Microsoft Wenn aus Schreibtischen "Accomplish Spaces" werden

Sieht so das Büro der Zukunft aus? Die neue Microsoft-Zentrale in der Parkstadt Schwabing.

(Foto: dpa)
  • Die neue Microsoft-Zentrale in der Parkstadt Schwabing soll ein Vorzeigeprojekt der neuen Arbeitswelt sein.
  • Feste Arbeitsplätze soll es dort nicht mehr geben - selbst für die Chefs nicht.
  • Die Gewerkschaft IG Metall sieht das Konzept kritisch: flexible Arbeitszeiten führten häufig zu erhöhtem Druck bei den Mitarbeitern.
Von Laura Kaufmann

Wer das Atrium von Microsoft betritt, fühlt sich, als würde er in das Display eines Smartphones steigen, das sich dreidimensional vor dem Besucher entfaltet. Weiße Bausteine und Glaskästen an den Seiten, von der Tageslichtdecke hängt "Chantal", wie die Bauarbeiter den digitalen Kronleuchter getauft haben. Längliche Bildschirme, auf denen Fotos der Mitarbeiter durchlaufen, die sie ums Eck an einem Rechner aufnehmen können, ein digitales Gästebuch.

Seit drei Wochen arbeiten die Microsoft-Angestellten in der neuen Zentrale in der Parkstadt Schwabing. Wenn sie denn wollen. Sie müssen nicht. Der Arbeitsplatz eines jeden Mitarbeiters ist sein Laptop oder sein Tablet, und genau darauf ist die neue Zentrale des Konzerns ausgerichtet. Natürlich gibt es Schreibtische bei Microsoft, aber die Schreibtischgruppen heißen jetzt "Accomplish Spaces", die in den Betriebsfarben grün, rot, blau und gelb gehalten sind. Es gibt nicht für jeden Einzelnen einen Schreibtisch, aber jedes Team hat in etwa seinen Bereich, so dass sie sich nicht jeden Morgen wieder in dem riesigen Gebäude suchen müssen. "Das war erst einmal eine Umgewöhnung, morgens seine Sachen an einen Platz zu legen und sie abends auch wieder mitzunehmen, das diszipliniert", sagt Microsoft-Deutschland-Chefin Sabine Bendiek. Ihre Assistentin findet sie über die App "Find me", über die sich die Mitarbeiter jetzt lokalisieren können.

Arbeiten ohne Arbeitsplatz - das ist die neue Microsoft-Zentrale

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Es gibt abgetrennte "Think Spaces", in denen Mitarbeiter konzentriert für sich arbeiten können. Bequeme "Share & Discuss"-Plätze, in denen die Leute locker zusammenkommen und sich besprechen oder auch ein Kundengespräch führen; "Converse Spaces", in denen sich ein Team zurückziehen und intensiv besprechen kann. Dazu kommen Teeküchen mit Loungebereich, "social hubs" genannt. Vom ersten Stock aus, geht der Blick direkt hinunter ins Atrium, das geschäftige Herz der Zentrale. Dort gibt es den Empfang und natürlich eine Cafeteria. Mittags essen die Mitarbeiter in einer Kantine mit offenen Kochstationen, bezahlt wird mit dem Chip, mit dem sich der Mitarbeiter auch an seiner Arbeitsstation einloggt. Wird das Wetter wieder wärmer, werden auch die elf Dachterrassen beliebter werden. Sie sind möbliert, auch von hier aus kann theoretisch arbeiten, wer möchte. Würde man die Dachterrassen aneinanderlegen, könnte auf der Fläche von 1759 Quadratmetern auch eine Boeing 747 parken.

Zwei Jahre hat es gedauert, den Gebäudekomplex in Schwabing hochzuziehen. Mehr als halb so viel Stahl wie im Eiffelturm ist hier verbaut und jede Menge Glas, 26 000 Quadratmeter hat die Unternehmenszentrale und sieben Stockwerke. Für die 1900 Mitarbeiter sind trotzdem nur 1100 Arbeitsplätze vorhanden, mehr werden nicht benötigt. Schon am alten Standort in Unterschleißheim blieben ständig Arbeitsplätze ungenutzt; der Konzern fährt seit zwei Jahren gut mit seinem Prinzip der freien Arbeitsplatzwahl.

"Die Digitalisierung stößt den größten Wandel in der Arbeitswelt an seit der Industrialisierung", sagt Bendiek. "Sie ist eine riesige Chance für Deutschland, aber wir müssen die Technik und die damit einhergehenden Veränderungen annehmen." Die Zentrale, bei deren Gestaltung sich Microsoft vom Fraunhofer-Institut beraten ließ, soll ein Vorzeigeprojekt der neuen Arbeitswelt sein. Man wolle eine Vorreiterrolle einnehmen, sagt die Microsoft-Chefin: "Traditionelle Bürokonzepte passen nicht mehr in die digitale Welt." Gerade die jüngere Generation wolle selbstbestimmt und flexibel arbeiten, die Möglichkeit haben, das Privatleben ins Berufsleben zu integrieren. Work-life-flow statt work-life-balance nennen sie das bei Microsoft.

Diese Vermischung von Privatleben und Beruf steht durchaus auch in der Kritik, weil es die Freizeit, den Feierabend, den ein "9 to 5"-Job bietet, auslöscht. Bei Microsoft versucht man, Mitarbeiter vor Burnout zu schützen, indem Vorgesetzte entsprechend geschult werden. Coachen statt kontrollieren, das ist der Leitsatz. "Tatsächlich ist es aber so, dass gerade die jüngere digitale Generation auch selbst darauf achtet, nicht nur zu arbeiten, sondern auch ein Leben zu haben", sagt Bendiek.

Mehr Freiheit erhöht häufig den Druck auf die Mitarbeiter

Die Gewerkschaft IG Metall ist da skeptischer. Die große Flexibilität sei trügerisch, wenn zugleich die Zielvorgaben die Beschäftigten unter permanenten Druck setzen. Die Führungskräfte würden ihrer Verantwortung längst nicht immer gerecht, sagt Hilde Wagner, Ressortleiterin Tarifpolitik beim IG-Metall-Vorstand. "Allzu oft sind sie mehr an der Einhaltung ehrgeiziger Projektziele und Kostenvorgaben interessiert als an der Gesundheit ihrer Mitarbeiter." Mehr Druck durch mehr Freiheit, das beschreibe diese paradoxe Situation am treffendsten, meint Wagner.

Einen festen Platz in der neuen Zentrale hat jeder Mitarbeiter trotz aller Freiheiten aber dennoch: Sein Schließfach, das auch als Briefkasten fungiert. Die ersten Fächer sind schon bemalt, "bin im Urlaub, Post bitte nebenan abgeben", oder einfach mit einem Smiley. Dazu werden die Angestellten sogar ermuntert; schließlich soll es nicht clean und unpersönlich werden. Die Schließfächer animieren die Mitarbeiter sogar zu analoger Kontaktaufnahme: Manche stecken sich Zettelchen ins Postfach mit der Bitte um ein Kaffee-Date. Meistens aber kommunizieren die Angestellten über Skype - Festnetztelefone sind nirgends zu sehen - oder über ein internes soziales Netzwerk. Dort gibt es Gruppen, in denen sie alles Mögliche posten können - und Likes verteilen.

Sabine Bendiek liebt an der Zentrale vor allem die Energie, das Vibrierende, das in der Luft liegt, sagt sie. Auch bei den Mitarbeitern kommt der neue Standort gut an. Selbst wenn sie eigentlich auch vom Sofa aus arbeiten könnten.

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