Kunst Freier Eintritt in Museen? Kostenlos wäre nicht umsonst

Fast 225 000 Besucher kamen im vergangenen Jahr in die Alte Pinakothek - und trotzdem ist in den Ausstellungsräumen oft noch viel Platz.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Gehen mehr Menschen in Museen, wenn sie keinen Eintritt verlangen? In vielen Städten gibt es das bereits, aber die meisten Häuser in München sind eher skeptisch.

Von Sabine Reithmaier und Evelyn Vogel

Es ist ja nicht so, dass Museen als die Abzocker unter den Kulturinstitutionen gelten. Im Vergleich zu einer Eintrittskarte für Oper oder Theater ist ein Besuch dort eher günstig. Selbst für eine Kinokarte muss man oft mehr hinblättern. Aber einfach gar nichts mehr verlangen? Kostenloser Eintritt für alle? Astrid Pellengahr arbeitet für den Staat, ist keine Revolutionärin, aber dazu sagt die Leiterin der Landesstelle für nicht-staatliche Museen dann doch: "Prinzipiell fände ich das richtig."

Und so illusionär, wie sie erscheinen mag, ist die Idee ja auch nicht. Großbritannien hat vor genau 15 Jahren alle Eintrittsgebühren der Museen abgeschafft. Für die ständigen Sammlungen zumindest, nicht für Sonderschauen, für die werden in der Tate Modern in London zum Beispiel, dem weltgrößten Museum für moderne Kunst, immer noch 20 Euro fällig. Dennoch gehen in die britischen Museen seither nicht nur deutlich mehr Besucher, sondern, wie Umfragen ergeben haben, auch andere: Menschen, die es sich vorher nicht hätten leisten können, Menschen, die dort Freunde treffen, um sich, umgeben von Kunst, wohlzufühlen. "Wer ein Museum als Bildungseinrichtung für alle versteht, der kommt nicht umhin, über freien Eintritt nachzudenken", sagt Pellengahr.

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In München steht sie mit dieser Meinung eher alleine. Die Debatte aber treibt die Museumsmacher in Deutschland um - zumal seit vergangenem Jahr das Folkwang Museum in Essen darauf verzichtet, Geld zu kassieren. Auch hier besuchen seither deutlich mehr Menschen das Haus. Machbar war das aber nur, weil die Krupp-Stiftung die Einnahmeausfälle ersetzt. Und auch in Essen gilt: Wer die Sonderschauen sehen will, zahlt. Zwölf Euro, um genau zu sein, und 7,50 Euro für Kinder und Jugendliche.

Vermutlich findet Münchens Kulturreferent Hans-Georg Küppers deshalb: "Da sind wir schon ein ganzes Stück weiter!" In den städtischen Museen (Lenbachhaus, Stadtmuseum, Jüdisches Museum, NS-Dokuzentrum, Villa Stuck und Valentin-Karlstadt-Musäum) zahlen die unter 18-Jährigen generell nichts. "Und mit unseren Jahreskarten, die ermäßigt nur zehn Euro kosten, kann man so oft kommen, wie man möchte und alle Ausstellungen - auch die Sonderausstellungen - sehen", sagt Küppers.

Freien Eintritt bis 18 bieten auch die Museen des Freistaats. Eine weitere Ausdehnung des kostenlosen Besuchs sieht Kunstminister Ludwig Spaenle eher skeptisch: "Ein generell freier Eintritt scheint mir nach dem Prinzip ,Was nichts kostet, ist nichts wert' wenig zielführend." Dass man die Museen an mindestens einem Tag im Jahr oder bei besonderen Anlässen frei besuchen kann, begrüßt er indes sehr.

In allen staatlichen Museen ist der Sonntag der "Ein-Euro-Tag". "Damit bieten wir am Sonntag optimale Bedingungen", sagt Bernhard Maaz, Generaldirektor der Staatsgemäldesammlungen und damit Herr über die Pinakotheken, das Museum Brandhorst und die Sammlung Schack. Wäre es möglich, den freien Eintritt auszudehnen, würde ihn das freuen. "Wir sind aber auf die Einnahmen angewiesen, sodass in jedem Fall eine finanzielle Kompensation notwendig wäre." Wie viel Geld das ausmacht, ist nicht zu erfahren; klein kann der Betrag nicht sein angesichts einer Besucherzahl von 883 239 im vergangenen Jahr.

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Alle staatlichen Museen in Bayern erlösten über das Eintrittsgeld einen mittleren einstelligen Millionenbetrag im Jahr, lässt Spaenle wissen - das sei ein wichtiger Beitrag, um ihnen Flexibilität und Gestaltungsräume zu geben. Der überwiegende Teil der staatlichen Zuschüsse geht für laufende Kosten wie Personal und Gebäudeunterhalt drauf.

