Fürstenfeldbruck "Es gibt keinen besseren Platz"

Im Veranstaltungsforum Fürstenfeld wird die Lortzing-Oper "Zar und Zimmermann" aufgeführt. Im SZ-Interview spricht Dirigentin Nazanin Aghakhani über ihre Arbeit.

Von Peter Schelling

Sie ist eine zierliche Person, die bei allem, was sie anpackt, eine unglaubliche Präsenz ausstrahlt. Nazanin Aghakhani, 32, in Wien geborene und aufgewachsene Tochter persischer Eltern, wird an den nächsten zwei Wochenenden im Veranstaltungsforum Fürstenfeld vier Mal die Oper "Zar und Zimmermann" von Albert Lortzing dirigieren. Aghakhani hat klassische Musik und Klavier studiert und sich dann in die Männerdomäne des Dirigierens vorgewagt. Ihr Master-Studium schloss sie vor vier Jahren an der Sibelius-Akademie in Helsinki bei Leif Segerstam ab. Die Tätigkeit des Dirigierens bezeichnet sie in herrlichstem Wienerisch als Fuchteln.

Dirigieren nennt sie "fuchteln: Nazanin Aghakhani (32) in Fürstenfeldbruck.

(Foto: Johannes Simon)

SZ: Frau Aghakhani, Ihrer Vita lässt sich entnehmen, dass Sie unter anderem in Stockholm, Helsinki, Wien, Salzburg und München studiert und gearbeitet haben. Jetzt dirigieren Sie die Oper "Zar und Zimmermann" in Fürstenfeldbruck. Wie kommt es dazu?

Nazanin Aghakhani: Der Grund dafür ist ein ganz einfacher. Es gibt diese enge Verbindung zwischen dem Philharmonischen Chor und dem Akademischen Sinfonieorchester München, das ich seit eineinhalb Jahren leite. Und die hatten nach sechs Jahren Pause den großen Wunsch, wieder einmal gemeinsam eine Oper zu machen. Jetzt ist es eben soweit.

Sie haben schon im Alter von acht Jahren davon geträumt, einmal große Orchester zu dirigieren.

Stimmt. Musik war schon immer außerordentlich wichtig für mich und als Dirigent hat man halt den besten Hörplatz der Welt, den man bekommen kann. Dolby-Surround - kann ich nur empfehlen.

Vor zwei Jahren waren Sie im Iran und haben als erste Frau das Teheran Symphony Orchestra geleitet. War das eine besondere Erfahrung für Sie?

Das war nicht nur eine sehr bewegende, sondern auch eine überaus herzliche Erfahrung. Aber nicht nur für mich alleine, sondern auch für meine Ahnen und Verwandten, wie ich glaube. Auf jeden Fall eine ganz spannende Geschichte. Das Thema Frau als solches im Iran, dann eine junge Frau, die ein großes Orchester dirigiert und die auch noch schwanger ist - eigentlich unvorstellbar. Die Verantwortlichen in Teheran haben sich auch hinreißend große Sorgen gemacht, die Verantwortung für eine Frau tragen zu müssen, die eventuell alle zwei Minuten in Ohnmacht fallen könnte. Im Orient gilt nämlich noch immer, dass eine Frau, die schwanger ist, nicht zu arbeiten hat. Es wird sogar die Phrase verwendet, sie trage die gläserne Last. Deshalb haben sich meine Konzertmeister permanent gefragt, ob sie das überhaupt zulassen können, dass ich dirigiere. Andererseits: Mein Sohn kennt jetzt alle Stücke auswendig, die wir damals gespielt haben.

War es für Sie die erste Reise in das Heimatland Ihrer Eltern?

Es war die erste Reise nach zwanzig Jahren und es war nach so einschneidenden Ereignissen wie einem schweren Autounfall meiner Schwester im Iran und auch aufgrund der politischen Verhältnisse nicht ganz einfach, völlig sorgenfrei dorthin zu fahren. Aber es war doch auch unglaublich wertvoll für mich. Ich habe viele junge Leute getroffen, die nicht nur auf einem Gebiet sehr gut ausgebildet sind. Im Iran gibt es Top-Schwimmer, die Poeten sind, es gibt Schauspieler, die nebenbei als Mechaniker arbeiten, und es gibt eine sehr rege, bunte Kulturszene, von der ich vorher überhaupt keine Ahnung hatte. Das Traurige aber ist, dass diese Leute keinen Ausweg im Land selbst und aus dem Iran finden können. Ihr einziger Ausweg ist Facebook. Ich bin mit vielen Freunden über Facebook eng verbunden.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem Philharmonischen Chor?

