Neues Konzept an Grundschulen Gespräche statt Noten

Lehrerin Amrei Dettbarn führt an der Grundschule in Brunnthal mit Madeleine aus der 2. Klasse und ihrer Mama ein Zeugnisgespräch.

(Foto: Angelika Bardehle)

In 70 Prozent der Grundschulen im Landkreis gibt es keine Zwischenzeugnisse mehr. Stattdessen bewerten sich Schüler selbst, der Lehrer sagt seine Einschätzung dazu. Die Stärken der Kinder sollen im Vordergrund stehen.

Von Markus Mayr, Landkreis

Der Sohn von Elternbeirat Eckart Faulhaber bekommt heuer kein Zeugnis zum anstehenden Halbjahresende. Der Bub ist in der zweiten Klasse an der Grundschule Taufkirchen am Wald, und die hat zu diesem Schuljahr in den Jahrgangsstufen eins bis drei die Zwischenzeugnisse abgeschafft. Stattdessen führen die Lehrer individuelle Gespräche mit ihren Schülern und deren Eltern.

Darin stellen und halten sie gemeinsam den Lernfortschritt des Kindes fest. Das soll sich mithilfe eines Fragebogens selbst einschätzen. Aussagen wie "Du bist freundlich und höflich" stehen darauf, oder "Du löst + Aufgaben und - Aufgaben". Das Kind soll ankreuzen, wie sehr welche zutrifft. Symbole wie etwa eine Krone (für sehr gut) oder ein Ausrufezeichen (für da gibt es noch Nachholbedarf) sollen die Auswahl erleichtern. Im Schulamt und sehr vielen Grundschulen im Landkreis kommt die neue Idee gut an. Mancherorts ist das Lehrerkollegium allerdings skeptisch.

Taufkirchen am Wald führt schon seit fünf Jahren solche Lernentwicklungsgespräche mit den Schülern ihrer Eingangsstufe. Darin unterrichtet die Flexible Grundschule Taufkirchen Erst- und Zweitklässler gemeinsam. In diesem Jahr sind erstmals alle Schüler dran, so auch der Sohn von Eckart Faulhaber.

70 Prozent der Grundschulen stellen keine Halbjahreszeugnisse mehr aus

Der Vater ist der Vorsitzende des Elternbeirats, der Sohn sein erstes Kind in der Schule. Was der Vater von dem neuen Konzept halten soll, weiß er noch nicht. "Ich bin vielleicht eher etwas altmodisch", sagt Faulhaber. Allerdings steht er der schriftlichen Beurteilung im Zeugnis skeptisch gegenüber. Sein Kind hat in der ersten Klasse noch eins bekommen. "So richtig klar war mir das nicht, was das heißt", sagt Faulhaber, wenn er über die Textbausteine spricht, aus denen sich so ein Zeugnis zusammensetzt. Julia Pestl, Lehrerin der Eingangsklasse in Taufkirchen und erfahren im Führen von Entwicklungsgesprächen, bestätigt Faulhabers Gefühl: "Viele Eltern kamen zu mir in die Schule und haben gefragt: Was steht denn da eigentlich drin?"

Regine Nemetz, Rektorin der Brunnthaler Grundschule, hat gute Erfahrungen mit dem System ohne Zwischenzeugnisse.

(Foto: Angelika Bardehle)

Gemeinsam mit anderen Eltern will Faulhaber sich aber erst eine Meinung zu dem neuen Konzept bilden, wenn Mitte Februar die Gespräche geführt wurden. Bereits 70 Prozent der Grundschulen im Landkreis München stellen zum Halbjahr keine Zeugnisse mehr aus. Schulamtsdirektorin Evelyn Sehling-Gebranzing findet das "sehr positiv". Das persönliche Gespräch sei weniger verletzend und besser verständlich als die schriftliche Beurteilung, sagt sie. "Die Schüler fühlen sich beachtet." Die Eltern gäben positives Feedback, Lehrer und Rektoren ebenso.

