Graffiti in München "Graffiti ist Jugendkultur, und die muss man fördern"

Dass sich Spies und Alimardani einst als Gegner gegenüberstanden - man merkt es nicht. Sofort sind sie im Gespräch, tauchen ab in die Vergangenheit einer Szene, in der es berüchtigte Orte wie die Flohmarkthallen gab und Sprayer, die ins Unglück stürzten. Einer setzte sich den goldenen Schuss, ein anderer floh vor Schulden nach Thailand, um dort Mönch zu werden. Und immer wieder wurden Sprayer von U- oder S-Bahnen überfahren.

Spies wollte den Jugendlichen klarmachen, dass sie in den Gleisen nichts verloren haben. "Mein Ansatz war, mit den Burschen zu reden", sagt er, ehe er sie an Polizei oder U-Bahnwache übergab. Sichtete Spies ein rollendes Graffiti, fotografierte er es und schickte den besprayten Wagen sofort in die U-Bahn-Waschanlage. Zum einen ließ sich die noch frische Farbe leichter wegschrubben, zum anderen sollte der Anreiz für die Sprayer sinken, wenn die Öffentlichkeit die Kunstwerke nie zu Gesicht bekam.

Alois Spies fotografierte die Graffitis, bevor er dafür sorgte, dass sie auf U-Bahnen sofort entfernt wurden.

(Foto: Florian Peljak)

Spies erzählt von den Tricks, die er sich ausgedacht hatte, um Sprayer zu ertappen: Zum Beispiel "crosste" er ein Graffiti, machte es also unkenntlich. In einer Mülltonne versteckte er eine Kamera und verschanzte sich selbst mit dem dazugehörigen Monitor in der Nähe. Wenn jemand über das zerstörte Graffiti sauer wurde, konnte er sich sicher sein, den Künstler gefunden zu haben.

Je länger sich Spies mit Graffiti befasste, desto differenzierter betrachtete er die ganze Sache: Er unterschied zwischen Schmierern und Graffitikünstlern. Als jahrzehntelanges Mitglied des Gemeinderats setzte er sich dafür ein, dass den jungen Künstlern Flächen zur Verfügung gestellt werden, wo sie legal sprayen konnten.

"Graffiti ist Jugendkultur, und die muss man fördern", war seine Ansicht. Alimardanis Kunstwerke gefielen ihm von Anfang an. Er war es, der dafür sorgte, dass Alimardani auf das Jugendzentrum Kirchheim einen Regenwald mit Schmetterlingen sprayen durfte. Spies ärgert es, dass "das schöne Bild" in diesem Jahr übermalt worden ist.

Spies geriet zunehmend in den Konflikt mit seiner Rolle als Graffitijäger. 2001 wurde er vorzeitig in den Ruhestand entlassen. Die Stadtwerke hätten ihn loshaben wollen, erzählt er. Es passte nicht, dass einer, dessen Job es war, Sprayer, Schmierer und Kratzer zu jagen, Sympathien für Graffitikünstler entwickelte.

Je länger sich Alois Spies mit Graffiti befasste, desto differenzierter betrachtete er die ganze Sache: Er unterschied zwischen Schmierern und Graffitikünstlern.

(Foto: Florian Peljak)

An den folgenreichen Nachmittag im Jahr 1994 erinnert sich Spies noch gut. Zwei Buben klingelten bei ihm, weil sie wussten, dass er irgendetwas mit "Schmierereien" zu tun habe. Sie hatten beobachtet, dass jemand Comicfiguren und Buchstaben in eine Unterführung malte. "Und ich konnte ja nicht nichts machen", sagt Spies. Es klingt wie eine Entschuldigung dafür, dass er damals die Polizei rief.

Alimardani war damals 17 Jahre alt, studierte Grafikdesign, und Sprayen war sein Leben. Er dachte sich nichts dabei, am Tag mit Leiter, Farbeimer und Spraydosen zu einer Unterführung zu spazieren. Er weißelte erst einmal die Wand, ehe er seine Skizze vom Block übertrug. Nach drei Stunden, er war gerade fertig geworden und bekam allmählich Hunger, kamen plötzlich von beiden Seiten Polizisten angerannt. Er war sich keiner Schuld bewusst. "Ich habe die Wand doch verschönert", sagte er zu ihnen.

Das Gericht ließ ihn Sozialstunden ableisten und seine Graffiti übermalen. Den Buben, die ihn verpfiffen hatten, schenkte die Polizei je hundert Mark. Die Geschichte vom "Grafikerlehrling, der seinen Beruf auch in der Freizeit ausübt" - wie die SZ damals schrieb - sprach sich herum.

Eines Morgens stand ein Typ vor Alimardanis Haustür und fragte: "Können Sie meine Garage besprühen?" Das war Alimardanis erster bezahlter Auftrag. Er ließ sich 800 Mark plus die Spraydosen zahlen und sprühte mit einem Kumpel Katzenaugen auf die Doppelgarage.

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