NS-Dokuzentrum in München Würfel des Schreckens

Der vom Architektenteam Georg Scheel Wetzel entworfene Bau am Königsplatz wird bald das NS-Dokumentationszentrum in München beherbergen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

In München wurde die NS-Bewegung groß. Auf dem Grundstück des Braunen Hauses soll 2015 ein neues Museum eröffnen. Doch die Architektur ist so brutal wie die Umgebung. Wird so ein Bauwerk nicht zwangsläufig zum Triumphort für die Täter?

Von Gottfried Knapp

Der sechs Stockwerke hohe, aufdringlich weiße Würfel, der innerhalb der vergangenen Monate an der Brienner Straße in München emporgeschossen ist, gibt jedem Passanten, der nicht weiß, wozu das Gebilde einmal dienen soll, kräftige Rätsel auf. Für den aber, der gehört hat, warum dieser Klotz gerade an dieser Stelle errichtet worden ist, fängt beim Betrachten des entstandenen architektonischen Gebildes das Grübeln erst an.

Die abweisend verschlossene, kantige Kiste ist höher als alle historischen Monumente am ehemaligen "Fürstenweg" zwischen Residenz und Nymphenburg; sie überragt auch die Traufe der überdimensionierten Nazi-Bauten in unmittelbarer Nachbarschaft, etwa des damaligen "Führerbaus", der heute die Musikhochschule beherbergt.

Holde Kunst, braune Folie

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In diesem dominanten Würfel soll das von politischen Kreisen in Stadt und Land lange verhinderte und im Jahr 2001 dann endlich doch beschlossene NS-Dokumentationszentrum eingerichtet werden, also der "Lern- und Erinnerungsort zur Geschichte des Nationalsozialismus", der sich, so ist zu hoffen, auch mit der nie offen eingestandenen Mitschuld der Münchner Gesellschaft am Aufkeimen und Erstarken des Nationalsozialismus beschäftigen soll.

Das Institut wird seine Arbeit exakt auf dem Gelände des ehemaligen "Braunen Hauses" aufnehmen, also an jenem Ort in der "Hauptstadt der Bewegung", von dem aus die NSDAP mit ihren angegliederten Organisationen innerhalb weniger Jahre nicht nur die auf den Königsplatz ausgerichteten, heute noch erhaltenen Bauten an der Arcis- und jetzigen Katharina-von Bora-Straße, sondern auch große Teile der umgebenden Maxvorstadt annektiert und ihrem Partei-Imperium eingegliedert hat.

So wurde beispielsweise das künstlerisch höchst wertvoll ausgestattete Palais des Mathematikprofessors, Kunstsammlers und Musikmäzens Alfred Pringsheim, in dem Thomas Mann seine Frau Katia kennengelernt hat, 1933 an die NSDAP zwangsverkauft, danach abgerissen und durch den bis heute erhaltenen monströsen Partei-Verwaltungsbau ersetzt.

Grundstück ist politisch extrem belastet

Das Braune Haus, an dessen Stelle sich jetzt das NS-Dokumentationszentrum erhebt, war nicht nur eine der wichtigsten Brutstätten der nationalsozialistischen Ideologie, es war innerhalb der braunen Bewegung so etwas wie das Herz der Finsternis. Das Grundstück, auf dem das Gebäude steht, ist also extrem belastet.

Aus diesem Grund stellen sich viele Menschen, die ein dezidiertes Bekenntnis der Stadt München zum lang verdrängten unschönen Teil ihrer Vergangenheit für überfällig halten, die Frage, ob ein so mächtiger, die Umgebung dominierender Neubau die richtige Antwort auf die Verbrechen ist, die von diesem Ort aus organisiert worden sind.

Streit um den Gang durch die Geschichte

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Das Verwaltungszentrum der nationalsozialistischen Partei in München war ein Täter-Ort: Fast alle Weichen in Richtung Diktatur sind hier gestellt worden. Es war also nicht ein Ort der Opfer, wie etwa die Konzentrationslager, in denen schon bald nach der Befreiung Gedenkstätten eingerichtet worden sind. Hier kann also nur eine Lehr- und Erinnerungsstätte geschaffen werden, die in einleuchtender Überschärfe die Manipulationen aufzeigt, mit denen die demokratischen Strukturen in Deutschland Stück für Stück zerschlagen worden sind.

Darum noch einmal die Frage: Wird ein Bauwerk, das sich so hoch und so mächtig in den Münchner Himmel erhebt, nicht zwangsläufig zum Triumphort für die Täter, die an dieser Stelle gewirkt haben und nun im neuen Gebäude mit ihren Taten vorgestellt werden? Darf ein Haus, das der Aufklärung dienen soll, ein Gebäude, in dem begangene Verbrechen dem Vergessen entrissen und kritisch analysiert werden sollen, so brutalistisch auftreten, wie es der Neubau an der Brienner Straße auf den ersten Blick zu tun scheint?