Neben der Taufkirchner Grundschule am Wald verfährt auch die Brunnthaler nach dem neuen System. Heuer bereits im zweiten Jahr. Rektorin Regine Nemetz erzählt, dass sich die Schulleitung damals gemeinsam mit dem Elternbeirat einstimmig dafür entschieden habe, die Gespräche einzuführen. Jedes Jahr müsse aufs Neue abgestimmt werden. "Nach dem ersten waren wieder mehr als 90 Prozent dafür", sagt sie. Die Gründe: Grundschüler täten sich schwer damit, ein Zeugnis mit schriftlicher Beurteilung zu verstehen. Zudem stünde im Zeugnis auch das Schlechte. "Der große Vorteil an den Gesprächen ist, dass das Kind im Mittelpunkt steht", sagt Nemetz. Es werde besonders wertgeschätzt und fühle das auch, seine Stärken stünden im Vordergrund. Lehrerin Pestl aus Taufkirchen pflichtet ihr bei. Die Gespräche seien für die Kinder "verständlicher", sagt sie. Die Zusammenarbeit zwischen Eltern, Lehrern und Schülern sei gut. Gemeinsam an einem Tisch könne man schauen, "was das Beste für das Kind ist". Zudem sei es nicht aufwendiger, die Gespräche zu führen und zu dokumentieren als Zeugnisse zu schreiben, sagt die Brunnthaler Rektorin. "Aber es bringt viel mehr."

Ziele formulieren Inzwischen gibt es an 33 von 47 Grundschulen im Landkreis München in den Jahrgangsstufen eins bis drei Lernentwicklungsgespräche statt Zwischenzeugnisse. Das bayerische Kultusministerium hat es den Schulen zum vergangenen Unterrichtsjahr 2014/ 15 freigestellt, wie sie verfahren. Elternbeirat und Schulleitung müssen gemeinsam entscheiden. In den individuellen Gesprächen soll der Lehrer mit dem Kind und seinen Eltern gemeinsam dessen Leistungsstand ermitteln. Das Kind ist angehalten, mithilfe eines Fragebogens selbst einzuschätzen, wo es steht. Der Lehrer erklärt seine Sicht darauf. Die Stärken des Kindes sollen dabei im Vordergrund stehen. Um Schwächen zu beseitigen, sollen Ziele formuliert werden, an deren Erreichen das Kind selbst arbeitet, was Eltern und Lehrer im Sinne einer Erziehungspartnerschaft unterstützen. Das Jahresendzeugnis bleibt erhalten, Viertklässler bekommen wie gehabt einen Zwischenbericht und ein Übertrittszeugnis.mmm

Zweifel am neuen System gibt es etwa wegen des Fragebogens

Davon sind andernorts die Kollegen noch nicht überzeugt. In der Grundschule Taufkirchen an der Dorfstraße zweifeln die Lehrer noch daran, dass das neue System besser für die Kinder ist, noch haben sie es nicht eingeführt. Der Fragebogen sei gerade für Erstklässler mitunter schwierig zu verstehen, sagt Rektorin Christine Keller, "wir wollen erst mit den Kindern solche Kompetenzen erarbeiten." Die Erich Kästner Grundschule in Höhenkirchen-Siegertsbrunn will auch erst einmal beim alten System bleiben. Doch Gespräche würden auch dort geführt, sagt Hannelore Mathis. "Man muss sowieso mit den Eltern über das Zeugnis sprechen", findet die Rektorin. Zudem werde darin "das Sozial-, Lern- und Arbeitsverhalten intensivst beschrieben", sagt sie. "Es ist gut so, wie es jetzt im Moment ist."

Lehrer und Eltern debattieren zur Genüge über die beiden Möglichkeiten. Und wie geht es den Kindern damit? Das muss man erst noch herausfinden, doch Julia Pestl antwortet: "Wir haben das pädagogische Geschick, um das rauszukitzeln."

Und Regine Nemetz erzählt: "Letztes Jahr hatten wir ein Kind, das super aufgeregt war." Doch da die Eltern mit im Raum waren, hätten diese dem Kind die Angst schnell nehmen können. Eckart Faulhaber darf gespannt sein, wie sein Sohn mit der neuen Situation umgeht. Am 19. Februar ist es soweit. Am Ende des Schuljahres muss der Junior dann ohnehin wieder ein Zeugnis verkraften.