Dass die Einnahmen mehr sind als der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein, unterstreicht auch Küppers. "Wir sprechen immerhin über 2,5 bis drei Millionen Euro pro Jahr bei den städtischen Museen." Beim Museum Folkwang kompensiere der Sponsor 200 000 Euro pro Jahr - das sei nicht einmal ein Zehntel der Beträge, die in den städtischen Häusern ausgeglichen werden müssten, sagt er. Außerdem könnten sich Touristen durchaus die regulären Eintrittspreise leisten.

Ähnlich sieht das Matthias Mühling, Direktor des Lenbachhauses, das im vergangenen Jahr gut 406 000 Besucher verzeichnete. Für ihn zählt das Solidaritätsprinzip: "Wenn man generell einen freien Eintritt gewähren würde, hieße das doch nur, die Besserverdienenden zu subventionieren." Besser sei doch: Wer es sich leisten kann, soll zahlen, wer es sich nicht leisten kann, zahlt weniger oder gar nichts. "Eine Institution muss glaubwürdig sein", findet Mühling. "Kitas sind nicht umsonst, aber die Museen schon? Das fände ich irgendwie schief."

Auch Renate Eikelmann, die Chefin des Bayerischen Nationalmuseums, steht der Idee des freien Eintritts nur bedingt offen gegenüber. "Natürlich bin ich für Bildung für alle und finde, Kultur sollte nicht zu teuer sein. Aber warum soll Kultur nicht wenigstens ein bisschen was kosten?" Die Preisstruktur ihres Hauses, das 146 000 Besucher im Jahr 2015 zählte, empfindet sie sowieso schon als mehr als moderat.

Was aber, wenn ein Großsponsor daherkäme und die Kosten für ein Jahr übernähme? "Dann schreien wir Hurra, gar keine Frage", sagt Lenbach-Chef Mühling und lacht. "Das ermöglicht uns in einigen Fällen die Sahne auf dem Kuchen", ergänzt Kulturreferent Küppers. Die finanzielle Grundlage aber liefere immer die Stadt. Ihre Aufgabe es sei, allen Menschen Zugang zu Kunst und Kultur zu ermöglichen - "so wie wir auch öffentlich zugängliche Sportstätten oder Erholungsflächen finanzieren". Super findet es Küppers, wenn privates Engagement hilft, das Angebot auszuweiten: Als Beispiel nennt er den Förderverein des Lenbachhauses. Der ermöglicht eine zusätzliche Sonderöffnung von 8.30 bis 10 Uhr für Schulklassen, indem er die Kosten für die Bewachung übernimmt.

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In der Pinakothek der Moderne gab es mit dem "Blauen Mittwoch" bereits einen Versuch in Richtung freier Eintritt. Fast zwei Jahre lang übernahm die Allianz an jedem Mittwoch die Eintrittsgebühren - inklusive der für die Sonderausstellungen. "Die Besucherzahlen stiegen anfangs nur verhalten", erinnert sich Museumssprecherin Tine Nehler. "Später wurde der Allianztag aber sehr gut angenommen, wir hatten Steigerungen von bis zu 50 Prozent."

Ende 2015 lief das Sponsoring aus. Sollte es je wieder etwas Ähnliches geben, wünscht sich Nehler, dass es freien Eintritt in den Abendstunden und zum Wochenende hin gäbe, "damit auch die arbeitende Bevölkerung besser davon profitieren könnte". Dass Abendstunden tatsächlich gut angenommen werden, beweist der "Friday Late" der Villa Stuck: Hier ist an jedem ersten Freitag im Monat zwischen 18 und 22 Uhr der Eintritt frei. Das Publikum hat sich damit deutlich verjüngt.

Auch Okwui Enwezor, Direktor im Haus der Kunst, hätte gegen einen Großsponsor nichts einzuwenden. "Private Interessen werden wir nicht über die Schwelle lassen. Aber wenn uns jemand viel Geld anbietet, damit wir die Eintrittspreise abschaffen können, wäre das auch ein Ziel und eine Kooperation wert." Seine Ausstellungshalle ist das einzige der staatlichen Häuser, das über keine eigene Sammlung verfügt, also nur Sonderausstellungen präsentiert.

Schon klar: Was die Besucherzahlen betrifft, leben die Münchner Häuser in einer Sondersituation. Darauf weist auch Astrid Pellengahr hin. Sie arbeitet im Alten Hof mitten in der Stadt, ist aber für die nicht-staatlichen Museen in ganz Bayern zuständig. Und da kennt sie viele Häuser, die sich über mehr Besucher freuen würden, und genügend Bürgermeister, die ihre Museen zuerst als Kostenfaktor sehen. Es muss ja nicht gleich eine Revolution her, aber Pellengahr wünscht sich eine intensivere politische Diskussion darüber, was Träger mit ihren Museen überhaupt erreichen wollen. Was sie als Bildungseinrichtungen ausmacht und an wen sie sich richten. Ein für alle gültiges Patentrezept gibt es nicht.