Münchner Stadtverwaltung Von Microsoft zu Linux und zurück

Unabhängig von Microsoft wollte die Stadt München werden und führte in der Verwaltung die Linux-Betriebssysteme ein. Doch jetzt prüft sie eine Rückkehr, sagt der Zweite Bürgermeister Josef Schmid. Der Grund, heißt es: die vielen Beschwerden.

Von Andreas Glas

Billiger sollte es sein, zuverlässiger und politisch korrekt. Als der Stadtrat 2004 beschloss, den Software-Giganten Microsoft abblitzen zu lassen und als erste Großstadt der Welt die Computer ihrer Verwaltung auf das Betriebssystem Linux umzustellen, war das eine Revolution. "Was in der großen Weltpolitik der Fall der Berliner Mauer war, das wird dieses Votum in unserer Branche sein", prophezeite der frühere Suse-Linux-Chef Richard Seibt.

Doch jetzt, zehn Jahre später, steht die Revolution vor dem Aus. Die Stadt prüft den Ausstieg aus Linux und die Rückkehr zu Microsoft. Entsprechende Pläne bestätigte Zweiter Bürgermeister Josef Schmid (CSU) der SZ. Grund sei, dass es in den vergangenen Jahren immer wieder Beschwerden von Nutzern gegeben habe, die mit der Bedienung unzufrieden seien. Damit widerspricht er ganz offen der Dritten Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD). Sie hatte vor acht Monaten die Umstellung auf Linux als "erfolgreich abgeschlossen" erklärt und gesagt, das System sei für die "Mitarbeiter der Stadtverwaltung längst zur täglichen Routine geworden".

Insgesamt wurden in den vergangenen zehn Jahren 15 000 städtische Rechner auf Linux umgestellt, das sind etwa 80 Prozent aller Arbeitsplätze in den Münchner Behörden - vom Kultur- bis zum Kreisverwaltungsreferat. Das Betriebssystem Linux ist das bekannteste Beispiel für sogenannte Open-Source-Software, die im Gegensatz zum Microsoft-Angebot frei und kostenlos verfügbar ist. Auf diese Weise kann jeder auf die Software zugreifen und sie verbessern. Microsoft dagegen verbietet den Zugriff auf seine Quellcodes, um die Rechte an seinem Eigentum zu wahren.

Schmid stößt in dasselbe Horn wie OB Reiter

Theoretisch bietet Linux also mehr Möglichkeiten, Computer nach eigenen Bedürfnissen einzurichten als Microsoft, doch in der Praxis scheint dies - zumindest in München - nicht zu funktionieren. "Egal in welches Referat ich komme, überall kriege ich bestätigt, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darunter leiden. Das müssen wir ändern", sagt Josef Schmid. Deshalb werde die Stadt eine unabhängige Expertengruppe beauftragen. "Wenn die Experten eine Rückkehr zu Microsoft empfehlen, dann ist das für mich nicht ausgeschlossen", sagte Schmid.

Damit stößt Schmid in dasselbe Horn wie Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). Der hatte kürzlich dem Behördenmagazin Stadtbild gesagt, dass freie Software für Linux "gelegentlich den Microsoft-Anwendungen hinterherhinke", wovon er "selbst ein Lied singen" könne. Reiter musste nach seinem Amtsantritt wochenlang auf sein Dienst-Handy warten. Die Verwaltung musste erst einen externen Mailserver einrichten, damit der E-Mail-Verkehr auf seinem Smartphone überhaupt funktioniert. Ähnlich sei es Josef Schmid gegangen, der ein einheitliches Programm für E-Mails, Kontakte und Termine vermisst.

Dass sich die Stadt vor zehn Jahren für Linux und gegen Microsoft entschied, hatte auch damit zu tun, dass sie keine teuren Lizenzgebühren mehr in die USA überweisen wollte. So rühmte sich der damalige Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) damit, dass es gelungen sei, "sich aus der Abhängigkeit von Microsoft zu befreien". Nun kritisiert Josef Schmid, dass die Entscheidung gegen Microsoft vor allem politisch motiviert gewesen sei: "Als CSU-Fraktion hatten wir damals schon den Eindruck, dass es sehr stark darum ging, einem Monopolisten Grenzen aufzuzeigen. Uns war damals schon klar, dass sich das nicht durchsetzen wird, weil wir als Kommune nicht die ganze Welt verändern können."

Microsoft hielt sich für einen "guten Verlierer"

Ähnlich hatte sich Anfang des Jahres die damalige Spitzenkandidatin der Grünen, Sabine Nallinger, geäußert. Sie kritisierte, dass der Datenaustausch nicht richtig funktioniere, weil viele Bürger und fast alle Behörden außerhalb Münchens auf Microsoft-Anwendungen setzen. Diese hätten aber Probleme, Dateien zu lesen, die mit Open-Source-Software erzeugt wurden. "Wenn die ganze Welt mit einem Standardprogramm arbeitet, dann ist es wichtig, dass wir auf dem gleichen System sind", sagt Schmid. Auch das Argument, Linux sei billiger als Microsoft, überzeugt Schmid nicht: "Wir haben den Eindruck, dass Linux sehr kostenintensiv ist, weil sehr viel selbst programmiert werden muss."

Software-Riese Microsoft dürfte diese Aussagen mit Freude zur Kenntnis nehmen - schon allein deshalb, weil der US-Konzern seine Deutschland-Zentrale 2016 von Unterschleißheim nach München in die Parkstadt Schwabing verlagern wird. Ein Unternehmenssprecher von Microsoft sagte zwar der SZ, man sei "ein guter Verlierer" und habe "irgendwann akzeptiert", dass ausgerechnet München das eigene Betriebssystem ablehne. "Aber für Gespräche sind wir bereit."