Kunst an der Wand Ein Mentor für die Straße

David Kammerer vor einem Werk von Markus Müller.

(Foto: Florian Peljak)
  • Als erste Stadt in Deutschland beschäftigt München einen Experten, der im Kulturreferat ausschließlich für Street Art zuständig ist.
  • David Kammerer soll Flächen für Sprayer suchen und helfen, das Bewusstsein für die Kunstform weiter zu schärfen.
  • Die Szene wächst: In München gibt es etwa 40 bis 50 legale Sprayer und bis zu 300, die der Tätigkeit illegal nachgehen.
Von Franz Kotteder

Damals vor gut 30 Jahren, als alles anfing, galten sie noch als Schmieranten und Sachbeschädiger. Von Kunst sprachen damals die Allerwenigsten, ein paar etablierte und anerkannte Künstler vielleicht, die das Illegale reizte, ein paar Kunstkritiker, die den Stil frisch und interessant fanden. Ansonsten aber war Street Art ein Fall für die Staatsgewalt, sprich: das Polizeipräsidium und die Ermittlertruppe, die sich um Sachbeschädigung an öffentlichen und privaten Gebäuden und Verkehrsmitteln zu kümmern hatte. Und dann natürlich auch ein Fall für die Gerichte. Geldstrafen von mehreren zehntausend Mark für jugendliche Sprayer waren da keine Seltenheit.

Strafen für Sachbeschädigung gibt es natürlich immer noch. Ansonsten aber hat sich die Einschätzung, was Graffiti anbelangt, nahezu komplett geändert. Vor einem Jahr erst beschloss der Stadtrat ein Förderprogramm in Sachen Street Art für München, und seit kurzem gibt es im Kulturreferat sogar einen eigenen "Sachbearbeiter für den Bereich Street Art / Graffiti", wie es in der Stellenausschreibung hieß. Es handelt sich dabei deutschlandweit um die erste Stelle in einer Kulturverwaltung, die sich ausschließlich mit Street Art beschäftigt, und sie ist zweifellos mit einem echten Experten besetzt.

Ein Mann aus der Szene

Denn der 48-jährige David Kammerer, Künstlername Cemnoz, ist sozusagen ein Mann der ersten Stunde. Um 1983 herum hat er selber mit dem Sprühen begonnen und eine ansehnliche Karriere, was Street Art angeht, hinter sich. Der schlanke, freundliche Mann mit dem Rauschebart hat selbst Kunst studiert, an der Münchner Akademie in der Klasse Gerhard Berger, und hat auch zehn Jahre lang in Berlin gearbeitet. In München war er bislang schon aktiv im Förderverein Euro-Graffiti-Union und im Jugendkulturzentrum Färberei des Kreisjugendrings, das sich besonders um künstlerische Ausdrucksformen der Street Art kümmert.

"Wir haben uns vor 30 Jahren nicht träumen lassen", sagt Kammerer, "dass Street Art so eine Beständigkeit entwickelt, ja beinahe explodiert." Letztlich handele es sich um eine besondere Spielart der Kunst im öffentlichen Raum, die sich auf verschiedenen Ebenen und mit verschiedenen Bildmitteln äußere. Mehr an Schubladendenken möchte er nicht haben, da ist er sich mit den meisten anderen in der Szene sehr einig: "Die Übergänge zwischen den Kunstformen sind da ja oft sehr fließend."

Die Ursprünge der deutschen Graffiti-Bewegung liegen in München

Das Bewusstsein dafür will die Stadt auch mit Hilfe ihres Street-Art-Beauftragten schaffen. Viel zu wenig bekannt ist noch, dass die Ursprünge der deutschen Graffiti-Bewegung eigentlich in München liegen. Hier war schon Anfang der Achtzigerjahre eine erstaunlich große Zahl jugendlicher Sprayer aktiv, die sich künstlerisch besonders an der New Yorker Downtown-Szene, an Keith Haring und Jean-Michel Basquiat orientierten, zum Teil auch an den Murales, den großen Wandmalereien in Süd- und Mittelamerika. Trotzdem waren es dann andere Städte wie Berlin, Wien, London und Barcelona, in denen Street Art irgendwann zum Stadtbild gehörte.

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In München ließ sich zwar beispielsweise Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) sein Badezimmer vom Sprayer Loomit ausgestalten, und auch sonst gab es bisweilen Nischen für Graffiti, solange sie sich auch als hübsche Deko eigneten. Die Speerspitze der Protestkultur bildet das reiche München jedenfalls nicht gerade. Muss aber auch nicht sein, findet Kammerer, es gebe ja schließlich auch viel Positives. "München ist bunt" steht für so etwas Positives, und Street Art stehe auch für Völkerverbindendes und soziale Einstellung, man sehe das zum Beispiel in der Bayernkaserne, "wo ganz viele Menschen aus ganz vielen Kulturen gemeinsam etwas auf die Beine stellen".