KZ-Überlebender Martin Löwenberg Ein Mann, der sich nicht brechen lässt

Martin Löwenberg hat Adolf Hitler und das KZ überlebt. Seitdem ist er immer dort, wo Nazis marschieren. Einmal wurde der Münchner Kommunist deswegen verurteilt, doch aufgehört hat er bis heute nicht.

Von Bernd Kastner

Unnahbar wirkt er, von der Ferne und auf den vielen Fotos. Sieht man ihn reden gegen das Unrecht auf der Welt, oben, auf der Bühne, zieht der Schnauzbart die Mundwinkel nach unten. Man könnte ihn für einen mürrischen alten Mann halten, der gefangen ist in seiner Ideologie.

Doch dann steht da, am Ende einer langen Einfahrt, auf den Eingangsstufen zum Altenheim dieser Martin Löwenberg, gestützt auf eine Gehhilfe. Das Haar ist weiß und dünn wie auf den Fotos, aber der Schnurrbart - der Schnurrbart lächelt. Und es spricht eine Stimme, bedächtig und leise, vor allem aber warm. Später, auf der Eckbank unten im Stüberl des Altenheims in Giesing, wenn Martin Löwenberg zuerst mit dem Unbill des Alters hadert und dann Stationen seines Lebens skizziert, wenn er vom KZ erzählt, von den neuen Nazis und von seiner Josephine, kommt einem plötzlich dieser Gedanke: Da ist es, das menschliche Antlitz, das der Idee gefehlt hat.

Martin Löwenberg war Kommunist und ist Kommunist. Kommunist ist für viele kein schönes Wort, es klingt nach drüben und Unrecht und Eingesperrtsein, aber Löwenberg steht für die Idee einer gerechten, gewaltfreien Gesellschaft im Kern des Kommunismus.

87 wird er in ein paar Tagen, und es ist das Alter, das ihm Sorgen macht. Er will doch immer präsent sein an den großen Tagen, am 1. Mai zum Beispiel. Am vergangenen Sonntag hat er die Feier zur Befreiung des KZ Dachau besucht, da war er glücklich. Und auch künftig will er in Schulen gehen, will der Jugend von der dunklen Zeit berichten als einer der letzten, der das noch kann. "Am meisten tut mir weh, wenn ich einen Termin nicht einhalten kann." Neulich musste er einen Besuch in Berlin absagen, wo sie einen Platz nach seinem Bruder benannt haben, auch er sein Lebtag ein Antifaschist.

1925 wurde Martin Löwenberg in Breslau in eine sozialdemokratische Familie hineingeboren. Sein Vater, ein Jude, starb früh, seine Mutter bewahrte den sportbegeisterten Sohn davor, sich von der Hitlerjugend einfangen zu lassen. Martin liebte das Boxen, seine Schlaghand war die Linke. Sein älterer Bruder Fred animierte ihn, nicht nur mit den Fäusten zu kämpfen, sondern auch politisch. Gemeinsam und heimlich gaben sie Fremdarbeitern Brot und Zigaretten. Martin Löwenberg wurde erwischt und 1944 im KZ Flossenbürg inhaftiert. Später musste er in Außenlagern und unterirdischen Rüstungsbetrieben Zwangsarbeit leisten. Bruder Fred wurde wegen "Rassenschande" verhaftet, seine Freundin war eine "Arierin".

Der Antifaschismus wurde zu Löwenbergs Berufung nach dem Krieg; er hat das "Nie wieder!" verinnerlicht wie nicht viele. Er gründete die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes mit, die SPD und den Gewerkschaftsbund. 1947 ging er nach Bayern, seine Mutter hatte es ins Oberland verschlagen, dann zog er, der Arbeit wegen, nach München. Der gelernte Sattler wurde später Betriebsratschef beim Nähmaschinenhersteller Pfaff.

Im Kampf gegen die Wiederbewaffnung trat er der SDA, der Sozialdemokratischen Aktion bei, was der SPD nicht passte, galt die SDA doch vielen als kommunistische Tarnorganisation, gepäppelt von der DDR. Die SPD schloss Löwenberg aus, da verstand sie keinen Spaß, und die junge Bundesrepublik erst recht nicht. Löwenberg wurde 1958 und 1961 verurteilt, saß je zehn Monate im Gefängnis als Feind der Demokratie. "Nach keiner Verhaftung bin ich unpolitisch geworden", sagt er. Er trat der verbotenen KPD bei, war im Untergrund aktiv, und als er nach der gewaltsamen Niederschlagung des Prager Frühlings aus Protest die Partei verließ, gab er den Glauben an die Idee nicht auf.

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