konflikten.
Von Sven Loerzer

Die Zahl der Wohnungslosen in München hat sich seit 2008 verdreifacht. Lebten Ende 2008 knapp 2500 Wohnungslose in Notunterkünften, Pensionen und Wohnheimen, so waren es Anfang dieses Jahres bereits mehr als 7500. Bis Ende des Jahres dürfte die Zahl auf mehr als 9000 steigen. Angesichts dieser Entwicklung will das Sozialreferat das Angebot an Hilfen, aber auch an Plätzen für Wohnungslose erheblich ausbauen. Mehr als 20 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich wird die Stadt dafür investieren müssen.

Der jährliche Zuzug in der Größenordnung einer Kleinstadt mit 20 000 bis 25 000 Einwohnern macht dem Sozialreferat wegen der problematischen Lage auf dem Wohnungsmarkt schwer zu schaffen. Seit Beginn des Jahres 2010 bis Ende 2016 wuchs die Münchner Bevölkerung um 160 000 auf 1,54 Millionen Einwohner, die Zahl der Wohnungen aber nur um knapp 37 000 auf 770 000. "Viele Menschen werden Kunden in unserem System", sagt Sozialreferentin Dorothee Schiwy.

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8500 Haushalte warten mit höchster Dringlichkeit darauf, dass eine der 72 000 Sozialwohnungen frei wird. Aber weil die Mieterfluktuation stark gesunken ist, kommen mehr als 5000 nicht zum Zug. Wer wohnungslos wird, bleibt das immer länger: Nicht einmal die Hälfte der betroffenen Haushalte kann innerhalb eines Jahres aus der Notunterbringung wieder zurück in eine Wohnung ziehen. Seit 2008 hat sich überdies die Zahl der Kinder, die in der Notunterbringung aufwachsen, auf mehr als 1600 erhöht und damit vervierfacht.

Die Zunahme an wohnungslosen und hilfesuchenden Menschen macht sich in Anlaufstellen wie der Teestube "komm" des Evangelischen Hilfswerks bemerkbar, die im vergangenen Jahr bereits 15 700 Besucher verzeichnete, 3000 mehr als noch im Jahr zuvor. Die Räume mit 70 Sitzplätzen sind dem Andrang nicht mehr gewachsen, der Tagestreff ist oft völlig überfüllt. Längst reichen die zwei Duschen und die beiden Waschmaschinen und Trockner nicht mehr aus. Auch die Kochmöglichkeit genüge nicht mehr dem Bedarf.

"Die langen Wartezeiten, Abweisungen und die räumliche Enge schüren zusätzliche Konflikte", erklärt Sozialreferentin Dorothee Schiwy. "Die Stimmung im Tagestreff heizt sich an manchen Tagen auf, und es kommt zu Sicherheitsproblemen." Deshalb mehrten sich Hausverbote und Polizeieinsätze. Schiwy hält daher den Einsatz von Sicherheitspersonal erforderlich, wie schon bei anderen Anlaufstellen üblich, etwa der Bahnhofmission. Über die Finanzierung soll bei den Haushaltsberatungen im Herbst entschieden werden.

Zur Entlastung der Teestube soll 2018, wie von der SPD in einem Antrag gefordert, ein weiterer Tagestreff für alleinstehende Obdachlose entstehen, was rund 700 000 Euro pro Jahr kostet. Zusätzliche Plätze sind auch für die Unterbringung vorgesehen. Von Mitte nächsten Jahres an erhält das Frauenobdach Karla 51 mehr Plätze für wohnungslose Frauen: Zum Haupthaus mit 40 Plätzen hat das Evangelische Hilfswerk Räume in nächster Nähe, in der Karlstraße 40, angemietet, wo 15 Plätze für Frauen mit Kindern entstehen. Die Umbaukosten betragen rund 750 000 Euro.

Die drei Frauenhäuser reichen längst nicht mehr aus

Auch bei den betreuten Wohngemeinschaften, in der alleinstehende Wohnungslose leben, die besondere soziale Schwierigkeiten haben, wird die Zahl der Plätze steigen. Zu den bislang drei ambulant betreuten Wohnheimen, in denen Männer mit Alkoholproblemen oder psychischen Erkrankungen leben, soll ein viertes kommen, um die bisherige Platzzahl von 181 um ein Drittel zu erhöhen. Verdoppeln soll sich das Platzangebot des Hauses für Mutter und Kind in der Bleyerstraße, wo 64 wohnungslose Mütter mit bis zu zwei Kindern leben. Für einen Platz dort sind derzeit 120 Frauen aus Notquartieren, Frauenhäusern oder Karla 51 vorgemerkt. Etwa 1,6 Millionen Euro jährlich dürfte die Erweiterung die Stadt kosten.

Um Frauen und Kindern, die unter Gewalt zuhause leiden, schnell Schutz bieten zu können, reichen die drei Frauenhäuser mit 78 Plätzen längst nicht mehr aus: Im Jahr 2015 konnten nur 199 Frauen aufgenommen werden, während es 2009 noch 274 Frauen waren. Gerade wegen der Gefährdung der Frauen könnten sie aber nicht in anderen Einrichtungen untergebracht werden. Für zusätzlich rund 24 Plätze dürften jährliche Kosten in Höhe von einer Million Euro entstehen.

Nahezu verdoppeln will Schiwy auch ein Wohnangebot für Männer, wie es der Katholische Männerfürsorgeverein mit seinen beiden Häusern an der Chiemgau- und an der Kyreinstraße unterhält: Dort leben 82 Männer, die sich wegen sozialer und persönlicher Probleme, Sucht, körperlicher und seelischer Krankheit nur schwer im Leben zurechtfinden.

Um die wegen Wohnungsmangel gestiegenen Verweildauern in Notquartieren wieder zu reduzieren, will Schiwy zudem "Flexi-Heime" schaffen: "Damit kann in der langen Wartezeit auf eine Wohnung eine Situation hergestellt werden, die sich schon weitgehend wie Wohnen anfühlt." Geplant sind flexibel anpassbare Zimmer für Doppel- und Einzelbelegung, ausgestattet mit Kochnische, Nasszelle und Gemeinschaftsräumen. Rund 500 Bettplätze jährlich will das Sozialreferat auf diese Weise schaffen, wofür jährlich 15 Millionen Euro an Zuschüssen anzusetzen seien.

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