Ü-Klassen im Landkreis Volle Konzentration

Deutsch-Nachhilfe an der Mittelschule in Garching: Sara Nilges (rechts) unterstützt ausländische Schüler bei ihren Arbeiten.

(Foto: Stephan Rumpf)

Mittlerweile lernen Kinder mit Migrationshintergrund in 24 Übergangsklassen intensiv die deutsche Sprache. Ein Besuch an der Mittelschule Garching.

Von Gudrun Passarge, Garching

"Die Oma nimmt Tabletten." Etwas holprig kommen die Worte dem Buben noch über die Lippen, aber die Grammatik stimmt und Barbara Kleber ist zufrieden und lobt den Schüler. Die Lehrerin einer sogenannten Übergangsklasse (Ü-Klasse) in Garching geht Satz für Satz eines Arbeitsblatts mit den Mädchen und Buben aus unterschiedlichen Ländern durch. Es herrscht angespannte Konzentration.

Unterstützt wird ihre Arbeit von Sara Nilges, die den Kindern bei Bedarf Fragen beantwortet. Die Ismaningerin war Helferin der ersten Stunde. "Sie ist eine tolle Unterstützung", sagt Tatjana Pringsheim, kommissarische Leiterin der Mittelschule Garching.

An der Mittelschule Garching besuchen etwa 60 Schüler die Übergangsklasse

Mit einer Klasse hat es im September 2015 angefangen, mittlerweile gibt es schon drei an der Schule, im Landkreis sind es insgesamt 24. In Garching bedeutet das, wie Pringsheim erläutert, von den 175 Schülern an der Mittelschule besuchen 50 bis 60 eine Übergangsklasse. Es sind Kinder aus Ismaning und Garching, zumeist Flüchtlinge, aber es sind auch Kinder aus EU-Staaten oder anderen europäischen Ländern dabei, die kein Deutsch sprechen.

"Wir haben eine Riesen-Spannbreite", sagt Pringsheim. Da gibt es Kinder, die noch nie eine Schule besucht haben, solche, wie die Syrer, die erst das lateinische Alphabet lernen müssen und solche, die gut Englisch sprechen, aber eben kein Deutsch. Hinzu kommt, dass jedes Kind seine eigene Geschichte hat. Viele sind schüchtern und ängstlich, wenn sie in die Schule kommen. In zwei Jahren sollen sie so viel lernen, dass sie in Regelklassen wechseln können. Oder aber sie nutzen Angebote wie etwa die Sprint-Klassen in den Realschulen oder besondere Förderklassen in den Berufsschulen. Jedes Kind werde individuell beurteilt.

Der Unterricht ist eine Herausforderung für die Lehrkräfte

"Es ist eine große Herausforderung", urteilt Pringsheim, deswegen ist sie besonders froh, "so tolle Lehrkräfte" für die Ü-Klassen bekommen zu haben. Patricia Eder und Michaela Pohl sind Grundschullehrerinnen und leiten jeweils eine Ü-Klasse, die dritte teilen sich Marion Blanke, auch sie ist Grundschullehrerin, und Nicola Luber, die aus der Mittelschule kommt. Barbara Kleber teilt ihre Unterrichtszeit zwischen den Klassen auf. Sie ist Gymnasiallehrerin und war länger in einer Ü-Klasse in Haar tätig. Die Schulleiterin strahlt. "Zufälligerweise ist das eine Zusammensetzung, die gut funktioniert. Jeder bringt so gutes und unterschiedliches Wissen mit, dass es zu guten Ergebnissen führt."

Die gleiche Zuversicht strahlt auch Schulamtsdirektorin Evelyn Sehling-Gebranzig aus. "Ich bin sehr stolz auf unsere Lehrer und Schulleiter, die diese Herausforderung schultern", sagt sie. Mit Geld vom Freistaat ausgestattet hat sie Personal gefunden, um alle 24 Ü-Klassen in den Grund- und Mittelschulen im Landkreis zu bestücken. Teils hätten sich Lehrer gemeldet, die eigentlich in Elternteilzeit sind. Aber sie wollen wenigstens stundenweise unterrichten.

