Altenpflege Selbst Prämien locken Pfleger nicht

Dass es in ihren Heimen in Aying, Sauerlach und Ismaning genug Personal gibt, wertet man bei der Awo als Beleg für den guten Ruf der Häuser.

(Foto: Angelika Bardehle)

Mehrere Heime im Landkreis nehmen keine neuen Bewohner auf, weil Personal fehlt. Da finanzielle Anreize wenig bringen, setzen viele Träger auf die gezielte Anwerbung und Ausbildung ausländischer Fachkräfte

Von Christina Hertel, Unterschleißheim

Vor etwa einem Jahr ist das Altenheim in Unterschleißheim in die Kritik geraten. Bewohner würden vernachlässigt, Personal fehle, kritisierten Angehörige. Auch bei einer Überprüfung durch Behörden schnitt das Heim am Valentinspark schlecht ab. "Heute ist die Atmosphäre in dem Haus gut", sagt Geschäftsführer Dieter Pflaum.

Tatsächlich hat das Altenheim, das zum Paritätischen Wohlfahrtsverband gehört, bei einer neuen Kontrolle bessere Noten erhalten. Doch auf der Suche nach Fachkräften ist Pflaum immer noch: Fünf bis sechs Vollzeitfachkräfte könnte er gebrauchen.

Das Haus am Valentinspark hat eigentlich Platz für 180 Bewohner. Momentan leben dort aber nur etwa 125 Senioren. Seit September wird die oberste Etage des vierstöckigen Heims nicht mehr belegt. Geschäftsführer Pflaum möchte das auch nicht ändern. So ein großes Heim sei nicht mehr zeitgemäß. Vor etwa einer Woche ist in den vierten Stock eine Wohngruppe behinderter Menschen eingezogen, die zum Verein Lebenshilfe gehört. Das Personalproblem ist damit aber nicht gelöst.

So wie in Unterschleißheim suchen viele Einrichtungen nach Mitarbeitern: Laut den neuesten Zahlen der Agentur für Arbeit fehlten im Dezember im Landkreis München 15 Fachkräfte in der Altenpflege, in der Stadt München waren es 124. Und in ganz Bayern hatten Altenpfleger die Wahl zwischen fast 2100 Stellen. Die Situation im Landkreis München sei momentan nicht dramatisch, sagt Christina Walzner, Sprecherin im Landratsamt. Es gebe aktuell keinen verordneten Aufnahmestopp. Doch etwa fünf bis zehn Pflegeeinrichtungen würden gerade freiwillig niemanden mehr aufnehmen.

Der Pflegegrad entscheidet

Der Grund: Die Personalplanung in der Altenpflege ist schwierig. Um wie viele Heimbewohner sich eine Pflegekraft kümmern muss, hängt davon ab, welchen Pflegegrad die Senioren haben. Und weil sich der Zustand von alten Menschen schnell ändern kann, darf ein Altenheim sein Personal nicht zu knapp bemessen. Gesetzlich ist außerdem festgelegt, dass das Verhältnis zwischen Pflegefachkräften und Hilfskräften immer halbe-halbe sein muss.

Um neues Personal für das Heim in Unterschleißheim anzuwerben, hat Dieter Pflaum schon einiges versucht. Eine Zeit lang lockte er neues Personal mit einer Starterprämie von 3000 Euro. Trotzdem habe sich niemand gemeldet. Daraufhin probierte er es mit Zeitarbeitern. Doch auch davon rückte er wieder ab. "Wenn jemand nur für eine kurze Zeit da ist, kennt er die Bewohner gar nicht richtig." Insgesamt habe Zeitarbeit immer eine Qualitätsverschlechterung zur Folge. Außerdem sei sie teurer. Mit mindestens dem zweieinhalbfachen einer festangestellten Kraft müsse man rechnen.

Auch mit Agenturen, die im Ausland Personal anwerben, arbeitet Pflaum zusammen. Momentan suchen diese auf den Philippinen, in Ungarn, Slowenien und Griechenland. In den vergangnen zwei Jahren habe er für das Heim am Valentinspark etwa acht Kräfte aus dem Ausland akquiriert. Aber auch sie könnten den Personalmangel nicht auffangen. "Bis eine ausländische Kraft voll mitarbeiten kann, dauert es fast zwei Jahre." Weil sie die Sprache nicht gut genug beherrsche, aber auch weil sie sich erst daran gewöhnen müsse, wie Altenpflege in Deutschland abläuft.

In den Caritas-Heimen in Gräfelfing und Oberhaching fehlen momentan zwar keine Fachkräfte, aber Doris Schneider, die Geschäftsführerin in der Erzdiözese München und Freising, beobachtet, dass es gerade im Raum München immer schwieriger wird, Mitarbeiter zu finden. "Es scheitert meistens daran, dass die Mieten hier so teuer sind", sagt sie. In Oberhaching vergibt die Caritas 30 Wohnungen an Mitarbeiter. Auch auf Kräfte aus dem Ausland ist die Caritas angewiesen - besonders in der Stadt und dem Landkreis München. "In Traunstein arbeiten vielleicht mal zwei ausländische Mitarbeiter, hier sind es immer mindestens zwei Drittel."

Auch die Arbeiterwohlfahrt (Awo) rekrutiert Personal im Ausland. In Albanien wird laut Awo-Sprecherin Michaela Lichtblau zurzeit sogar eine ganze Klasse künftiger Pfleger für den deutschen Markt ausgebildet. Fünf davon sollen einmal in Oberbayern arbeiten. Seit vier Jahren bezahlt die Awo ihren Mitarbeitern außerdem eine Prämie von 500 Euro, wenn sie eine andere Fachkraft anwerben. In den Awo-Heimen in Sauerlach, Aying und Ismaning herrscht Lichtblau zufolge gerade kein Personalmangel. Das liege vor allem an dem guten Ruf der Häuser.

Auch Pflaum, der Geschäftsführer des Unterschleißheimer Pflegeheims, glaubt, dass die Atmosphäre am Arbeitsplatz entscheidender ist als das Geld. Denn schon jetzt würden Fachkräfte mit 3000 bis 3500 Euro brutto nicht schlecht verdienen, sagt er. Doch darauf, wie der Personalmangel in der Altenpflege eines Tages grundsätzlich behoben werden könnte, hat er keine Antwort.

Und wo die 8000 Fachkräfte herkommen sollen, die SPD, CDU und CSU in ihrem Koalitionsvertrag versprechen, kann er sich auch nicht vorstellen. "Es wird seit 20 Jahren davon geredet, dass die Altenpflege einen Imagewandel braucht", sagt er. Geändert habe sich nichts.