Gewalt auf Polizeiwache in München Verdächtige in Uniform

Eine Dolmetscherin verlässt eine Münchner Polizeiwache mit Beulen und Wunden. Zunächst stehen allerdings nicht die Polizisten vor Gericht, sondern sie selbst. Nun wird doch noch gegen die Beamten ermittelt - während des Prozesses machten sie sich verdächtig.

Von Christian Rost

Die Staatsanwaltschaft München I ermittelt gegen zwei Polizisten wegen des Verdachts der uneidlichen Falschaussage vor Gericht. Die Beamten hatten im März dieses Jahres in einem Prozess um eine 60-jährige Dolmetscherin am Münchner Amtsgericht als Zeugen ausgesagt. Elena S. war eigenen Angaben zufolge von einem der Polizisten in der Inspektion am Hauptbahnhof schwer misshandelt worden.

Sichtbare Verletzungen: Die Dolmetscherin auf einem Foto, das nach dem Besuch auf der Wache entstanden ist.

(Foto: oh)

Während die Ermittlungen gegen die Polizisten eingestellt wurden, musste sich die Frau einem Prozess stellen. Vorwurf: Sie habe einen Beamten an der Hand gekratzt. Beide Polizisten beharrten im Zeugenstand darauf, dass sich die Frau ihre Prellungen und Schürfwunden am Kopf selbst beigebracht habe. Das Opfer sowie mehrere Zeugen sagten, sie sei von einem Polizisten gegen eine Wand geschleudert worden.

Auch das Verfahren gegen Elena S. endete letztlich mit einer Einstellung wegen geringer Schuld. Da die Zeugenaussagen aber so eklatant voneinander abwichen, nahm sich die Staatsanwaltschaft die beiden Polizisten noch einmal vor, die inzwischen als Beschuldigte angesehen werden.

Peter Preuß von der Münchner Staatsanwaltschaft bestätigt die Ermittlungen wegen des Verdachts der uneidlichen Falschaussage. Polizeisprecher Wolfgang Wenger betont jedoch, dass nach wie vor "Aussage gegen Aussage" stehe. Und er gibt zu bedenken: "In keinem Bahnhof der Welt ist es einfach zu arbeiten."

Elena S. hatte am 7. März 2011 drei rumänische Bauarbeiter zur PI 16 am Hauptbahnhof begleitet, um für sie zu übersetzen. Sie kannte die Arbeiter von ihrer Tätigkeit als Dolmetscherin für das Hauptzollamt, das die Arbeiter auf einer Baustelle einmal überprüft hatte. Nach einer Messerstecherei unter den Arbeitern erklärte sich Elena S. bereit, den Opfern bei der Anzeige gegen den Täter zu helfen. In der Bahnhofswache geriet diese an sich routinemäßige Angelegenheit außer Kontrolle.

Die Beamten Michael S., 27, und Viktor F., 39, gingen bei der Anzeigenaufnahme offenbar davon aus, dass die Dolmetscherin von der Messerstecherei mehr wisse, als sie preisgebe - und verlangten ihren Ausweis. Die Frau wollte daraufhin nichts mehr sagen und die Wache verlassen. Sie wurde aber nicht fortgelassen. Der mehrfachen Aufforderung, ihren Pass zu zeigen, kam sie nicht nach. Stattdessen rief sie ihre Anwältin an und hinterließ eine Nachricht auf Band, sie werde festgehalten.

Die Schilderungen über die weiteren Geschehnisse in der Wache gehen weit auseinander. Elena S. sagte, sie habe "die Erniedrigungen, das Machtgehabe und die Ausländerfeindlichkeit" der Polizisten satt gehabt und sich auf eine Wartebank gesetzt. Michael S. habe sie dann plötzlich am Arm gepackt, hochgerissen und gegen eine Wand im Vorraum geschleudert: "Das ging mit Schwung, ich konnte mich nicht mehr auffangen", so Elena S. vor dem Amtsgericht.

Gegen die Wand

Ihrer Darstellung nach wurde sie von dem Beamten anschließend in einen Vernehmungsraum bugsiert und dabei noch zweimal mit dem Kopf gegen einen Türstock beziehungsweise gegen eine Wand gestoßen. Sie erlitt Hämatome und eine Schädelprellung. Vor Angst nässte sie sich ein. Fünf Monate lang war sie nach dem Vorfall in psychologischer Behandlung.

Die rumänischen Bauarbeiter hatten zumindest den ersten Aufprall im Vorraum mitbekommen. "Ich dachte, so etwas ist in Deutschland nicht möglich", sagte einer der Zeugen. Eine Rechtsmedizinerin stellte drei Einblutungen an der Stirn der Dolmetscherin fest - und sah darin einen Beleg für mehrere Gewalteinwirkungen.

Michael S., der inzwischen außerhalb Münchens Dienst tut, und sein Kollege Viktor F. bestritten die Attacken. S. sagte vor Gericht, die Frau sei von der Bank aufgesprungen, habe hysterisch um sich geschlagen und sei ohne sein Zutun gegen die Wand gelaufen. Zu den beiden weiteren angeblichen Remplern gegen einen Türstock und eine andere Wand sagte er: "Meiner Meinung nach ist sie nirgends mehr angestoßen." Polizist F. meinte, die Frau sei "nicht durch den Kraftaufwand des Kollegen gegen die Wand gelaufen". Er war aber doch überrascht damals: "Es hat mächtig gescheppert."

Platzwunden, Prellungen, Schüsse

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