Auch Lehrer im Ruhestand hätten ihr Interesse bekundet auszuhelfen. Seit dem 22. Februar sind jetzt die ersten Pensionäre an den Schulen eingesetzt, etwa in Pullach und Unterhaching, wie Sehling-Gebranzig berichtet. "Diese Kinder brauchen ja auch Unterstützung", sagt sie. Und aktuell, so betont sie, seien alle gemeldeten Kinder auch eingeschult. "Im Moment ist es zu leisten."

Sara Nilges aus Ismaning unterstützt die Klassen freiwillig

Zumal die engagierten Lehrerinnen und Lehrer auch noch freiwillige Hilfe bekommen. Sara Nilges hat sich selbst gemeldet. Die promovierte Chemikerin und Mutter dreier Söhne hatte sich in den Sommerferien überlegt, wie es wohl für die Lehrer sein muss, wenn die Flüchtlinge in die Klassen kommen. Sie fragte nach, ob sie helfen könne, ein Angebot, dass die Garchinger gerne annahmen.

Seit September kommt die 44-Jährige zweimal die Woche in die Schule, jeden Montag und jeden Freitag kümmert sie sich entweder um einzelne Schüler oder unterstützt die Lehrerin bei Gruppenarbeit im Unterricht. Gleich zu Beginn hatte sie eine schwierige Aufgabe. Ein 13 Jahre alter Junge aus Albanien konnte nicht lesen und schreiben, er hatte noch nie eine Schule besucht.

Doch Nilges ist niemand, der vor schwierigen Aufgaben Angst hat. Viel Geduld brachte sie schon mit, zusätzlich holte sie sich Tipps von den Fachleuten, besorgte sich zusätzlich zu den Lehrmitteln spezielle Arbeitsblätter und fing ganz klein an, bei einzelnen Silben. "Am Schluss konnte er schon einzelne Worte lesen", erzählt sie, - bevor er mit seiner Familie abgeschoben wurde.

"Das gehört dazu", Sara Nilges antwortet schnell auf die Frage, ob ihr das nichts ausmache. Genauso wie es dazugehöre, dass Kinder in die Regelklassen wechselten. Viel wichtiger ist der Ismaningerin, dass die Arbeit Spaß mache, zu sehen, wie motiviert die Kinder seien, "wie sie sich wirklich bemühen und konzentriert lernen. Das ist wirklich beeindruckend." Vor allem, wenn die ersten deutschen Sätze dabei herauskommen.

Viel wird mit Bildern und Bildbeschreibungen gearbeitet, um die ersten Schritte in der neuen Sprache zu machen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Mittelschule will mehr Freiwillige einbinden

Außer Nilges gibt es an der Mittelschule noch eine zweite ehrenamtliche Helferin. Doch das wird sich jetzt ändern, denn Pringsheim hatte Interesse bekundet, mehr Freiwillige einzubinden. Astrid Volz vom Garchinger Helferkreis hat es übernommen, die neuen Schulhelfer zu koordinieren. "Wir haben recht großen Zulauf im Moment", sagt sie. Etwa 15 Menschen, von Studenten bis zu Rentnern, hätten Interesse bekundet.

Manche werden zunächst hospitieren, um zu sehen, wie sie mit der Aufgabe zurechtkommen und ob es für sie und die Schule passt. Astrid Volz plant ebenfalls, sich an der Mittelschule einzubringen. Die zweifache Mutter hat bereits Erfahrungen mit Deutschunterricht an der Grundschule. Sie findet es wichtig, die Kinder dabei zu unterstützen, "denn das Erlernen der deutschen Sprache ist schließlich der Schlüssel dafür, wenn man hier bleiben möchte". Ihr bereite die Tätigkeit viel Freude, und wenn die ersten Verständigungsversuche klappen, "das ist schon ein gutes Gefühl".

Wer sich für die Arbeit als Ehrenamtlicher an einer Schule in Garching interessiert, kann sich bei Astrid Volz (E-Mail: astrid.volz@gmx.net) melden.

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