Oktoberfest Wieviel verdient man mit einem Wiesnhit?

Was die Ludwig-Thoma Musikanten im Bräurosl hier gerade spielen, wissen wir nicht. Vielleicht "Highway To Hell"? Dann flösse Geld nach Australien.

(Foto: Robert Haas)
  • Bei jedem Wiesnhit im Festzelt klingelt die Kasse beim Komponisten - das garantiert ein ausgeklügeltes System aus Lizenzgebühren und Titellisten.
  • Bei der Verteilung des Geldes berücksichtigt die Gema, wie oft ein Titel gespielt wird. Für das kurze ein "Prosit" fließt nur ein Drittel der Summe. Ansonsten ist die Liedlänge egal.
Von Franziska Stadlmayer

Manche verdienen ihr Geld auf der Wiesn, etwa Taxifahrer, Schausteller oder Flaschensammler. Andere waren schon vorab tätig und lassen auf der Wiesn für sich arbeiten: die Songkomponisten zum Beispiel, mit deren Hits die Kapellen in den Zelten Stimmung machen. Bei jedem Wiesnknaller klingelt auch die Kasse des Urhebers - etwa beim Kabarettisten Chris Böttcher. Vor acht Jahren grölten die Wiesnbesucher seinen Song "Zehn Meter geh" erstmals mit, das bescherte ihm einen unverhofften Geldsegen. "Das war eine absolute Überraschung für mich", sagt er. Der Song, der sich über die Castingshow "Germany's next Topmodel" lustig macht, war Teil seiner Comedyshow und wurde auf einmal zum Wiesn-Hit.

Vier Strophen, eine eingängige Melodie und dann nie wieder arbeiten müssen? "Ganz so lukrativ ist das nicht", sagt Böttcher, "aber im ersten Jahr war das schon in der Kategorie eines Mittelklasse-Neuwagens." Allerdings, so schränkt er ein, könne er nicht genau sagen, wie viel davon direkt auf die Wiesn zurückgeht und was aufs restliche Jahr entfällt. "Inzwischen ist es auch weniger geworden", sagt er, "es kommen ja jedes Jahr Lieder nach." Für einen schönen Urlaub mit der ganzen Familie reiche die Ausschüttung aber immer noch.

Darum kümmert sich die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte, kurz: Gema. Die Wiesn wird dabei behandelt wie jede andere Musikveranstaltung. "Wir bekommen Geld von den Wiesn-Wirten und verteilen es an die Urheber der gespielten Lieder", sagt Gabriele Schilcher von der Gema.

Wie viel die Wirte als Veranstalter zahlen müssen, regelt ein Tarifwerk, dessen Grundlage die Größe der Veranstaltungsfläche und die Höhe des Eintrittsgeldes ist (welches bei der Wiesn ja ohnehin entfällt). Bis zu 100 Quadratmeter Fläche und bei höchstens zwei Euro Eintritt zahlt ein Veranstalter 23,30 Euro pro Tag an die Gema. Die Wirte der großen Zelte verfügen inklusive Außenbereich über gut 10 000 Quadratmeter Fläche. Demnach müssten die Wirte 2330 Euro pro Tag und Zelt zahlen. Allerdings bekommen sie als Mitglieder im Hotel- und Gaststättenverband einen Nachlass von 20 Prozent und dazu ab dem zehnten Tag noch einmal zehn Prozent.

Bei der Verteilung des Geldes berücksichtigt die Gema, wie oft ein Titel gespielt wird. Die Länge eines Titels spielt dagegen keine Rolle. Eine Ausnahme: Liedfragmente wie ein Tusch oder auch das stündlich mehrmals gespielte Prosit. Die bringen als Fragmente immerhin ein Drittel eines vollen Liedes ein. Der Schlüssel, nach dem das Geld an die Urheber verteilt wird, stützt sich auf die Titellisten, die die Kapellleiter nach der Wiesn an die Gema schicken. Die achtet darauf, dass das Musikprogramm genau protokolliert wird, denn: "Diese Listen sind bares Geld."

Eine dieser Listen wird von Andreas Stauber erstellt. Der ausgebildete Opernsänger singt seit 14 Jahren bei der "Platz-Oktoberfestkapelle" im Armbrustschützenzelt und ist seit sechs Jahren einer ihrer beiden Leiter. Die Titelliste, die er nach der Wiesn an die Gema schickt, ist für 18 Tage gleich: "Wir variieren zwar jeden Tag die Reihenfolge, die Lieder sind aber immer dieselben."

Von zwölf Uhr mittags bis sechs Uhr abends gibt es im Armbrustschützenzelt Blasmusik, danach kommen die Wiesnhits. "Klassiker wie Fürstenfeld gehören immer dazu", sagt Stauber. Davon abgesehen sind die Kapellen recht frei, was sie spielen - und haben die Macht darüber, wer sich über eine Überweisung der Gema freuen darf. Das führe dazu, dass manche Bands ihren Erfolg erzwingen wollen: "Dieses Jahr gibt es eine Band, die ihren Song sehr aggressiv bewirbt. Die haben uns sogar T-Shirts zum Verteilen geschickt", sagt Stauber.

Wenn die Kapelle sich vor der Wiesn zusammensetzt, um das Programm festzulegen, geht der Blick auch immer zum Ballermann und zu den erfolgreichen Liedern im Sommer: "Ein Wiesn-Hit entsteht lange vor der Wiesn." Neben den Klassikern, die in keinem Jahr fehlen dürfen, gibt es Evergreens, die Stauber immer wieder gerne ins Programm nimmt: "Dieses Jahr ist zum Beispiel Whitesnake mit ,Here I Go Again' wieder dabei."

Während die Band Whitesnake der einzige bekannte Interpret ihres Songs ist, werden andere Lieder nur in einer bestimmten Version zum Hit. So wie beim Wiesn- und Ballermannklassiker "Das rote Pferd". Markus Becker hat den Song nicht geschrieben, aber mit seiner Version im Bierzelt bekannt gemacht. Auch dafür fließt Geld, das die Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten (GVL) bei der Gema einsammelt. "Das ist eine schöne Anerkennung, aber viel wichtiger ist, dass man durch die Wiesn als Künstler bekannt wird", sagt Becker.

Mit dem "Roten Pferd" tritt er auf Oktoberfesten in Deutschland und im Ausland auf: "In der Zeit verdiene ich so viel wie im gesamten restlichen Jahr." Auch Chris Böttcher profitierte von seinem Wiesn-Hit: "Dieses Lied hat mir eine Perspektive gegeben." Auf einmal spielten Radiostationen in ganz Deutschland seinen Song und veröffentlichten ihn auf Wiesn-Samplern. Bis heute ist "Zehn Meter geh" sein Markenzeichen. Noch einen Wiesn-Hit zu schreiben, um an den Erfolg anzuknüpfen, versuche er aber nicht: "Das mit den Wiesn-Hits ist wie mit der Liebe, da weißt du auch nie wo sie hinfällt."