Überraschend gut. Ich hatte noch nicht so oft das Vergnügen, mit dem Chor zu proben, aber ich finde, das ist eine Bande lustiger, frohsinniger Menschen unterschiedlichen Alters, die mit Herz und Sinn, wie es ja auch bei Lortzing heißt, fürs Musizieren stehen. Und für unser Opernprojekt ist der Chor von Thomas Gropper sehr professionell vorbereitet worden.

Der Berliner Regisseur Dieter Reuscher inszeniert die Oper in Fürstenfeld eher konventionell als modern oder gar experimentell. Hat das auch Auswirkungen auf Ihre musikalische Arbeit?

Als Dirigentin sehe ich mich in der Hauptsache als Mittlerin. Das heißt, ich habe zuerst dem Komponisten zu dienen. Meine Aufgabe ist es, das zu vermitteln, was der Tonsetzer damals hingeschrieben hat. Mir steht es also nicht an, aus Lortzing eine moderne, neue Sache zu machen. Die zeitgenössische Musik hat für mich zwar eine ganz besondere Bedeutung, aber gerade einen guten alten Lortzing im italienischen Buffo-Stil zu bringen, bereitet enorm viel Freude, weil man da ein altes Zeitportal öffnet. Ich verstehe mich da auch mit unserem Regisseur Dieter Reuscher sehr gut, weil in dieser Oper schon alles vorhanden ist, was man braucht. Man muss nicht extra künsteln und die Leute im Neonkostüm auf die Bühne schicken. Lortzing macht auch so Spaß.

Wer hat dann letztlich die konzeptionelle Richtung vorgegeben, der Regisseur oder die musikalische Leiterin?

Das Interessante an dieser Geschichte ist, dass wir uns im Entstehungsprozess der Aufführung gegenseitig überhaupt nicht so sehr auf die Finger geschaut haben, weil für uns eh alles klar war. Obwohl ich mich sehr viel und gerne mit zeitgenössischer Musik beschäftige, bin ich doch ein traditionsbewusster Mensch. Deswegen habe ich überhaupt erst klassische Musik studiert und deswegen funktioniert auch die Zusammenarbeit mit dem Dieter so gut. Für uns beide stand von Anfang an fest: So, wie's geschrieben steht und nicht anders.

Sie wohnen in Oberösterreich in der Nähe von Gmunden, also auf halbem Weg zwischen München und Wien, der Regisseur kommt aus Berlin, Caterina Maier, die als Marie die Hauptpartie singt, lebt in Köln, und die anderen Solisten kommen auch nicht gerade aus der unmittelbaren Umgebung. Erschwert das die Probenarbeit nicht ungemein?

Ich sage nur: Lang lebe das Internet. Wir haben die meisten Dinge per E-Mail besprochen und beschlossen. Da merkt man eben doch, dass wir schon im 21. Jahrhundert leben und nur eine Oper aus einem anderen Zeitalter machen. Ich wage sogar zu behaupten, dass diese Art von Kommunikation die Terminvereinbarung und die Probenarbeit erleichtert hat.

Sie gelten eigentlich als Spezialistin für zeitgenössische Musik und haben bei "Wien Modern" Uraufführungen betreut. Albert Lortzings "Zar und Zimmermann" kommt eher aus der Mottenkiste, die Oper steht an den großen Häusern kaum noch auf dem Spielplan.

Es gibt aber durchaus auch da eine Brücke zur zeitgenössischen Musik, nämlich folgende: Wenn ich mit einem jungen Komponisten arbeite, dann versuche ich ihn ja einem Publikum näher zu bringen, das von diesem Komponisten vielleicht noch nicht so viel gehört hat. Das Gleiche passiert hier mit Lortzing. Er wurde ja schon zu Lebzeiten verkannt und zurzeit spielt man ihn tatsächlich nur ganz selten. Genau das ist aber der gleiche Nervenkitzel, der mich hier berührt - etwas auszupacken, das nicht so oft gemacht wird. Außerdem bin ich jemand, der den Humor gerne an die erste Stelle setzt. Und im "Zar und Zimmermann" ist so viel Humor im Ton, in der Sprache und im Schauspiel enthalten, dass es einfach Spaß machen muss.

Was ist einfacher: Ein Orchester und einen großen Chor mit Solisten zu dirigieren, oder die Kinderbetreuung während der Probenarbeiten und Aufführungen zu organisieren?

Ersteres, ganz klar. Eigentlich hätte mein 20 Monate alter Sohn David heute bei der Probe in Fürstenfeld dabei sein sollen, aber das ging sich dann doch nicht aus. Leider, denn Lortzing kennt er noch nicht.

Zar und Zimmermann von Albertz Lortzing, Samstag, 19 Uhr, und Sonntag, 17 Uhr, sowie am 27. und 28. Juli (19 Uhr) im Veranstaltungsforum Fürstenfeld, Karten unter Telefon 08141/666 54 44