München Kathedralen aus Pappe

Der Kölner Künstler Martin Spengler zeigt in seinem Interims-Atelier der Künstlergenossenschaft Kunstwohnwerke an der Streitfeldstraße seine ungewöhnlichen Objekt-Skulpturen

Von Renate Winkler-Schlang

Es ist eine richtig harte Arbeit, die Martin Spengler da verrichtet: Er schnitzt seine Objekt-Skulpturen aus einem festen Block von Wellpappestücken, die er mit Neoprenkleber zusammenleimt und mit einem Wagenheber verpresst. Erstaunlich stabil und fest ist dieses besondere Ausgangsmaterial, das zum Markenzeichen des 42-jährigen Kölners geworden ist. Mit selbst entwickelten Werkzeugen arbeitet er Fassaden, Stadtansichten, Kathedralentürme, Fischschwärme oder Menschenmengen heraus, bemalt sie mit Gesso, einer weißen Grundierung. Dass er die Schnittkanten mit Grafitstift betont, generiert die grafische Wirkung seiner Arbeiten. "Das ist mein Kajal", sagt er humorvoll. Es entstehen monumentale und gleichzeitig leicht wirkende Werke, die dem Betrachter beim ersten Blick nicht selten ein anerkennendes "Wow" entlocken.

Er erlebe aber auch andere Reaktionen, sagt Spengler schmunzelnd in seinem lichten Interims-Atelier als Gast der Berg am Laimer Künstlergenossenschaft Kunstwohnwerke an der Streitfeldstraße. "Das muss viel Arbeit sein", sei die eine Reaktion. "Der muss verrückt sein", oft die nächste. Wie man das denn abstaube, werde er allerdings eher selten gefragt. Eher schon, wie lange es hält. Er hat darauf eine Antwort: Der Expertise eines Papierrestaurators zufolge gut und gerne 250 Jahre, denn die weiße kalkhaltige Farbe schütze vor UV-Licht.

Für einen Kunstkunden keine unwichtige Auskunft. Und Spengler findet Kunden, er hat sich einen Ruf erarbeitet: Der Schüler der Münchner Kunstprofessorin Karin Kneffel erhielt immer wieder Stipendien oder Förderungen, er stellt viel aus. Seine Kunst erzielt im ersten Moment hoch erscheinende Preise von einigen Tausend Euro. Doch die Materialkosten seien hoch, sagt Spengler. Längst holt er die Wellpappe nicht mehr vom Altpapiercontainer, sondern er bezieht sie direkt ab Werk. Kleber kostet. Ein Schreiner fräst für ihn computerunterstützt genau nach den Grundrissen seiner Kathedralen-Skulpturen die Rotbuchen-Sockel. Und er braucht Zeit für einen Zyklus, Monate, während der er schon mal Sehnenscheidenentzündung hat vom Schnitzen oder Blut auf die Pappe tropft, weil er sich geschnitten hat.

Schnitzen, kleben und pressen: Viel Arbeit steckt in den mit Neoprenkleber fixierten Stelen aus Wellpappe.

(Foto: Stephan Rumpf)

Heraus komme am Ende ein Lohn, von dem er leben könne, mehr nicht: "Ich könnte mir meine Werke selbst nicht leisten", sagt er zur Verdeutlichung. Dabei war es ihm wichtig, daran zu glauben, dass er von der Kunst leben könne, als er sich - nach sieben Jahren als Zahntechniker - endgültig für sie entscheiden hat. In seiner Familie hatte es bereits Künstler gegeben, auf beiden Seiten, erzählt er.

Als Kleinkind schon sei er durch die Kunstmesse Art Cologne in seiner Heimatstadt getragen worden, eher geprägt habe ihn aber die dortige Ausstellung "Westkunst". Schon als Achtjähriger habe er für sich die Kunst des Bildhauers Constantin Brăncuși entdeckt: "Künstler wird man nicht, das ist man", da ist er sicher.

Spät, aber umso besonnener, hat er sich ganz der Kunst verschrieben, nach dieser langen Arbeitsphase erhielt er sein Bafög elternunabhängig. Er hat sich mit Bedacht Bremen als kleine Hochschule und Karin Kneffel als hochkarätige und "fürsorgliche" Professorin mit einer "eher friedlichen, sich gegenseitig befruchtenden Klasse" ausgesucht: Das Richtige, um sich zu finden. Das geschah dann so schnell, dass er das Bafög nicht mehr brauchte, er bekam ein Stipendium, als er "sein Material" für sich entdeckt hatte - beim Spaziergang zum Papiercontainer. Zuerst bemalte er die Oberflächen noch mit Öl, doch bald war er da, "der Moment, als ich das Malen aufgegeben habe". Und zwar leichten Herzens, wie Spengler sagt, Malerei hätte vielleicht ausgesehen "als wie von" irgendeinem bewunderten Vorgänger. Seine Objekte und Skulpturen aber würden als Eigenleistung anerkannt.

Zwei Gastsemester verbrachte Spengler in Wien bei Professor Manfred Pernice. Inzwischen war Karin Kneffel nach München gewechselt und er folgte ihr gerne, denn München habe einen Kunstmarkt - und man könne hier ruhig arbeiten, weil nicht so viel los sei wie etwa in Berlin, wo er ständig das Gefühl hätte, etwas zu verpassen. Außerdem kann er hier Wand an Wand arbeiten mit seinem Freund, dem Künstler Felix Rehfeld. So ein Bezug ist wichtig, wenn man, wie er, zwölf Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, im Atelier der Pappe Leben einhaucht. Das ist sein Anspruch. "Es muss funktionieren", sagt er: "Jeder Schnitt muss stimmen, es muss unbestechlich sein, jeder Quadratzentimeter demokratisch bearbeitet." Nichts sei schlimmer, als wenn ein Kritiker einen Bereich herausheben könnte, denn das würde bedeuten, dass ein anderer abfällt. Es fehle ihm immer an Zeit, sagte Spengler, das fertige Werk sei ja in seinem Kopf vorhanden, längst bevor er es vollendet hat: "Es muss halt gemacht werden." Die Idee, fürs Grobe einen Assistenten einzustellen, hat er aber verworfen.

Künstler Martin Spengler.

(Foto: Stephan Rumpf)

Eine vordergründige Botschaft will er nicht transportieren, obwohl er sich auch als politischen Menschen sieht, wenngleich nicht "rotgrüngelbgestreift". Doch am wichtigsten ist Martin Spengler, dass das Werk "in sich schlüssig" ist, ob es Zwillingstürme, die Fassade mit "Sollbruchstelle", die neue Heimat, Athen mit Mercedes-Stern statt Akropolis oder das Stadion, dessen Sitzlehnen er verlängert hat, weil sie so schöner sind. Titel sind ihm nicht wichtig.

Ob der Weg der Kunst für ihn der richtige war? "Das wird die Zeit zeigen", sagt Spengler. Teilweise empfinde er es als überfordernd, denn man sei nicht nur Künstler, sondern gleichzeitig auch Verhandlungspartner von Galerien, Kunden. Das sei manchmal "ein riesengroßes Haifischbecken": Man muss eintauchen, aber auch wieder zum Rand schwimmen, weitermachen, sich entwickeln - ohne schon genau zu wissen, welche Richtung die eigene Kunst nimmt.